Die kommunale Wärmeplanung spielt eine Schlüsselrolle dabei, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral wird. Doch viele Verwaltungen und auch kommunale Unternehmen tun sich schwer damit, den komplexen Prozess zu starten. Die auf den öffentlichen Sektor spezialisierte Beratung PD hat gemeinsam mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund einen Leitfaden entwickelt. Dieser soll Kommunen und Stadtwerke dabei unterstützen, die Wärmeplanung effizient und passgenau aufs Gleis zu bekommen. Im Interview erläutert Georg Ratjen, Manager im Team Nachhaltigkeit, Umwelt und Klimaschutz bei PD, wie Kommunen und Stadtwerke am besten Hand in Hand arbeiten, welche entscheidenden Hebel es für eine erfolgreiche Wärmeplanung gibt und wie man mit wechselnden politischen Mehrheiten umgeht.
Herr Ratjen, welche konkreten Herausforderungen haben die zehn beteiligten Kommunen im Beratungsprozess benannt – und wie sind diese in den Leitfaden zur kommunalen Wärmeplanung eingeflossen?
Die Kommunen haben entlang aller Phasen der kommunalen Wärmeplanung Herausforderungen identifiziert: Dazu gehörten zum Beispiel die organisatorische Verankerung in Verwaltungsprozessen, rechtssichere Ausschreibungen oder die Auswahl qualifizierter Dienstleister. Auch die Steuerung externer Akteure ist für viele Kommunen herausfordernd. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Datenbeschaffung. Insgesamt könnte eine gut umgesetzte Digitalisierung und Standardisierung die kommunale Wärmeplanung deutlich vereinfachen. Wichtig ist zudem die Frage der Praxisnähe und Finanzierung. Wir haben mit dem Leitfaden konkrete Arbeitshilfen zur Verfügung gestellt.
Kommunen gelten bei der Wärmeplanung als "planungsverantwortliche Stelle"? Sind sie dafür strukturell überhaupt ausreichend vorbereitet?
Im Wärmeplanungsgesetzen werden Städte und Gemeinden ausdrücklich als planungsverantwortliche Stelle benannt. Man kann die Wärmeplanung als stadtplanerische Aufgabe verstehen. Oft ist sie daher bei der Bauleitplanung angesiedelt, oder es gibt eine Ansiedlung in der Umweltabteilung. Entscheidend ist die Qualität der Zusammenarbeit über die zu beteiligenden Ressorts hinweg: Es braucht dafür ein klares Mandat und sichtbare Rückendeckung durch die Leitungsebene.
Wie sollen kleinere Gemeinden die Wärmeplanung stemmen, wenn ihnen Fachpersonal und Know-how fehlen?
Eine gute Möglichkeit ist, sich mit anderen Kommunen in sogenannten Konvois zusammenzuschließen. So lassen sich Ressourcen bündeln und Aufgaben effizienter verteilen. Bei gemeindeübergreifenden Ansätzen bietet es sich an, die Landkreise eng einzubeziehen. Kleine Kommunen bis 10.000 Einwohner:innen können darüber hinaus ein vereinfachtes Verfahren zur Wärmeplanung nutzen. Insgesamt sind Kommunen klar im Vorteil, die über Stadtwerke oder Kreiswerke verfügen und deren Expertise einbeziehen können.
Der Leitfaden setzt auf eine starke Rolle der Projektleitung – wie realistisch ist diese Forderung in unterbesetzten Stadtverwaltungen?
Eine starke Projektleitung ist entscheidend, um die Fäden zusammenzuführen. Die Verantwortung liegt bei der Kommune. Viele Aufgaben können aber durchaus an externe, unabhängige Dienstleister übergeben werden. Wichtig ist dabei, dass diese im Sinne der Kommune handeln. Die Kommune bleibt die planungsverantwortliche Stelle – und das sollte auch klar erkennbar sein.
