Premiere für das ZFK Frauennetzwerk am 17. August in Hamburg: Zum ersten regionalen Stammtisch Nord kamen 50 Frauen aus der kommunalen Wirtschaft zusammen. Im Bildungszentrum der Hamburger Energienetze erhielten die Teilnehmerinnen Einblicke in die moderne Ausbildungsstätte des Energieversorgers.
Im Mittelpunkt des Nachmittags stand ein Impulsvortrag von Gesine Strohmeyer. Strohmeyer war von Dezember 2022 bis November 2025 Kaufmännische Geschäftsführerin von Hamburg Wasser. Zuvor leitete sie den Zweckverband Ostholstein und Eurawasser Nord in Rostock.

Unter dem Titel "Wenn Stabilität zur Illusion wird: Pre-Crisis-Management für Frauen im kommunalen Topmanagement" sprach Strohmeyer über ein Thema, das in der Branche selten offen diskutiert wird: den plötzlichen Verlust einer Führungsposition.
Wachsende Unsicherheit in der Kommunalwirtschaft
Kommunale Unternehmen gelten als vergleichsweise stabile Arbeitgeber: "Wir dachten immer, dass das kommunale Umfeld eine heile Welt ist", sagte Strohmeyer. Doch das ändere sich derzeit, etwa durch Digitalisierung, Fachkräftemangel und nicht zuletzt politische Entwicklungen. Aufsichtsräte veränderten sich und Strategien würden neu ausgerichtet. Strohmeyer beobachte zudem, dass Trennungen in kommunalen Unternehmen zunehmend kurzfristig erfolgen.
Strohmeyer machte deutlich: Fachliche Kompetenz allein schützt nicht vor einem Karrierebruch. "Man erwartet heute von Frauen hohe fachliche Exzellenz, Ergebnisverantwortung und natürlich Sichtbarkeit", sagte Strohmeyer.
Frauen setzen weniger auf frühzeitige Absicherungen und aktivierbare Netzwerke.
Gesine Strohmeyer
Aber wenn es dann zur Trennung vom Unternehmen komme, werde schneller öffentlich über mögliche Überforderung spekuliert. Strohmeyer stellte fest: "Wir setzen heute als Frauen auf Leistung, auf Stabilität, auf Loyalität. Worauf wir oft weniger setzen, ist ein strategischer Umgang mit Unsicherheiten. Wir setzen weniger auf frühzeitige Absicherungen und aktivierbare Netzwerke." Das habe sie in Gesprächen mit weiblichen Führungskräften festgestellt. Für sie ist es daher wichtig, dass Frauen sich frühzeitig, bevor eine Krisensituation eintritt, mit Unsicherheiten und möglichen Handlungsoptionen beschäftigen.
Absicherung vor dem Notfall
Strohmeyer empfahl, dass Frauen in einer stabilen beruflichen Phase prüfen sollten, wie ihre Position im Unternehmen aussieht und welche Kontakte sie außerhalb des eigenen Arbeitgebers haben. Ein zuverlässiges persönliches Netzwerk sei essenziell. "Frauen haben weniger Zugang zu informellen Macht- und Absicherungszwecken. Und das sind bestimmte Netzwerke, die wir einfach noch nicht so aufgebaut haben", erklärte Strohmeyer.

Frauen sollten rechtzeitig klären, welche rechtliche Beratung sie außerhalb des Unternehmens haben. Und für den Fall eines plötzlichen Ausscheidens sollten sie die eigene finanzielle und private Situation zuvor schon geklärt haben.
Identitätsverlust nach Trennung entgegenwirken
Der Verlust einer Führungsposition ist laut Strohmeyer für viele Betroffene mehr als ein beruflicher Wechsel. Frauen in Verantwortung identifizierten sich stark über ihre Funktion – wenn diese wegbricht, verliere man Orientierung und Handlungsfähigkeit. Überraschung, Scham, Schuldgefühle und Angst erschwerten die ersten Schritte.
Das private Umfeld könne in dieser Situation oft nur wenig helfen, weil die Erfahrung mit der Verantwortung einer solchen Position fehle. Wichtig sei deshalb eine Ansprechperson außerhalb des Unternehmens, die zuhören und bei den nächsten Schritten unterstützen kann. "Jede von uns muss sich darauf vorbereiten", betonte Strohmeyer.
Wenn man mit der Selbstreflexion aufhört, hat man schon verloren.
Karin Pfäffle
In der anschließenden Diskussion berichteten die Teilnehmerinnen von ihren Erfahrungen, die sich teilweise von Strohmeyers Perspektive unterschieden. Karin Pfäffle, Arbeitsdirektorin bei den Hamburger Energienetzen, bestärkte Strohmeyers Impulse. Im Plenum wurde deutlich, dass die Teilnehmerinnen ähnliche emotionale Bedürfnisse haben, nämlich den Wunsch nach Orientierung, Vertraulichkeit und einem verständnisvollen Gegenüber.
Pfäffle unterstützte Strohmeyers Appell: "Wenn der Notfall schon eingetreten ist, ist es zu spät, mit dem Netzwerken anzufangen." Frauen in Führungsverantwortung sollten sich frühzeitig ein belastbares Netzwerk aufbauen – und nicht erst, wenn sich eine Krise anbahnt.
Selbstreflexion üben und Netzwerke pflegen
Außerdem appellierte Pfäffle an die Anwesenden, sich regelmäßig mit ihrer Rolle und ihren Ressourcen auseinanderzusetzen. "Wenn man mit der Selbstreflexion aufhört, hat man schon verloren", sagte Pfäffle. Zugleich sollten Betroffene nicht glauben, dass sie mit ihrer Situation allein seien.
Sie riet dazu, einen Führungswechsel nicht persönlich zu nehmen, sondern sich bewusst zu machen, dass Menschen in Unternehmen über ihre jeweilige Rolle und die damit verbundenen Eigenschaften wahrgenommen werden.
Als mögliche Perspektive regte Strohmeyer ein Unterstützungsnetzwerk aus ehemaligen Geschäftsführenden und Vorständen an. Es könnte Orientierung geben und Kontakte zu rechtlicher Beratung herstellen. Außerdem könne es bei der Außenkommunikation unterstützen und den nächsten beruflichen Schritten helfen.
"Führung endet nicht mit dem Ausscheiden aus einer Organfunktion", betonte Strohmeyer. Ein Netzwerk dürfe deshalb auch nicht in dem Moment enden, in dem eine Person diese Funktion verliere.
Pre-Crisis-Management für Frauen im kommunalen Topmanagement
Am 10. November 2026 um 8:30 Uhr wird Gesine Strohmeyer ihren Impulsvortrag bei einer digitalen Session des ZFK Frauennetzwerks präsentieren.
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