Die Spotpreise fallen in dieser Woche an vielen europäischen Gasmärkten deutlich unter die Marke von 30 Euro/MWh. In Spanien fiel der Spotpreis auf knapp 23 EUR/MWh und markierte damit die billigste Notierung im europäischen Vergleich (TTF 27 EUR/MWh). In Ungarn war es zuletzt am teuersten und man zahlte für den Day-Ahead rund 33 EUR/MWh.
Hohes LNG-Angebot und gut gefüllte Gasspeicher
Gründe für die gefallenen Preise sind die weiterhin hohen LNG Lieferungen und die gut gefüllten Gasspeicher. Trotz des schwächeren Preisumfelds lagen die LNG-Aussendungen in der EU und Großbritannien zusammen bei zuletzt über 5000 GWh/Tag und damit weiterhin deutlich über dem Fünfjahresdurchschnitt.
Die Gasspeicher in Deutschland sind zu knapp 73 Prozent gefüllt, mehr als 18 Prozentpunkte mehr als das Fünfjahresmittel. Für alle EU Gasspeicher errechnet sich derzeit ein aggregierter Füllstand von knapp 67 Prozent, d.h. es sind insgesamt 752 TWh eingespeichert.
Alle Speicherziele können erreicht werden
Wenn die Einspeicherungen in den EU-Ländern nun bis zum Winterbeginn gemäß des langfristigen Durchschnitts weitergehen, so wären die Gasspeicher bereits zu Beginn September vollständig gefüllt.
Seit Beginn der Aufzeichnung der europäischen Speicherdaten im Jahr 2011 verzeichnen für das restliche zweite Quartal und das folgende dritte Quartal die entsprechenden Zeiträume der Jahre 2012 und 2020 die niedrigsten Gesamteinspeicherungen in diesen Zeiträumen.
Selbst wenn man dieses Minimal-Szenario zur Modellierung der Speicherprognose zugrunde legt, so wären die EU-Gasspeicher zum 01. September zu 88 Prozent und zum 01. November zu 92 Prozent gefüllt. Damit würden auch im Falle des Minimum-Szenarios alle EU-Speicherziele erfüllt werden.
Spotpreise könnten weiter fallen – Versorgungsrisiken im Winter nicht ausklammern
Wären die Gasspeicher noch vor Beginn des Winters voll, so wäre dies ein starkes bearishes Signal für den Kurzfristmarkt. Ein Fall der Day-Ahead bzw. Frontmonatspreise unter 20 EUR/MWh wäre dann wegen der niedrigen Nachfrage möglich.
Der Tiefstand für den Day-Ahead im Jahr 2021 lag bei rund 15 EUR/MWh. Sollten die Speicher deutlich vor Winterbeginn vollständig gefüllt sein, ist nicht auszuschließen, dass die Spotpreise auch unter diese Marke aus dem Jahr 2021 fallen.
Dennoch bleibt der Ausblick auf den Winter bullish und die Versorgungsrisiken dürfen nicht ausgeblendet werden. Dementsprechend hält sich der Spread zwischen Spotmarkt und dem Terminpreis für Winter-23 mit 20 EUR/MWh weitgehend konstant und auf hohem Niveau.
Norwegische Gasexporte auf Jahrestief
Die Schwäche am Spot- und Kurzfristterminmarkt muss auch vor dem Hintergrund der zuletzt verschlechterten Fundamentaldaten der Pipeline-Lieferungen bewertet werden.
Die norwegischen Gaslieferungen sind wegen der anhaltenden Wartungsarbeiten reduziert und markieren in dieser Woche ein neues Jahrestief bei 223 Mio. Kubikmeter pro Tag. Zum Vergleich: Mitte April lagen die Exporte noch bei knapp 350 Mio. Kubikmeter pro Tag.
Preisverfall trotz schwacher Pipeline-Lieferungen
Die russischen Gasexporte in die EU sanken seit ihrem Jahreshöchststand im April bei über 900 GWh/Tag auf zuletzt rund 650 GWh/Tag. Währendem sich der Transit durch die Ukraine zwischen 350-400 GWh/Tag recht konstant zeigt, so fielen die Transporte auf der Turkstream-Pipeline zuletzt auf rund 200 GWh/Tag (Mitte April: 450 GWh/Tag).
Die algerischen Exporte nach Italien zeigen sich in dieser Woche mit rund 350 GWh/Tag deutlich schwächer als in den Vorwochen. Mitte April lagen die Lieferungen in das italienische Mazarra del Vallo noch bei über 900 GWh/Tag.
Italien kompensiert einerseits die reduzierten algerischen Importe mit gestiegenen Lieferungen über den schweizerischen Griespass, welche in dieser Woche mit 577 GWh/Tag ein neues Jahreshoch erreichten. Andererseits zogen die Importe aus Libyen im sizilianischen Gela an und markierten ein neues Jahreshoch mit knapp über 200 GWh/Tag.
