Bis Ende Mai werden voraussichtlich 120 LNG-Schiffe die europäischen LNG-Terminals angelaufen haben – mindestens zehn weniger als erforderlich, um den Speicherfüllstand des Vorjahres zur Wintersaison zu erreichen.
Infolgedessen fallen die Einspeicherungen im Mai voraussichtlich eher enttäuschend aus und könnten sich insgesamt auf rund 80 Terawattstunden (TWh) belaufen, etwa 20 TWh weniger als im Vorjahreszeitraum.
Die Gasspeicher der EU-Länder sind aggregiert zu etwa 40 Prozent gefüllt. Das Speicherdefizit gegenüber dem Vorjahr hat sich damit im Monatsverlauf weiter vergrößert und ist von 70 TWh auf rund 90 TWh angewachsen.
Hoffnung auf norwegische Pipeline-Importe
Die Pipeline-Importe aus Norwegen könnten im Juni im Vergleich zum Vorjahr steigen, da der norwegische Netzbetreiber Gassco seinen Wartungsplan angepasst hat. In diesem Jahr sind die Wartungsarbeiten gleichmäßiger über die Sommermonate verteilt, während es im letzten Jahr im Juni und September zu Spitzen bei der Nichtverfügbarkeit kam.
Die geplanten Ausfälle im Juni dieses Jahres werden voraussichtlich einen Höchststand von rund 60 Millionen Kubikmeter pro Tag erreichen, verglichen mit bis zu 90 Millionen Kubikmeter pro Tag im Vorjahr. Infolgedessen erwarten wir, dass die Pipeline-Importe im Juni wieder auf rund 100–110 TWh steigen könnten, was einem Anstieg von etwa 10 TWh gegenüber dem Juni des Vorjahres entspräche.
Wartungssaison an der US-Golfküste
Die US-amerikanischen LNG-Terminals Sabine Pass, Corpus Christi, Freeport und Cameron sind die wichtigsten Anlagen für den LNG-Export nach Europa.
Cameron LNG wird seit 30. April 2026 bis zum 30. Mai 2026 einer planmäßigen Wartung unterzogen, was möglicherweise einer der Gründe dafür ist, dass die europäischen LNG-Importe aus den USA im Mai auf ein Fünfmonatstief fallen. Somit könnten die Exporte aus der Anlage im Juni wieder deutlich anziehen.
In Sabine Pass sind für Juni nur geringfügige und kurzzeitige Wartungsarbeiten geplant, sodass die Produktion voraussichtlich nahe dem Niveau vom Mai bleiben wird. Generell haben Wartungsarbeiten in Sabine Pass eine große Auswirkung auf den europäischen Gasmarkt, da die Anlage allein über eine Einspeisekapazität von rund 4,5 Milliarden Kubikfuß pro Tag verfügt, was etwa drei LNG-Ladungen pro Woche entspricht.
Hurrikansaison im Atlantikbecken
Die Hurrikansaison im Atlantik beginnt im Juni. Aktuelle Vorhersagen der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) deuten auf eine wahrscheinlich eher unterdurchschnittlich verlaufende Hurrikansaison im Atlantik hin, was vor allem auf El-Niño-bedingte Windscherung zurückzuführen ist.
Der Juni ist in der Regel ein ruhiger Monat, was die Aktivität tropischer Wirbelstürme angeht. Daher ist die Wahrscheinlichkeit erheblicher Störungen der Energieinfrastruktur zu Beginn der Saison relativ gering. Im Vergleich dazu begann auch die Saison 2025 ruhig: Tropensturm Andrea, bildete sich erst am 23. Juni und blieb weit draußen im Atlantik, ohne Auswirkungen auf die LNG-Infrastruktur.
Russische Gasexporte
Russland hat seine Gasexporte nach Europa im Jahr 2026 im Vergleich zum Vorjahr sowohl über Pipelines als auch in Form von Flüssigerdgas erheblich gesteigert.
Bis Ende Mai hat Russland schätzungsweise 90 TWh über die Turk-Stream-Pipeline in die EU exportiert, was einem Anstieg von mehr als 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auch die russischen LNG-Exporte nach Europa steigen mit bisher insgesamt 105 Lieferungen deutlich weiter an; ein Plus von circa zehn Lieferungen gegenüber dem Vorjahr.
Wir erwarten im Juni keine größeren Veränderungen, sodass weitere 20 LNG-Schiffsladungen nach Europa im Laufe des Monats ein wahrscheinliches Szenario sind.
Wiederöffnung der Straße von Hormus unwahrscheinlich
Gegen Ende Mai wurden die Märkte immer mal wieder durch neue Hoffnungen auf diplomatische Fortschritte und mögliche Friedensgespräche hin- und herbewegt. Dazu wurde die Stimmung dadurch gestützt, dass ein vierter LNG-Tanker der Vereinigten Arabischen Emiraten die Straße von Hormus erfolgreich passiert hatte.
Dennoch schwankten die Stimmung und der Ausblick zuletzt täglich und die Gaspreise liefen recht volatil hoch und runter. Eine zumindest teilweise Wiederöffnung der Meerenge im Juni kann sicherlich nicht ausgeschlossen werden, die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedoch relativ gering.

