Der zweite Gasnetzgebietstransformationsplan (GTP) ist fertig. Was sind die wesentlichen Erkenntnisse?
Der zweite Gasnetzgebietstransformationsplan zeigt deutlich, dass Deutschlands Energielandschaft 2035 bereits maßgeblich durch Wasserstoff geprägt sein wird. Die meisten der 241 teilnehmenden Netzbetreiber planen, bis 2030 erstmals Wasserstoff in ihre Verteilnetze einzuspeisen. Durch die dieses Jahr erstmals durchgeführte Auswertung der Zielzustände haben wir nun ein recht gutes Bild, wie wir nach aktuellem Planungsstand die Klimaziele im Gasnetz umsetzen. Die Transformation ist jedoch nicht nur ein Vorhaben der Netzbetreiber. Wie die Befragungen von rund zweitausend Industriekunden und rund eintausend Kommunen zeigen, gibt es auch von Verbraucherseite einen starken Bedarf für die Transformation. Des Weiteren sehen wir in den GTP-Ergebnissen auch großes Potenzial für den Ausbau der Biomethaneinspeisung und auch auf der Ebene der technischen Netzanalyse gibt es die geplanten Fortschritte und keine Hindernisse für die Transformation.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Die doch so klare Antwort der rund eintausend befragten Kommunen. Nur 5% der Kommunen wollen keine klimaneutralen Gase. Deutlich mehr als die Hälfte wollen sie definitiv und ein großer Teil hält einen Einsatz für möglich. Das ist ein fundamental anderes Bild, als das, das durch diverse, auf Annahmen beruhenden Studien von Institutionen mit einer klaren energiepolitischen Ausrichtung gezeichnet wird.
Wie groß ist das Interesse des BMWK am neuen GTP? Hat sich der Wind mit dem Abgang von Energie-Staatssekretär Graichen gedreht, der das Gasnetz ja am liebsten gleich komplett abgewickelt hätte?
Das Interesse ist denke ich definitiv da. Wir werden hier auch insbesondere im Hinblick auf die Weiterentwicklung des GTPs den Dialog suchen. Ich habe das BMWK, vielleicht auch eben durch den Wegfall einer zuvor sehr dominierenden Stimme, in den letzten Monaten als ausgewogenen und sachlichen Akteur wahrgenommen, mit dem ein konstruktiver Dialog grundsätzlich möglich ist. Diesen Eindruck hatte ich zuvor leider nicht immer.
Umweltverbände, aber auch die Bundesnetzagentur warnen vor allzu ambitionierten Plänen bei der Transformation der Gasinfrastruktur. Was halten Sie dem entgegen?
Wenn wir die Klimaziele schaffen wollen, braucht es neben vielem anderen vor allem zwei Dinge – zum einen brauchen wir die Möglichkeit in Zukunft auf Unwegbarkeiten vorbereitet zu sein. Die Energiewende ist ein deutlich komplexeres Projekt als der BER oder Stuttgart 21. Wenn wir unsere Ziele schaffen wollen, müssen wir resiliente Strategien mit parallelen Optionen, die auch einmal ein punktuelles Scheitern erlauben, aufbauen. Sonst wird das nichts.
Zum anderen brauchen wir Lösungen die konkret zur Situation vor Ort passen. Wir sollten die Energiewende vor Ort eher wie die individualmedizinische Betreuung verstehen und nicht in ein one-size-fits-all Konzept verfallen. Die Gegebenheiten vor Ort sind ähnlich unterschiedlich, wie Menschen unterschiedlich sind. Wir kämen ja auch nicht auf die Idee Menschen pro Jahr jeweils Aspirin für durchschnittlich 5-mal Kopfschmerzen standardmäßig zuzuteilen. Wir sollten schauen, dass der Lösungsraum für die Kommunen und Betriebe maximiert wird, so dass wirklich passgenaue und optimale Lösungen geschaffen werden können.
Wie zufrieden sind Sie mit dem überarbeiteten GEG? Spüren Sie inzwischen mehr Rückenwind für die Transformation der Gasnetze?
Das GEG ist ein guter Schritt, aber für eine konkrete Transformation muss natürlich noch eine Menge geschehen – auch legislativ. Generell hat die doch sehr intensive Debatte auch gezeigt, dass wir den Bürgern mehr Optionen anbieten müssen – und ich denke, dass die Gasnetze hier einen guten Beitrag leisten werden.
Die SPD-Bundestagsabgeordneten Andreas Rimkus und Bengt Bergt machen sich für eine Quote für klimafreundliche Gase im Erdgasnetz stark. Unterstützen Sie diese Forderung?
Absolut. In Deutschland haben wir ein sehr ambitioniertes Ziel für erneuerbaren Strom – 80% in 2030. Ein Ziel für klimaneutrale Gase fehlt jedoch bisher komplett. Wenn wir die Energiewende ernst nehmen wollen, kann das nicht so bleiben. Denn – wir können nicht einerseits über den Mangel an Wasserstoff klagen und andererseits keinerlei Planbarkeit und Investitionssicherheit für Produzenten von klimaneutralen Gasen schaffen. Die Quote würde dafür sorgen, dass ein planbarer Absatzmarkt geschaffen wird. So ermöglichen wir die Investitionsentscheidungen der Produzenten und kommen damit weg von prohibitiven Mengendiskussionen hin zu einem echten Einsatz klimaneutraler Gase.
Was sollte die Politik nun konkret tun, damit die Transformation der Gasnetze zügig vorankommt? Welche Rolle spielt dabei die kommunale Wärmeplanung?
Da müssen einige Sachen ineinandergreifen. Die soeben erwähnte Quote würde Wunder für den Wasserstoffhochlauf bewirken. Dann sollte das Thema Ownership-Unbundling auf EU-Ebene im Trilog final abgeräumt werden und darauf aufbauend ein Weg gefunden werden, die Kosten für die Herstellung der H2-Readiness regulatorisch anzuerkennen. Der GTP sollte neben den Transformationsplänen für die Fernwärme gleichberechtigt im Wärmeplanungsgesetz berücksichtigt werden, denn GTP und kommunale Wärmeplanung müssen gut ineinandergreifen: Der GTP ist einerseits wichtige Inputgröße für die KWP und muss sich andererseits im Nachgang natürlich wiederum nach den Ergebnissen der KWP richtigen. Daneben muss noch das Konzessionsrecht transformationsgerecht angepasst werden und last but not least – der Anschluss der Verteilnetze an das H2-Kernnetz muss proaktiv und visionär angegangen werden.
Die Fragen stellte Ariane Mohl.


