Anyline, 2014 als Start-up gegründet, hat sich inzwischen zum schnellst wachsenden Unternehmen in der europäischen KI(Künstliche Intelligenz)-Szene entwickelt. Begonnen hatte alles mit vier Personen, inzwischen sind die Wiener auf ein Team von über 30 Mitarbeitern gewachsen.
Laut eigenen Angaben zählen sie zu den weltweit führenden Anbietern mobiler OCR-Lösungen. Unter Optical Character Recognition (OCR) versteht man Texterkennung: Mittels einer Handy-Kamera lassen sich Schrift, Zahlen und Symbole scannen.
Namhafte Kunden in der Energiewirtschaft
Im Energiebereich lohnt sich das beispielsweise beim Erfassen von Zählerständen: Mit der Zählernummer lässt sich dadurch auch der Zähler selbst eindeutig identifizieren und der gesamte Prozess deutlich einfacher dokumentieren, weil feststeht, wann, welcher Zähler, wo, von wem ausgelesen wurde.
Den Software-Baustein dazu bietet Anyline. Dieser lässt sich in Apps von Versorgern integrieren, und kann Kunden und Mitarbeitern zur Verfügung gestellt werden. Zur Kundschaft gehören Eon, Innogy, Vattenfall, die Stadtwerke aus Düsseldorf und Münster sowie EnviaM. Insgesamt beliefere man zwischen 40 und 50 Energieversorger von Chile bis Australien.
Von der App-Agentur zum Start-up
Marketing-Chef Jakob Hofer und Mitbegründer von Anyline erinnert sich noch an die Anfänge als Start-up. So kannten sich ihm zufolge die vier Gründer bereits vorher. »Wir hatten eine App-Agentur, bevor wir uns entschieden, ein Start-up zu gründen«, so Hofer. 2014 kamen die ersten Investoren an Bord, 2015 veröffentlichte man das erste Software Development Kit, also eine Sammlung von Programmierwerkzeugen, die zur Entwicklung der Software dienen.
Die Rekrutierung von Fachpersonal habe sich nicht als so schwierig erwiesen: Aus der App-Agentur kamen einige Mitarbeiter mit zu Anyline. Auch ein paar Freunde wurden angeheuert. Die Organisation sei in den Anfangsjahren ziemlich locker gewesen. Ein ausschlaggebendes Argument pro Anyline auf dem Arbeitsmarkt war die autonome Arbeitsumgebung. »Das Wichtigste war, Menschen zu finden, die für uns richtig waren«, sagt Hofer.
Schwierigkeiten in der Gründerzeit
Inzwischen bitte man jedes neue Teammitglied explizit darum, eine aktive Rolle bei der Entwicklung des Unternehmensleitbildes zu übernehmen und sicherzustellen, dass im Büro ein positives Arbeitsumfeld herrscht. Auch versuche man stets, dass das Team eine ordentliche Menge an sozialen Aktivitäten habe.
Es gab in der Anfangszeit aber auch Schwierigkeiten, räumt Hofer ein. Projekte habe man etwa zu Beginn nicht so gut verwaltet. Das sei einer der größten Unterschiede zum damaligen Start-up und dem heute gewachsenen Unternehmen.
Struktur statt Zufall
»Heute stellen wir sicher, dass alle Projekte dem bestmöglichen Teammitglied zugeordnet werden und dass in allen Fällen ein klarer Ausführungsplan eingehalten wird. Damals war es eher »woran arbeitest Du heute?«, erzählt Hofer.
Zwar könne es mehr Spaß machen, wenn jeder an seinem eigenen Ding arbeitet, aber eine Strategie, sei dann doch nötig, wolle man aus einem Start-up ausbrechen. Für manche Leute sei diese Veränderung schwierig gewesen, weil es genau diese autonome Arbeitsumgebung gewesen sei, die viele zu Anyline gezogen habe.
Balance zwischen Strategie und Opportunismus
Zu Beginn der Umstrukturierung habe man sich außerdem überschätzt, erinnert sich Hofer. Leicht sei es nicht gewesen. »Wir arbeiten jetzt konstant daran, die richtige Balance zwischen Strategie und Opportunismus zu finden, damit Innovation und Selbständigkeit nicht auf der Strecke bleiben«. Dazu gehöre es auch, dass das Management sich zurücknehme und die Mitarbeiter selbständig Lösungen oder neue Ansätze finden lasse, »da wir wissen, dass sie darin oftmals besser sind als wir«, bekennt Hofer.
In der neuen Organisationsstruktur sei es nun klar geregelt, wo die Verantwortlichkeiten liegen. Es gebe Teams für Management, Entwicklung, Vertrieb, Marketing und Produkt, wobei einige Teams kleinere Einheiten wie »Forschung und Entwicklung« (F&E) hätten. Gleichzeitig setze man aber auch immer noch auf einen sehr offenen Arbeitsplatz, an dem alle dazu ermutigt werden, Themen voranzubringen, in welcher Abteilung sie sich auch befinden. Zudem sei es üblich, dass die Teams zusammenarbeiten. (sg)