Der Leitfaden erwähnt Stadtwerke vor allem als technische Akteure – wie sieht es mit ihrer Rolle in Strategie, Beteiligung und Kommunikation aus?
Stadtwerke sollten bei der Strategiefindung und Beteiligung zur kommunalen Wärmeplanung intensiv mitwirken, da sie zentrale Akteure für die Umsetzung der Wärmewende sind. Sie kennen die lokalen Gegebenheiten gut und haben enge Kontakte zur Wohnungswirtschaft, zu großen Wärmeverbrauchern und anderen wichtigen Akteuren. Außerdem genießen sie Vertrauen in der Bevölkerung und sind damit ein wichtiger Partner bei einer gemeinsamen und konsistenten Kommunikation der Ergebnisse.
Viele Stadtwerke stehen selbst unter Transformationsdruck – wie können sie gleichzeitig als treibende Kraft der Wärmewende fungieren?
Stadtwerke können den Dialog zwischen weiteren Erzeugern, Verbrauchern und möglichen Kapitalgebern unterstützen. Das ist ein entscheidender Punkt, da Wärmemaßnahmen erhebliche Investitionen erfordern. Zudem sind Stadtwerke selbst direkt vom Wärmeplanungsgesetz betroffen, insbesondere in Bezug auf Wärmenetze. Viele Stadtwerke verfügen bereits über eigene Transformationspläne für die Wärmeversorgung. Diese sollten eng mit der kommunalen Wärmeplanung abgestimmt werden.
Welche organisatorischen und wirtschaftlichen Hürden sehen Sie für Stadtwerke beim Umbau ihrer Infrastruktur in Richtung erneuerbare Wärmequellen?
Die finanziellen Herausforderungen sind enorm. Die zentrale Aufgabe wird sein, neue Finanzierungswege und geeignete Modelle zur Risikoverteilung zu entwickeln und umzusetzen. Das betrifft nicht nur das Thema erneuerbare Wärmeerzeugung und Fernwärmenetze, sondern auch in vielen Fällen den Rückbau von Gasnetzen. Mit Infrastrukturmaßnahmen sind außerdem komplexe Genehmigungsverfahren und Prüfungen verbunden, die den Fortschritt bremsen können.
Gibt es aus Sicht des Leitfadens gelungene Beispiele, in denen Stadtwerke und Verwaltungen strategisch gleichberechtigt agieren?
Bei der kommunalen Wärmeplanung haben die Kommunen das Zepter in der Hand. Es ist wichtig, dass sie die Wärmeplanung mit den Transformationsplänen der Stadtwerke abstimmen. Eines von mehreren guten Beispielen ist das Zusammenspiel der Stadt Schwedt mit den Stadtwerken Schwedt. Beide haben ihren Blick bei den Herausforderungen des Strukturwandels in der Region klar nach vorne gerichtet und die Stadtwerke Schwedt verfügen bereits über einen umfassenden und eng mit den Entwicklungen in der Stadt abgestimmten Transformationsplan.
Wie kann eine klare Aufgabenverteilung zwischen Kommune und Stadtwerken gelingen – vor allem bei der Datenhoheit und der Umsetzung von Maßnahmen?
Die Kommune benötigt als planungsverantwortliche Stelle und im Sinne der kommunalen Datensouveränität den gesicherten Zugriff auf die wesentlichen für die kommunale Wärmeplanung benötigten Daten. Wenn es an die Umsetzung der Maßnahmen geht, richten sich viele Blicke auf die Stadtwerke. Damit der Wärmeplan nicht zum "Papiertiger" wird, muss er zur Realität vor Ort passen – ganz besonders zu den Möglichkeiten der Stadtwerke. Die Kommunalverwaltung kümmert sich bei der Umsetzung konkret um die öffentlichen Liegenschaften und hat sonst insbesondere eine koordinative Rolle.
Wie soll die langfristige Verbindlichkeit der Wärmepläne sichergestellt werden, wenn politische Mehrheiten und Stadtwerke-Strategien wechseln?
