Vorstandsvorsitzender von Civitas Connect Heinz-Werner Hölscher, Geschäftsführer der SWO Netz GmbH aus Osnabrück, sowie Ludger Hemker, Geschäftsführer der Items GmbH, Münster, und Beisitzender des Vereins im gemeinsamen ZfK-Interview

Vorstandsvorsitzender von Civitas Connect Heinz-Werner Hölscher, Geschäftsführer der SWO Netz GmbH aus Osnabrück, sowie Ludger Hemker, Geschäftsführer der Items GmbH, Münster, und Beisitzender des Vereins im gemeinsamen ZfK-Interview

Bild: © Stadwerke Osnabrück/Items

Herr Hölscher und Herr Hemker, am 22. Juni wurde Civitas Connect gegründet? Was steckt hinter dem Verein?
Vorstandsvorsitzender Heinz-Werner Hölscher, Geschäftsführer der SWO Netz GmbH, Osnabrück: Der Verein Civitas Connect verfolgt als unabhängige Kooperationsplattform das Ziel, die Digitalisierung in Städten, Kommunen und Gemeinden aktiv voranzutreiben. Dabei nehmen für uns kommunale Unternehmen der Versorgungswirtschaft eine zentrale Stellung ein. Wir vernetzen diese Player, um gemeinsam Innovationen und Produkte für die individuelle Ausgestaltung einer Smart City durch die Akteure vor Ort zu gestalten und weiterzuentwickeln. Die ersten Arbeitsgruppen zu den Themen Konnektivität, Sensorik, LoRaWAN-Anwendungen, Wissensdatenbank und Fördermittel haben ihre Arbeit bereits aufgenommen. Kurz: Wir wollen bei der Entwicklung und Umsetzung konkreter Anwendungen und Lösungen qualitative Vorteile generieren sowie wirtschaftlichen Nutzen erzeugen. Damit kann die digitale Daseinsvorsorge und die Entwicklung einer Smart City in den Versorgungsgebieten unserer Mitglieder schneller Fahrt aufnehmen.

Ludger Hemker, Geschäftsführer der Items GmbH, Münster, und Beisitzender des Vereins: Wir sind jetzt, bei der Gründung von Civitas Connect bereits eine unerwartet große Runde von Mitgliedern. Das sind 22 kommunale Unternehmen der Versorgungswirtschaft, die ein hohes Interesse an einer überregionalen Kooperation zur Unterstützung ihrer jeweiligen Umsetzung vor Ort haben. Selbstverständlich sind wir sehr daran interessiert, neue Mitglieder aus kommunalen Versorgerkreisen zu gewinnen, um für alle Beteiligten die Kooperationsmöglichkeiten weiter auszubauen. Unser Verein steht allen interessierten Stadtwerken, Netzbetreibern und Regionalversorgern offen, die sich gemeinsam mit Gleichgesinnten den strategischen und operativen Anforderungen der Digitalisierung stellen wollen. Neue Mitglieder sind daher herzlich willkommen! Den aktuellen Austausch über Änderungen, Trends und neue Lösungen fördern wir aktiv durch unterschiedliche Formate auf den Fach- und Führungsebenen, wie regelmäßige Arbeitsgruppentreffen und Konferenzen sowie gemeinsame Online-Angebote, wie etwa der Wissensplattform.

Herr Hemker, Initiator für Civitas Connect war die Items GmbH. Was war der Auslöser?
Ludger Hemker: Seit über zweieinhalb Jahren begleiten wir unsere Kunden dabei, die Rolle der digitalen Daseinsvorsorge zu gestalten und umzusetzen. Auf Basis der Projekterfahrungen und oft ähnlich gelagerten Problemstellungen und Lösungsansätzen ist uns schnell das Potenzial des Austauschs und der Kooperation klargeworden. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass die Energie, die wir aufbringen müssen, um die Smart City/Smart Region zu realisieren und Geschwindigkeit dabei aufzunehmen, nur gemeinsam zu realisieren ist. Da es Teil der Unternehmensvision der Items GmbH ist, Stadtwerken Plattformen für den Austausch und die Zusammenarbeit zu bieten und wir über zwanzig Jahre Erfahrung im Aufbau und in der Weiterentwicklung von Stadtwerkekooperationen haben, war für uns schnell klar, dass der Bereich der digitalen Daseinsvorsorge ein optimal geeignetes Kooperationsthema ist. Auf dieser Basis haben wir im Januar zu einem ersten Workshop eingeladen und genau diese These gemeinsam mit vielen interessierten Stadtwerken diskutiert. In dem Workshop kristallisierte sich heraus, dass eine Kooperation in Form eines Vereins sinnvoll ist. Die Gründung ist nun erfolgt. Es war für Items keine Frage, Mitglied des Vereins zu werden und sich aktiv in die Gemeinschaft einzubringen.

