Lange Zeit galt die Energiewirtschaft auf dem Arbeitsmarkt als klassische Infrastrukturbranche: systemrelevant, aber überreguliert, innovationsarm und kein Spielfeld für Menschen, die etwas bewegen wollten.
Unternehmensgründungen oder größere Venture-Capital-Deals kamen praktisch nicht vor. Man könnte behaupten, die letzte digitale Innovation war der Wechsel vom Ferraris-Zähler (der mit Drehscheibe) zur modernen Messeinrichtung – die den Verbrauch immerhin schon digital anzeigen konnte, aber sonst nicht viel mehr.
Vor allem fehlte die Möglichkeit, in dieser Branche wirklich etwas gestalten zu können. Im Wettbewerb um digitale Talente konkurrierte die Energiewirtschaft eher mit Behörden als mit Tech-Unternehmen.
"Ein Stromanbieter? Eher nicht"
Als im Sommer 2019 die Anfrage kam, ob ich mir vorstellen könnte, Tibber in Deutschland aufzubauen, war meine erste Reaktion dementsprechend: "Einen Stromanbieter? Eher nicht." Ich hatte damals bereits einige Start-ups im Wachstum begleitet. Steckte nach einer Akquisition mitten im Integrationsprozess in einen Konzern und wollte wieder dorthin, wo Geschwindigkeit, Innovation und Aufbau im Mittelpunkt stehen.
Ausgerechnet die Energiewirtschaft erschien mir als einer der spannendsten Innovationsmärkte der kommenden Jahre.
Ich muss Edgeir Aksnes, Tibber-Gründer, bis heute für den Crashkurs im ersten Interview zum Thema "innovativer Energiemarkt" dankbar sein. In diesem Gespräch habe ich verstanden, was in anderen Ländern bereits möglich ist und was Tibber für Deutschland vorhatte. Ausgerechnet die Energiewirtschaft erschien als einer der spannendsten Innovationsmärkte der kommenden Jahre. Und ich wollte dabei sein.
Gründung, Bürosuche, die ersten Mitstreiter finden, das hatte ich alles schon ein paar Mal gemacht. Aber diesmal kam eine Herausforderung dazu: Menschen für die Energiewelt zu begeistern. Tibber, die Idee und die Mission fanden viele spannend. Aber die Branche? Für ambitionierte Talente war die Energiewirtschaft schlicht nicht attraktiv genug. "Ich glaube nicht, dass das in Deutschland wirklich klappen kann", war mehr als einmal der Absagegrund.
"Da möchte ich dabei sein"
Diverse Energiekrisen und regulatorische Hakenschläge später erlebe ich heute genau das Gegenteil. In meiner Arbeit mit Stadtwerken, Energie-Start-ups und mittelständischen Unternehmen bin ich regelmäßig an Auswahlprozessen für Führungsrollen beteiligt. Und mir fällt immer wieder dasselbe auf: Energiewende ist sexy geworden.
Heute bewerben sich Führungskräfte und Tech-Talente aus den unterschiedlichsten Branchen aktiv für Rollen bei Energieunternehmen. Und bei der Frage nach ihrer Motivation höre ich immer wieder Varianten wie: "Ich möchte in die Energiebranche. Ich glaube, hier entstehen gerade große Innovationen, und da möchte ich dabei sein."
Die Strompreiskapriolen der letzten Jahre haben die Dringlichkeit des Umbaus unseres Energiesystems sichtbarer gemacht. Gleichzeitig schaffen Smart Meter, dynamische Tarife, virtuelle Kraftwerke und Flexibilitätsmärkte die Grundlage für völlig neue Geschäftsmodelle. Die klassische Infrastrukturbranche entwickelt sich immer mehr zu einem digitalen Massenmarkt. Genau diese Dynamik zieht die Menschen an, die man für Innovation braucht.
Was die Energiewelt von Banken lernen kann
Diese Entwicklung erinnert stark an die Bankenbranche vor zehn bis fünfzehn Jahren. Fintechs haben Teile einer etablierten Wertschöpfungskette neu gedacht: Zahlungen, Banking, Brokerage oder Kreditvergabe wurden digitaler, schneller und kundenorientierter.
Und plötzlich war eine Branche, die vorher nicht unbedingt ganz oben auf der Wunschliste digitaler Talente stand, zu einem spannenden Spielfeld für Innovation geworden. Erfahrene Tech-Experten und Unternehmer bekamen Lust, eine etablierte Branche neu zu denken.
Banken, die dieses Momentum erkannt haben, konnten diese Leute und Kompetenzen gezielt aufbauen und ihre eigene Transformation beschleunigen. Andere haben zu lange gewartet und den Anschluss verloren.
Und genau darin liegt die wichtigste Lektion für die Energiewirtschaft: Die richtigen Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, reicht nicht. Entscheidend ist, ob etablierte Unternehmen ihnen auch die Strukturen geben, in denen sie wirklich etwas verändern können.
Neue Talente brauchen neue Strukturen
Noch nie war es für Stadtwerke und etablierte Energieunternehmen so realistisch, digitale Talente und erfahrene Führungskräfte für die eigene Transformation zu gewinnen. Das Umfeld dafür war selten besser: Das nötige Kapital fließt in den Markt und die Technologien sind vorhanden.
Über die Regulatorik lässt sich zwar streiten – aber auch hier bewegt sich einiges in die richtige Richtung. Vor allem aber interessieren sich heute Menschen mit Tech-, Wachstums- und Disruptionserfahrung für die Energiewirtschaft, die diese Transformation gestalten wollen und können.
Wer neue Talente in alte Organisationsstrukturen steckt, wird sie weder langfristig halten noch ihr Potenzial ausschöpfen.
Die Frage ist also nicht mehr, ob Stadtwerke und traditionelle Energieunternehmen diese Talente finden und für sich gewinnen können. Es geht vielmehr darum, ob sie ihnen eine Organisation bieten, in der sie tatsächlich etwas verändern können.
Es reicht nicht, neue Menschen in bestehende Strukturen zu setzen und auf Innovation zu hoffen. Es braucht neue Rollen mit klaren Verantwortlichkeiten, echter Entscheidungskompetenz und Gestaltungsspielraum. Produktinnovation, die Nutzung von Daten und KI oder der Aufbau von Flexibilitätsmärkten und digitalen Kundenerlebnissen dürfen keine Nebenaufgaben bestehender Bereiche sein. Sie müssen als strategische Kernkompetenzen verstanden und besetzt werden – mit Menschen, die Innovation und Transformation nicht nur verstehen, sondern bereits gestaltet haben.
Wer neue Talente in alte Organisationsstrukturen steckt, wird sie weder langfristig halten noch ihr Potenzial ausschöpfen. Wer ihnen dagegen das richtige Spielfeld bietet, kann mit ihnen die Transformation des eigenen Unternehmens deutlich beschleunigen.