Bild: © KPMG

Herr Salcher, die Beratungsgesellschaft KPMG gibt jährlich den Future Readiness Index heraus. Um was geht es hier überhaupt?
Interessierte Leser Ihrer Zeitung werden bereits in vorherigen Berichten gelesen haben, dass KPMG die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in seinem jährlichen Future Readiness Index abbildet. Dazu befragen wir rund 600 Entscheider, die ihre Einschätzung bezüglich der Kategorien Optimismus, Zukunftsreifegrad des eigenen Unternehmens, perspektivische Investitionsschwerpunkte und zu den zukünftigen Trends abgeben. Mit etwas unterschiedlicher Gewichtung dieser Teilbereiche ergibt sich ein aktueller Wert von 6,1 von 10 für die Gesamtwirtschaft und 5,9 für die Energiewirtschaft.

Vergangenes Jahr lag der Wert noch bei 6,2, jetzt ist er auf 5,9 gesunken. Was ist passiert?
Vor dem Hintergrund der aktuellen weltwirtschaftlichen Entwicklungen wirkt sich die allgemein zurückhaltendende Stimmung in 2019 auch auf die deutsche Wirtschaft und den Energiesektor aus. Die Verunsicherung spiegelt sich vor allem in den Indexparametern Optimismus und zukünftige Investitionen wider, die im Vergleich zum Vorjahr deutlich rückläufig sind. Natürlich sind nicht alle verhaltenen Antworten aus der Energiewirtschaft auf das weltwirtschaftliche Klima zurückzuführen. Nach dem Konsolidierungskurs der letzten Jahre blickte die Branche optimistisch und voller Tatendrang in die Zukunft. Dieser Optimismus ist einer leichten Ernüchterung gewichen: 2019 hat sich der Energiesektor in unserem Branchenvergleich auf den vorletzten Platz verschlechtert und der Optimismus sank um 1,1 Punkte bzw. 18 Prozent innerhalb eines Jahres. Nichtsdestotrotz sehen wir positiv in die Zukunft und beobachten für die Energiewirtschaft viele neue Chancen. Auf einige von ihnen gehen meine Sektorkolleginnen und -kollegen und ich auch näher in unserer Videoserie „Energiewirtschaft 2022“ ein.

In der Energiewirtschaft wird inzwischen vor allem in die Kundenbedürfnisse investiert…
Nach der Liberalisierung der Energiemärkte und angesichts der sich entwickelnden technologischen Möglichkeiten rückt der Kunde mit seinen Erwartungen und Bedürfnissen kontinuierlich in den Fokus der strategischen Ausrichtung. Energieversorgungsunternehmen (EVU) haben völlig zurecht erkannt, dass der Kunde der zentrale Entscheider über Erfolg oder Misserfolg von Innovationen und weiteren Diensten neben der reinen Lieferung von Elektrizität ist. Hier schlummern noch weitere Potenziale. Es geht schon lange nicht mehr darum, seine Kunden einfach nur mit Strom, Gas oder Wärme zu beliefern, vielmehr gilt es, die zusätzlichen Bedürfnisse zu antizipieren und durch neue Lösungen zu bedienen. Hier benötigt man Investitionen in Geschäftsentwicklung und neue Ideen, die etwa in Richtung Elektromobilität, Versorgung von Ballungszentren oder Gebäudetechnik gehen.

Die Investitionsbereitschaft hingegen ging deutlich zurück, warum?
Gerade in etwas unsicherer wirkenden Zeiten – der Optimismusrückgang aus unserer Umfrage zeigt es anschaulich – werden Investitionsentscheidungen eher vorsichtiger getroffen. Viele EVU agieren wesentlich kundenzentrierter und verzichten gegebenenfalls auf andere Investitionen. Mit dem Verschwimmen der Branchengrenzen entstehen neue Chancen auf Kundenseite auch in sektorkonvergenten Fragestellungen: Breitbandausbau, Elektromobilität, neue Speichertechnologien, Gebäudemanagement oder Wasserstoffwirtschaft bringen neue Potenziale mit sich. Bereits jetzt sehen wir wieder vermehrt Investitionsaktivitäten.

Die Studie erklärt die Ernüchterung der Branche mit der Regulierung.
Sicher sind unsere rückläufigen Umfrageergebnisse nicht nur auf einen spezifischen Grund zurückzuführen. Der Markt verändert sich. Große Player passen ihre strategischen Ausrichtungen neu an und das hat einen Einfluss auf die komplette Branche. Hinzu kommen Effekte aus anderen Branchen. Die Energiewirtschaft ist auf der Suche nach neuen Absatzmöglichkeiten und durch die Systemrelevanz der Branche bedingt, spielt Regulierung immer eine zentrale Rolle. Hier müssen Politik, Energiewirtschaft und Gesellschaft am Ball bleiben. Einige Weichen, wie für den Kohleausstieg, wurden schon gemeinschaftlich gestellt. Bei anderen Fragestellungen wie zum Netzausbau, zum weiteren Zubau von erneuerbaren Energien, der Wärme- und Verkehrswende sowie in Sachen Digitalisierung muss von allen Seiten weiterhin intensiv gearbeitet werden, um die Ziele von Ökologie und Ökonomie gemeinschaftlich voranzutreiben. Nehmen wir hier als Beispiel den avisierten Smart Meter Rollout, der für die Branche so wichtig ist.

Dabei heißt es aber in der Studie auch, Smart Metering und Mieterstrom bringen noch nicht die erhofften Impulse.
Das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende wurde bereits 2016 verabschiedet und trägt einen großen, verheißungsvollen Namen, dem es sicherlich nicht in Gänze gerecht werden kann. Aber gerade durch die Verzögerungen beim Übergang in das Zielmodell sind einige Potenziale bei der Digitalisierung der Branche noch zu heben. Meiner Meinung nach wäre ein schneller, flächendeckender Ausbau von intelligenten Messeinheiten eine der wesentlichen Grundvoraussetzungen für eine digitale Energiewirtschaft, die den Herausforderungen der Energiewende möglichst kostenoptimal entgegentreten kann.

Momentan liegen datenbasierte Geschäftsmodelle für EVU leider noch nicht in einer Ausprägung vor, die kurzfristige Rentabilität verspricht – was nicht gerade die beste Voraussetzung für einen schnellen Start ist. Wenn aber künftig über die Smart Meter eine viel feinere Granularität der Datenerfassung möglich ist, kann das die Grundlage dafür bilden, dass in Zukunft die volatilere, dezentrale Erzeugung mit einer jetzt flexibler steuerbaren Nachfrage effizient vereint werden kann. Konkret könnte das bedeuten, dass flexible Strompreise beispielsweise dann einen Business Case für Heimspeicher bedingen und gleichzeitig eine Lenkungswirkung beim Laden von Elektroautos entfalten. Hiervon können EVU, der Endverbraucher und die ganze Gesellschaft profitieren. Die Energieversorger müssen hier für eine erfolgreiche Digitalisierung Grundlagenarbeit leisten. Nur dann können sie später als Vorreiter die Früchte der eigenen Arbeit ernten.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

Lesen Sie im zweiten Teil morgen: Welche Investitionsfelder rentieren sich für EVU – auch für kleinere Stadtwerke, worauf gilt es hier zu achten und welche Potenziale stecken im Klimaschutz?

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