Herr Hölscher, Sie vertreten die SWO Netz GmbH, waren Mitinitiator bei der Gründung des Vereins und sind zudem Vereinsvorsitzender. Was war für Sie ausschlaggebend, sich für den Verein zu engagieren?
Heinz-Werner Hölscher: Als hunderprozentiges Tochterunternehmen der Stadtwerke Osnabrück und Netzbetreiber mit den Sparten Strom, Gas, Wasser, Abwasser, Straßenbeleuchtung und Telekommunikation liegt die kommunale Daseinsvorsorge sozusagen in unserer DNA. Auf Basis unserer Vision „Unternehmen Lebensqualität“, der wir uns als Stadtwerke Osnabrück verschrieben haben, ist längst auch die digitale Daseinsvorsorge ein wichtiger Baustein. Gemeinsam mit der Stadt als Anteileigner und Kooperationspartner ist unser klar formulierter Anspruch, das Thema Smart City in unserem Versorgungsgebiet proaktiv zu gestalten. Um diesen Anspruch mit Leben zu füllen, sind wir seit Jahren in unterschiedlichen Kooperationen aktiv. Vom Glasfaserausbau, den wir mit der EWE TEL seit Ende der 90er Jahre vorantreiben, über die Abrechnungsplattform „Billing4us“, die wir seit 2010 mit der Items und mittlerweile zehn anderen Netzbetreibern und Energielieferanten weiterentwickeln, bis zum jetzt gegründeten Verein Civitas Connect verfolgen wir Kooperationen. In der zielgerichteten Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten liegt auch bei diesem Verein für uns eine enorme Kraft, um die Themen erfolgreich zu gestalten.

Was war die Motivation zu der unabhängigen kommunalen Initiative?
Heinz-Werner Hölscher: Wir haben nicht zuletzt in den letzten Wochen und Monaten der Corona-Pandemie erlebt, was passiert, wenn das, was Lebensqualität ausmacht, nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist. Und doch haben sehr viele Akteure, wie u. a. die kommunalen Versorgungsunternehmen, mit hohem Engagement weiterhin zuverlässig ihren Beitrag zur Daseinsvorsorge geleistet. Diese jüngsten Ereignisse zeigen jedoch auch, dass die Weiterentwicklung der Digitalisierung wirklich wichtig ist. Und genau da leisten wir unseren Beitrag zur Lebensqualität in einer Smart City, angefangen vom Ausbau von Glasfaser- und Mobilfunknetzen bis hin zu IoT-Anwendungen. Um den Mehrwert einer Smart City zu realisieren, bedarf es jedoch nicht nur einer technischen Lösung, sondern auch eines überregionalen Kompetenz- und Know-how-Austauschs. Hierfür bietet der Verein seinen Vereinsmitgliedern auf kommunaler Ebene die entsprechende, neutrale Kooperationsplattform.








Ludger Hemker: Die Komplexität und die Neuartigkeit der Aufgabenstellung sind sicherlich große Treiber für die Initiative. Neben der Vielzahl an technischen Fragestellungen sind bei der Umsetzung der digitalen Daseinsvorsoge auch wirtschaftliche, politische, organisatorische und kulturelle Fragen zu beantworten. Wir können in Civitas Connect gemeinsam Produkte und Lösungen entwickeln wie betreiben und damit Doppelarbeit vermeiden, Standards definieren, uns über Change- und Kommunikationsprozesse in den Städten und in den Unternehmen austauschen, gemeinsame Interessen nachhaltiger vertreten und voneinander lernen. Kurzum: Wir erhöhen die Geschwindigkeit und die Schlagkraft!

Wie soll der kommunale Austausch auf der Plattform stattfinden?
Heinz-Werner Hölscher: Aktuell entwickeln wir u. a. ein Wiki als Wissensdatenbank für konkrete und umsetzbare IoT-Anwendungen. Hier sollen alle Projekterfahrungen der Mitglieder im Bereich Smart City sowie die Ergebnisdokumentation aus den gemeinsamen Arbeitsgruppen einfließen. Zusätzlich bauen wir aktuell ein Fördermonitoring auf, das auch eine Übersicht über alle aktuellen und kommenden Förderprogramme im Bereich Smart City/Smart Region über das Wiki zur Verfügung stellt. In den Arbeitsgruppen werden Lösungen und Business-Cases gemeinsam entwickelt, die dann dem gesamten Netzwerk zur Verfügung gestellt werden. Für die Arbeit und den Austausch stehen neben dem Wiki auch Kollaborationsplattformen und Entwicklungsumgebungen zur Verfügung. Transparenz und offene Kommunikation sind essenziell für das Gelingen der Kooperation.