Die Wärmepläne selbst werden alle fünf Jahre fortgeschrieben. Wenn sich politische Mehrheiten ändern, gehört es zur demokratischen Realität, dass auch bestehende Pläne neu ausgerichtet werden können. Auch die Stadtwerke passen ihre Strategien an. Fakt ist aber auch: Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist Klimaneutralität bis 2045 als Ziel gesetzt, unabhängig von politischen Wechseln.
Sehen Sie die Gefahr, dass Kommunen sich auf die „Pflichterfüllung“ beschränken, statt die Wärmeplanung als Hebel für eine ganzheitliche Klimastrategie zu nutzen?
Selbst in Kommunen, in denen Klimaschutz nicht oben auf der Agenda steht, gibt es nach meiner Wahrnehmung ein klares Bewusstsein dafür, dass es ohne einen realistischen Plan für die zukünftige Wärmeversorgung erhebliche Nachteile geben wird. Es geht schließlich auch um Versorgungssicherheit, die Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten, langfristig bezahlbare Wärme – und nicht zuletzt die Chance, durch regionale Lösungen die lokale Wertschöpfung zu stärken.
Was braucht es politisch und organisatorisch, damit Wärmeplanung kein einmaliger Kraftakt bleibt, sondern ein strategischer Dauerprozess wird?
Aus meiner Sicht sind Planbarkeit und Kontinuität absolut entscheidend für alle Beteiligten. Es braucht ein verlässliches regulatorisches Umfeld, in dem eine klare, nachvollziehbare und stabile Weiterentwicklung möglich ist. Nur so können sich Marktakteure langfristig ausrichten, tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln und Vertrauen fassen – insbesondere dann, wenn es um Investitionen in Milliardenhöhe geht, die dann Jahrzehnte Bestand haben müssen. Ohne diese Verlässlichkeit besteht die Gefahr, dass wichtige Investitionen ausbleiben und die Wärmewende ins Stocken gerät.
Kommunen nennen im Praxisleitfaden auch Herausforderungen bei politischen Rahmenbedingungen. Wo sehen Sie derzeit die größten Hürden für Kommunen bei der Umsetzung der Wärmeplanung?
Der Leitfaden benennt einige Herausforderungen, die von den Kommunen geäußert wurden. Ich sehe einen großen Handlungsbedarf bei der Digitalisierung und der Schaffung eines interföderalen Datenraums. Es ist wichtig, dass die Planungsebene in den Kommunen mit der Planungsebene der Länder und des Bundes gut verzahnt ist, damit die Wärmewende gut koordiniert organisiert werden kann und Planungen nicht aneinander vorbeigehen. Die Finanzierung bleibt zudem eine zentrale Herausforderung.
Welche technologischen und organisatorischen Hebel sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit die kommunale Wärmewende in der Praxis gelingt – und wie können Städte und Gemeinden diese effektiv nutzen?
Ich sehe die Wärmepumpe als eine zentrale Schlüsseltechnologie, sowohl für die zentrale als auch für die dezentrale Wärmeerzeugung. Übrigens wird die erste Wärmepumpe im praktischen Einsatz 2028 in Genf ihren 100. Geburtstag feiern. Von einer unerprobten Technik kann also keinesfalls die Rede sein. Weitere Schlüsseltechnologien sind zum Beispiel Energiespeicher. Es ist wichtig, die Wärmeversorgung nicht isoliert von der Stromversorgung zu betrachten. Schließlich muss der Strom für Wärmepumpen irgendwo herkommen. Ein zentraler organisatorischer Hebel für die Wärmewende ist sicherlich die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren – zum Beispiel durch Digitalisierung.
Das Interview führte Ariane Mohl
Dieses Interview ist zuerst in dem neuen kostenlosen Newsletter "ZfK Wärmewende" erschienen. Hier können Sie sich dafür anmelden.



