Hunderte Anfragen für neue PV-Anlagen pro Tag – der Netzbetreiber Netze BW hat dafür nun eine automatisierte Lösung entwickelt. (Symbolbild)

Hunderte Anfragen für neue PV-Anlagen pro Tag – der Netzbetreiber Netze BW hat dafür nun eine automatisierte Lösung entwickelt. (Symbolbild)

Bild: © Alessandro2802/Adobe Stock

Um 1:03 Uhr nachts geht beim baden-württembergischen Netzbetreiber Netze BW eine Anfrage für eine Photovoltaikanlage (PV) ein. Um 1:08 Uhr ist die Mitteilung zum Netzverknüpfungspunkt bereits beim Kunden. Kein Sachbearbeiter hat in dieser Zeit eine Akte angefasst.

Das Beispiel stammt vom Start des automatisierten Verfahrens, das der Verteilnetzbetreiber in einem Pressegespräch am 19. Oktober vorgestellt hat. Was die Lösung schon kann und wo derzeit die Grenzen liegen, hat sich die ZFK angeschaut.

Netzbetreiber muss immer mehr Anschlüsse prüfen

Der Hintergrund: Die Zahl der Anfragen für einen Netzanschluss steigt, und sie schwankt stark. Bei rund 60.000 Anträgen für PV-Anlagen pro Jahr stieg das monatliche Volumen zeitweise von rund 2000 auf bis zu 7000 Anfragen, wie Netze BW mitteilt.

Zugleich fragen immer mehr Haushalte Wärmepumpen und Wallboxen nach, die zusätzliche Leistung aus dem Netz ziehen. Vor jedem Anschluss muss der Netzbetreiber daher klären, ob Leitungen und Trafostationen die zusätzliche Einspeisung verkraften.

Bislang dauerte es mit der Rückmeldung bei neuen PV-Anlagen beim Netzbetreiber mit Sitz in Stuttgart bis zu zwölf Tage. "Wir wollen durch die automatisierte Netzprüfung noch schneller werden", sagt Marc Schmidt, Manager Data Analytics bei der Netze BW. Zum Vergleich: Deutschlandweit liegt der Median sogar bei rund 80 Tagen.

Warum Daten das Fundament bilden

Jörg Reichert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Netze BW, ordnet das Projekt in eine größere Digitalisierungsagenda ein. Der Konzern habe früh eine Datenstrategie und eine eigene Datenmanagement-Organisation aufgebaut. "KI- und Digitalisierungslösungen brauchen eine solide Datengrundlage", betont Reichert. "Denn nur mit qualitativ hochwertigen Daten lassen sich leistungsfähige digitale Prozesse entwickeln."

Für ihn ist die schnelle Zusage damit weniger ein Einzelprojekt als ein Ergebnis jahrelanger Vorarbeit. Zugleich warnt er vor überzogenen Erwartungen: "Die Energiewende lässt sich nicht per Mausklick erledigen – mit den richtigen digitalen Lösungen geht aber vieles deutlich schneller."

Das Netz wird zum Rechenmodell

Wie funktioniert das im Detail? Kundinnen und Kunden oder ihre Elektrofachkraft geben im Kundenportal Standort, Leistung und technische Ausführung der Anlage an. Ein Hub ordnet die Daten dem passenden Netzabschnitt zu und übergibt sie an die automatisierte Netzprüfung. Dort bildet ein digitales Modell Leitungen, Trafostationen und Hausanschlüsse ab, berechnet freie Kapazitäten und prüft Grenzwerte.

"Die rechenfähigen Netzmodelle werden täglich neu erzeugt", sagt Angelika Ruß, Produktverantwortliche Automatisierte Anschlussprüfung bei der Netze BW. Reservierungen würden automatisch eingepflegt. "So rechnen wir immer mit tagesaktuellen Daten."

Eingehende Anfragen rechnet das System damit immer gegen den aktuellen Stand, auch gegen bereits zugesagte Anschlüsse in der Nachbarschaft. Insgesamt gibt es 25.000 solcher Netzmodelle, eines je Ortsnetzstation.

Automatische Prüfung bei 30 Prozent der Fälle

Automatisch zugesagt wird allerdings nur, wenn der Fall eindeutig ist. Die Berechnung darf keinen Engpass zeigen, und die Anfrage muss zusätzliche Sicherheitskriterien erfüllen, die der Netzbetreiber selbst festgelegt hat.

Dazu gehört etwa die Leistungsgrenze von 15 Kilowatt peak. Größere Anlagen berechnet das System zwar ebenfalls, über die Freigabe entscheiden aber weiterhin Netzplanerinnen und Netzplaner. Das gilt auch für Fälle mit hoher Leitungsauslastung oder auffälligen Spannungsabweichungen. Sie kümmern sich dann um Schaltmaßnahmen oder Netzausbau.

In der Einführungsphase hat die Netze BW nach eigenen Angaben mehr als 5000 Anfragen automatisch zugesagt. In der Regel liegt die Rückmeldung dann spätestens innerhalb eines Tages vor. Eine automatische Prüfung gelingt derzeit in rund 30 Prozent aller Fälle.

Wo die Grenzen des Verfahrens liegen

Auf Mittelspannung und Hochspannung lässt sich das Verfahren nach Darstellung des Unternehmens nicht ohne Weiteres übertragen. Für diese Ebenen bietet die Netze BW bisher eine unverbindliche Mittelspannungsauskunft auf ihrer Webseite. Sie zeigt grob, wo im Netz Platz für Einspeiser oder Verbraucher ist. Von dort bis zu einer verbindlichen Zusage ist es ein weiterer Weg.

Auch bei der Frage, inwiefern das Modell auf andere Netzbetreiber übertragbar ist, gibt sich Netze BW zurückhaltend. Entscheidend sei die Datenqualität. Die automatische Netzprüfung ist nur ein Produkt, das der Netzbetreiber auf seiner eigenen Datengrundlage entwickelt hat.

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