Ludger Hemker: Uns ist aber auch der persönliche Austausch unter den Mitgliedern wichtig. Neben Onlineformaten und der Jahreshauptversammlung werden themenspezifische Arbeitsgruppen eingerichtet, um den Austausch zu fördern. In einem weiteren Schritt sind dann Events und Austauschformate z. B. für die zugehörigen Kommunen geplant. Neben dem vereinsinternen Austausch möchten wir ab 2021 mit der CIVI/CON in Osnabrück ein jährliches Eventformat für die Branche etablieren, um über den Verein hinaus den Austausch mit Partnern, Interessierten, anderen Branchen und der Politik zu suchen. Neben der CIVI/CON hinaus planen wir aktuell noch weitere Formate, um den Verein und unsere Arbeit nach außen hin zu öffnen.

Wie ist gewährleistet, dass es nicht nur beim Austausch (Reden) bleibt, sondern dass auch wirklich gemeinsame Projekte initiiert werden?
Ludger Hemker: In Civitas Connect werden nicht nur gemeinsam Schwerpunktthemen abgestimmt, sondern daraus dann konkrete Aufgabenstellungen zur Entwicklung und Umsetzung von Lösungen an kleine, agile Arbeitsgruppen übertragen. Hier ist es wichtig, dass sich die Vertreter aus den Mitgliedsunternehmen dann entsprechend ihrer Interessen in den Arbeitsgruppen einbringen. Aufgabenstellungen können dabei strategischer, technischer oder organisatorischer Natur sein. Die Steuerung der Arbeitsgruppen und die Konsolidierung der Ergebnisse werden von der Geschäftsstelle des Vereins koordiniert.

Gibt es bereits erste Projekte, die umgesetzt wurden?
Heinz-Werner Hölscher: Ja, bereits im März haben die ersten Arbeitsgruppen die Arbeit aufgenommen. So ist etwa das Ziel der AG „Smart City-Datenplattformen und Architekturen“ die Erstellung eines Architekturbildes bzw. eines Visionsbildes für eine Smart City-Datenplattform inkl. der Kommunikationsnetze. Dabei geht es auch um die erste Anforderungsdefinition, Berücksichtigung erster Proof of Concept-Ergebnisse sowie die Abstimmung weiterer Machbarkeitsstudien zur Konkretisierung der Anforderungen und der Softwarekomponenten. In einem zweiten Schritt geht es dann um die Ableitung weiterer Arbeitsgruppen. Darüber hinaus ist geplant, allen Vereinsmitgliedern eine Testumgebung der abgestimmten Smart City-Datenplattform kostenfrei bereitzustellen. Und die AG „LoRaWAN-Netzbetrieb“ arbeitet an technischen und organisatorischen Klärungen und Konzepten, die es für den stabilen Betrieb eines Funknetzes bedarf. Wie kann und wird ein belastbarer Netzbetrieb eines LoRaWANs aussehen, welche Prozesse sind notwendig und wer muss mit einbezogen werden?





Ludger Hemker: Eine weitere Arbeitgruppe beschäftigt sich mit Einkaufskonditionen. Wenn Use-Cases als Lösung in Arbeitsgruppen umgesetzt sind und sich zentrale Hardwarekomponenten durchgesetzt haben, möchten wir zentral für alle Vereinsmitglieder Einkaufskonditionen mit Lieferanten abstimmen. Durch die größeren Stückzahlen lassen sich so Rabatte erzielen, die wiederum für den Business-Case relevant sind. Das gleiche gilt auch für zentrale Infrastrukturkomponenten.
Neben diesen ersten Arbeitsgruppen gilt es aktuell, die laufenden Projekte und Erfahrungen auf die Plattform zu bekommen. Der Plan ist hier, im Bereich LoRaWAN noch in diesem Jahr 10 bis 15 belastbare Anwendungsfälle soweit umgesetzt und dokumentiert zu haben, dass diese von Dritten direkt übernommen und umgesetzt werden können. Der Verein will sich gerade durch die operative Schlagkraft auszeichnen.


Die Fragen stellte Stephanie Gust.

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