In dieser Woche steigen die Gaspreise im Terminhandel auf neue Jahreshochs. Anders als der panikartige Preissprung im März ist die aktuelle Entwicklung deutlich stärker fundamental getrieben.
Die Preise am TTF haben seit Anfang Juli um mehr als 50 Prozent zugelegt. In dieser Woche ist der Preis für den Terminkontrakt Cal-27 zum ersten Mal über 50 Euro/MWh gestiegen. Dies spiegelt einen spürbaren Stimmungswandel am Markt vor Beginn der Heizsaison wider.
Hormus-Krise auf der Terminkurve angekommen
Der Markt preist damit eine länger anhaltende Störung der Flüsse durch die Straße von Hormus ein und stellt sich auf eine länger anhaltende Krise ein, was einen spürbaren Stimmungswandel am Markt vor Beginn der Heizsaison widerspiegelt.
Die Preise für Winter-26 ziehen zum ersten Mal seit vielen Wochen mit den Spotpreisen gleich. Dies markiert einerseits eine Wende hinsichtlich der kommerziellen Anreize zur Speicherbefüllung, ist aber auch Ausdruck der wachsenden Sorge der Marktteilnehmer über die niedrigen Speicherstände.
Risikoprämien müssen erhöht werden
Damit zeigt die Richtung für Terminpreise und insbesondere für die Winterpreise weiter nach oben, da die Risikoprämien erhöht werden müssen und dies dementsprechend eingepreist wird. Das hohe Preissystem macht Gaskraftwerke gegenüber Kohlekraftwerken in der Stromerzeugung zunehmend unattraktiver. Aktuell liegt der Clean-Dark-Spread für ein Kohlekraftwerk mit 40 Prozent Wirkungsgrad mit rund 20 Euro/MWh im Plus, wohingegen ein Gaskraftwerk selbst mit 60 Prozent Wirkungsgrad mit rund 20 Euro/MWh im Minus liegt.
Gaspreise über Kohle-Switching-Preisspanne
Der Gaspreis liegt damit derzeit rund 20 Euro pro Megawattstunde über der sogenannten Gas-Kohle-Switching-Preisspanne. Das bedeutet: Bei rein theoretisch gleichbleibenden Rahmenbedingungen (Kohle-, CO₂- und Strompreise) müsste der Gaspreis um 20 Euro pro MWh oder mehr fallen, um Gaskraftwerke gegenüber Kohlekraftwerken bei der Stromerzeugung wieder ins Geld zu bringen.
Das dürfte in einzelnen gas- und energieintensiven Branchen Anreize setzen, die Produktion entsprechend anzupassen. Dementsprechend ist die Kohleverstromung in den letzten Tagen auf den höchsten Stand seit März dieses Jahres gestiegen.
Wettbewerb um flexible LNG-Mengen
Die Gaspreise am asiatischen JKM waren im März deutlich stärker gestiegen als am europäischen Handelspunkt TTF. Der Grund lag in den Fundamentaldaten: Asien war in dieser Periode akut und ungleich stärker vom Wegfall der katarischen LNG-Lieferungen betroffen als Europa. Seitdem die Sorgen um die Speicherbefüllung und die Winterversorgungssicherheit in Europa nun zunehmen, rückt der Nahost-Konflikt für Europa viel unmittelbarer in den Fokus.
Mit der Preisentwicklung in den letzten Tagen ziehen die Preise am TTF zum ersten Mal seit knapp sechs Monaten mit dem JKM gleich. Der LNG-Netback für den Transport von US-LNG über den Atlantik nach Europa lag in dieser Woche zum ersten Mal seit Ende des letzten Winters wieder über dem Netback nach Asien via Suezkanal.
LNG-Importe im August gestiegen
Das zeigt einen wachsenden Wettbewerb um flexible LNG-Mengen und signalisiert, dass Europa mit Blick auf die Heizsaison bereit ist, deutlich aggressiver mitzubieten.
Der Effekt ist im August bereits spürbar. Die LNG-Importe sind im laufenden Monat im Vergleich zum Juni und Juli gestiegen. Die USA hatten im Juli nur 47 LNG-Tankerlieferungen nach Europa (Mehrjahrestief) exportiert, zum 26. August waren es im laufenden Monat bereits wieder 56 Ladungen.
Dennoch: Die aktuelle Rallye am TTF unterscheidet sich fundamental vom Panikmodus im März. Jetzt ist sie Ausdruck des angespannten Verhältnisses aus Angebot und Nachfrage. Die Sorge um die Winterversorgungssicherheit könnte die Preise in den nächsten Wochen weiter nach oben treiben.