In der kommunalen Wirtschaft kommen Frauen immer öfter zum Zug bei der Besetzung von Schlüsselpositionen – auch in Bereichen, die lange als klassische Männerdomänen galten. Julia Antoni, Geschäftsführerin der Stadtwerke Oberursel in Hessen, beschreibt, wie sich Erwartungen und Rahmenbedingungen verändert haben. Sie ist überzeugt: Am Ende zählen weniger das Geschlecht als die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und Ergebnisse zu liefern.
Wie hat sich die Situation für Frauen in den vergangenen Jahren verändert?
Meiner Wahrnehmung nach hat sich vor allem die Sichtbarkeit deutlich verändert. Frauen werden heute gezielter angesprochen und sind in Auswahlprozessen präsenter. Gleichzeitig hat sich am Kern der Erwartung wenig geändert: Entscheidend ist nach wie vor, wer Verantwortung übernimmt und Ergebnisse liefert. Insofern ist der Zugang heute leichter, die Anforderungen sind aber gleich geblieben – vielleicht sogar transparenter geworden.
Welche Erfahrungen haben Ihren Karriereweg besonders geprägt?
Wenn ich auf meinen eigenen Weg schaue, waren es vor allem Phasen, in denen ich früh Verantwortung übernehmen musste – oft ohne den perfekten Rahmen zu haben. Genau in diesen Situationen lernt man, Entscheidungen zu treffen und dafür einzustehen. Ich glaube, dass Führung weniger durch Planung entsteht als durch solche konkreten Erfahrungen im operativen Geschäft.
Gab es Schlüsselmomente oder Personen, die Sie besonders unterstützt haben?
Ich hatte immer wieder Führungskräfte, die mir Verantwortung zugetraut haben, bevor ich formal bereit war. Dieser Vertrauensvorschuss war entscheidend. Aus meiner Sicht entwickeln sich Menschen am schnellsten, wenn sie an echten Aufgaben wachsen – nicht durch Programme, sondern durch konkrete Verantwortung.

Welche Hürden bestehen heute noch?
Ich erlebe weniger klassische Hürden, dafür mehr implizite Erwartungen. Es gibt oft klare Vorstellungen davon, wie Führung aussehen sollte – etwa in Bezug auf Kommunikation oder Auftreten. Diese Zuschreibungen sind nicht immer leistungsbasiert und beeinflussen Entscheidungen stärker, als man denkt.
Wird über Gleichstellung ausreichend gesprochen?
Es gibt aus meiner Sicht keinen Mangel an Debatten. Die wichtigere Frage ist, was daraus folgt. Ich glaube, Organisationen kommen dann weiter, wenn sie klare Kriterien und Verantwortlichkeiten definieren – also konkret in die Umsetzung gehen, statt weitere Grundsatzfragen zu diskutieren.
Welche Rolle spielen Unternehmenskultur und Vereinbarkeit?
Unternehmenskultur zeigt sich für mich im Alltag: wie Entscheidungen getroffen werden, wie klar Verantwortlichkeiten sind und wie verlässlich Strukturen funktionieren. Organisationen, die hier gut aufgestellt sind, funktionieren für alle. Flexibilität spielt eine Rolle, ersetzt aber keine gute Führung und keine klaren Prozesse.
Am Ende wird man an den Ergebnissen gemessen.
Beobachten Sie unterschiedliche Erwartungen an Frauen in Führungsrollen?
In meinem Alltag sehe ich durchaus noch Unterschiede in den Erwartungen, etwa beim Kommunikationsstil oder bei der Frage, wie konsensorientiert Führung sein sollte. Gleichzeitig relativiert sich das mit zunehmender Verantwortung. Am Ende wird man an den Ergebnissen gemessen.
Welche Vorteile bringt ein vielfältig besetztes Führungsteam?
Ich bin überzeugt, dass unterschiedliche Perspektiven Entscheidungen besser machen. Vielfalt hilft, Risiken breiter zu betrachten und blinde Flecken zu vermeiden. Entscheidend ist dabei weniger das Merkmal an sich, sondern die tatsächliche Unterschiedlichkeit im Denken und in den Erfahrungen.
Wie können Unternehmen mehr Frauen für Führungsaufgaben gewinnen?
Aus meiner Sicht geht es vor allem darum, früh Verantwortung zu übertragen und Leistung sichtbar zu machen. Wer zentrale Projekte steuert, wird automatisch als Führungskraft wahrgenommen. Genau dort entsteht Entwicklung.
Welche Bedeutung haben Netzwerke und Mentoring?
Netzwerke sind wichtig, weil sie Zugang zu relevanten Themen und Entscheidungsträgern schaffen. Das kann Karrieren beschleunigen. Mentoring kann unterstützen, ersetzt aber nicht die eigene Leistung im operativen Geschäft.
Wo sehen Sie in der Kommunalwirtschaft besonderen Nachholbedarf?
Ich sehe den größten Bedarf in den Bereichen, die das Kerngeschäft ausmachen – also dort, wo es um Infrastruktur, Investitionen und Regulierung geht. Gerade dort werden in den kommenden Jahren die entscheidenden Weichen gestellt.
Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten zehn Jahren?
Ich denke, dass sich das Thema weiter versachlichen wird. Weniger Diskussion über Grundsatzfragen, mehr Fokus auf Umsetzung und Ergebnis. Am Ende wird entscheidend sein, wer Organisationen stabil führt und ihre Aufgaben zuverlässig erfüllt.
Gerade anspruchsvolle Aufgaben sind die besten Entwicklungsschritte.
Welchen Rat geben Sie jungen Frauen?
Mein Rat wäre, nicht zu lange auf die richtige Position zu warten, sondern aktiv Verantwortung zu suchen. Gerade anspruchsvolle Aufgaben sind die besten Entwicklungsschritte. Wer dort liefert, wird gesehen.
Welche Maßnahme wäre sofort wirksam?
Wenn ich eine Maßnahme nennen müsste, wäre es die konsequente Besetzung von Schlüsselprojekten nach Leistungsprofil. Dort zeigt sich sehr schnell, wer Verantwortung tragen kann – und genau dort entstehen Führungskarrieren.
Was bedeutet gute Führung für Sie persönlich?
Für mich bedeutet gute Führung vor allem Klarheit: Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen und Verantwortung übernehmen. Das ist aus meiner Sicht weniger eine Frage des Geschlechts als der Haltung.
Was möchten Sie Nachwuchskräften mitgeben?
Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass Führung nicht erst mit einer Position beginnt. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu vertreten, übernimmt bereits Führung – ganz unabhängig vom Titel.