Biomethan ist aus Sicht des Biogasrats weit mehr als ein knappes "Premiummolekül". Geschäftsführerin Janet Hochi erklärt im Interview, warum bis 2045 erhebliche Mengen für den Wärmemarkt verfügbar sein könnten, welche politischen Rahmenbedingungen dafür notwendig sind und welche Debatten jetzt schädlich seien.
Wie groß ist aus Ihrer Sicht das realistisch erschließbare Biomethanpotenzial in Deutschland bis 2030/2040?
Im vergangenen Jahr erzeugten 280 Biomethananlagen an 266 Standorten aus heimischen Rest- und Abfallstoffen sowie nachwachsenden Rohstoffen ganzjährig verlässlich und wetter- sowie witterungsunabhängig insgesamt 12,3 Terawattstunden (TWh) Biomethan in Deutschland. Laut einer Frontier-Economics-Studie sind bis 2030 rund 120 TWh pro Jahr und bis 2045 rund 331 TWh pro Jahr realistisch erschließbar. Hinzu kommen Importpotenziale aus EU-Mitgliedstaaten, die auf Biomethan setzen und deren Erzeugungskapazitäten perspektivisch den Eigenverbrauch übersteigen werden.
Welcher Anteil dieser Mengen steht tatsächlich für den Wärmemarkt zur Verfügung, wenn konkurrierende Nutzungen mitgedacht werden?
Um es klar auf den Punkt zu bringen: Im Stromsektor ist die Nutzung von Biomethan für die erneuerbare Stromerzeugung in KWK-Anlagen seit Jahren rückläufig. Sie sank von 2015 bis 2024 von 9 TWh auf 5,4 TWh. Seit der EEG-Novelle 2021 unter Robert Habeck wurden keine Biomethanprojekte im Stromsektor mehr realisiert, da sie wirtschaftlich nicht tragfähig waren. Zudem wurde für Biomethan-Bestandsanlagen die Möglichkeit zur Teilnahme an den Ausschreibungen für Biomasse-Bestandsanlagen ersatzlos gestrichen.
Im Verkehrssektor ist die Nutzung von Biomethan ebenfalls limitiert, da die Anzahl gasbasierter Kraftfahrzeuge sinkt. Zudem wird Biomethan im Wettbewerb mit Fahrstrom und Wasserstoff durch die THG-Quote und alternative Förderungen – etwa Kaufprämien sowie Maut- und Steuerbefreiungen für Elektro- und Wasserstoffmobilität – massiv benachteiligt.
Bis 2030 stehen unserer Einschätzung nach mindestens 100 TWh und bis 2045 mindestens 320 TWh für die Verwendung im Wärmesektor zur Verfügung.
Vor diesem Hintergrund sind Diskussionen über Nutzungskonkurrenzen aus unserer Sicht eher tendenziöse Nebelkerzen. Nachhaltiges Biomethan kann im Wärmesektor ein Baustein für eine klimafreundliche, bezahlbare und sichere Energieversorgung sein und heimischen Produzenten einen verlässlichen Absatzmarkt bieten. Bis 2030 stehen unserer Einschätzung nach mindestens 100 TWh und bis 2045 mindestens 320 TWh für die Verwendung im Wärmesektor zur Verfügung – vorausgesetzt, es gibt investitionsfreundliche politische Rahmenbedingungen und eine tragfähige nationale Biomethanstrategie.
Ist die These zutreffend, dass Biomethan ein knappes "Premiummolekül" bleibt und kein breiter Erdgasersatz sein kann?
Nein, das ist aus unserer Sicht unzutreffend, auch wenn Anhänger der "All Electric World" beziehungsweise "All Electric Society" systematisch versuchen, grüne Moleküle und deren Beitrag zur Defossilisierung der Energieversorgung zu diskreditieren. Derartige ideologische Dogmen führen aus unserer Sicht zwangsläufig zu Wettbewerbsverzerrungen, Abhängigkeiten, Marktmachtmissbrauch und letztlich zu höheren Preisen für Verbraucher. Das lehnen wir ab.
Fakt ist, dass Biomethan eine vollwertige, klimaneutrale Alternative zu fossilem Erdgas in sämtlichen Anwendungen und Nutzungspfaden darstellt und im Mix der erneuerbaren Energien einen grundlegenden Beitrag zu einer resilienten, klimafreundlichen und bezahlbaren Energieversorgung leisten kann.
Wie stark begrenzen verfügbare nachhaltige Reststoffe die Skalierung des Biomethanmarktes?
Da die verfügbaren Rest- und Abfallstoffe bislang nicht ansatzweise vollständig zur Biomethanerzeugung genutzt werden, ist die Skalierung nicht grundsätzlich begrenzt, sondern definiert vielmehr einen Ausbaupfad mit hohem Potenzial. Etwa zwei Drittel von Mist und Gülle bleiben derzeit ungenutzt. Biogas- und Biomethananlagen leisten bereits heute einen wichtigen Beitrag zur regionalen Kreislaufwirtschaft. Entscheidend für weiteres Wachstum ist die konsequente Erschließung der heimischen Abfall- und Reststoffpotenziale durch geeignete politische und regulatorische Rahmenbedingungen.
Was ist aktuell der größte Engpass beim Ausbau: Kosten der Methanisierung, regulatorische Rahmenbedingungen oder fehlende Investitionssicherheit?
Der größte Engpass sind aus unserer Sicht fehlende politische Rahmenbedingungen, die langfristige Investitions- und Planungssicherheit für die mittelständischen Marktakteure schaffen. Eine vorausschauende Energiepolitik muss die Energiewende gesamtsystemisch betrachten. Eine einseitige Fokussierung auf Stromgestehungskosten oder Netzausbaukosten greift zu kurz.
Die Unternehmen der Biomethanbranche wollen und könnten einen essenziellen Beitrag zu einer unabhängigen, klimafreundlichen und bezahlbaren erneuerbaren Energieversorgung leisten. Notwendig dafür sind ein klares Bekenntnis der Politik zur Nutzung von Biomethan und eine konsistente Strategie für die Nutzung grüner Moleküle in Deutschland.
Danke für das Gespräch!



