Die Stadtwerke Norderstedt haben schon relativ früh begonnen, sich mit KI zu beschäftigen (Symbolbild).

Die Stadtwerke Norderstedt haben schon relativ früh begonnen, sich mit KI zu beschäftigen (Symbolbild).

Bild: © DC Studio/AdobeStock

Die Stadtwerke Norderstedt nutzen Künstliche Intelligenz bereits recht vielfältig, zum Beispiel mit dem "WerKI", dem unternehmenseigenen ChatGPT, oder in einem Forschungsprojekt zur Fernwärme. Aus der Analyse großer Datenmengen sollen dort Maßnahmen für Betrieb und Wartung abgeleitet werden. Darüber hinaus bereiten sich die Stadtwerke darauf vor, KI in der gesamten Kritischen Infrastruktur einzusetzen.

Woher kommen die Ideen für Ihre Projekte, in denen Sie Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen?

Nicolas Fahl: Vorab möchte ich einen Punkt betonen, der meiner Meinung nach sehr wichtig ist: IT und KI sind "Menschenthemen". Deshalb legen wir den Fokus darauf, dass sich nicht nur die IT-Abteilung darum kümmert, sondern dass wir alle im Unternehmen auf diesem Weg mitnehmen. Das führt dazu, dass die Ideen für KI-Projekte aus allen Bereichen kommen. Wir merken auch, dass immer mehr IT- und KI-Know-how in der ganzen Breite des Unternehmens vorhanden ist.

Was ist der Grund dafür?

Jens Seedorff: Wir haben interdisziplinäre Teams gebildet, die mit Mitgliedern von Fachabteilungen und mit Experten für Data Science und Artificial Intelligence besetzt sind. Denn inhaltlich lebt das Ganze sehr stark davon, dass alle Bereiche von der KI-Nutzung angetan sind.

Jens Seedorff, Erster Werkleiter der Stadtwerke NorderstedtBild: © Stadtwerke Norderstedt

Was verstehen Sie darunter genau?

Fahl: Für mich persönlich ist der Fokus auf den Menschen der entscheidende Faktor – übrigens nicht nur bei KI, sondern grundsätzlich beim Einsatz von Technologie. Wir müssen unsere Leute dabei mitnehmen, wir müssen das Wissen darüber inhouse so hoch wie möglich halten. Damit sind wir bislang sehr gut gefahren, und das ist für mich ein essenzieller Punkt.

Wie setzen Sie das "Mitnehmen" in der Praxis um?

Fahl: Wir haben eine ganze Palette von Angeboten. Wir führen viele Schulungen durch. Der EU-AI-Act legt ja ab 2025 ohnehin fest, dass Unternehmen, die KI einsetzen, ihre Mitarbeitenden für die Nutzung schulen müssen. Außerdem haben wir ein "Lernwerk" mit vielen kuratierten Lernvideos.

Welche weiteren Maßnahmen gibt es?

Fahl: Auf unseren Netzwerkflächen, wo die Mitarbeitenden einen Kaffee trinken und mit Entwicklern in Kontakt kommen können, bieten wir regelmäßig Schulungen an – anfangs wöchentlich, jetzt monatlich. Bei unseren Veranstaltungen geht es nicht nur um die Vermittlung von Informationen, sondern auch darum, Ängste abzubauen, zum Beispiel dass Arbeitsplätze reduziert werden könnten.

Das ist sicher eine sehr weit verbreitete Sorge. Wie zerstreuen Sie diese Befürchtungen?

Fahl: Bei KI ist es wie bei jeder disruptiven Technologie: Sie schürt am Anfang erst mal Ängste bei den Menschen, und das ist auch normal. Aber es ist auch sehr spannend, den Drive zu spüren, wenn man erst mal diese Hürde überwunden hat, und sie merken, dass die Arbeit dadurch in einigen Punkten einfacher werden kann.
 
Seedorff: Außerdem benötigen wir in den nächsten Jahren viele hochqualifizierte Fachkräfte, da wir uns weiterhin auf einem Wachstumspfad bewegen. Diese entwickeln wir in der Regel aus unserem eigenen Personalbestand heraus, sei es durch Ausbildung, sei es aus den etablierten Arbeitsplätzen heraus.

Wie verändert sich Arbeit durch den KI-Einsatz?

Fahl: KI ist ein großartiges Mittel, die Qualität weiter zu erhöhen. Damit können repetitive Aufgaben perspektivisch von der KI erledigt und die Mitarbeiter dadurch entlastet werden. Sie haben dann mehr Zeit für qualifiziertere und interessantere Aufgaben.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Fahl: Wenn wir zum Beispiel unser Forschungsprojekt zu den Fernwärmenetzen nehmen: Es gibt Themen, die können wir händisch gar nicht bewältigen. Um vorherzusagen, wie sich der Bedarf zur Wartung eines Fernwärmenetzes entwickelt, muss man etwa Tausende Datenpunkte untersuchen. Dafür braucht selbst ein Mathematiker ein Jahr. Aber KI macht in Echtzeit Voraussagen: Diese Leitung fällt mit einer Wahrscheinlichkeit von xy Prozent morgen aus.

Seedorff: Die Stadt Norderstedt ist in Schleswig-Holstein bei der Kommunalen Wärmeplanung ganz vorne mit dabei. Wir als Stadtwerke unterstützen das. Wir entwickeln uns dabei in eine neue Rolle: vom reinen Gasversorger zum Wärme-Provider. Wir müssen extrem viele Datenpunkte auswerten können, um die neuen Aufgaben zu bewältigen.

Nicolas Fahl, CIO der Stadtwerke NorderstedtBild: © Stadtwerke Norderstedt

Und dafür setzen Sie KI ein?

Seedoff: Ja. Wir beschäftigen uns in sogenannten Fokus-Themen-Teams damit, uns auf die neuen Anforderungen auszurichten. Der Einsatz von KI kann für uns grundsätzlich nur dann sinnvoll sein, wenn sie den Menschen im Unternehmen, den Kund:innen und auch den Stakeholdern Nutzen bringt.
 
Fahl: Um das noch zu unterstreichen: Wir haben uns intern Grundsätze für die Nutzung von KI gegeben, und da findet sich genau das wieder. Wir beschäftigen uns in diesem Zusammenhang auch mit ethischen Aspekten. Wir sind mit Fachleuten von der Hochschule Lübeck – dort gibt es mittlerweile eine Professur für das Thema Ethik in der KI – unsere Abläufe im Hinblick darauf durchgegangen.

Was steht außerdem noch in den Grundsätzen?

Fahl: Ein ganz wichtiger Punkt ist für uns die diskriminierungsfreie Nutzung und Zugänglichkeit für alle. Außerdem haben wir den Schutz der Mitarbeitenden aufgenommen: KI wird nicht zur Auswertung der Arbeitsleistung genutzt. Schon vor den ersten Anwendungen haben wir uns diese Grundsätze geben, die unser Handeln bestimmen.

Entwickeln Sie die KI-Lösungen selbst oder setzen Sie auch auf externe Angebote?

Fahl: Wir setzen derzeit überwiegend eigene Entwicklungen ein. Perspektivisch werden wir uns auch Angebote des Marktes anschauen. Dabei ist uns wichtig, dass wir das Wissen im Unternehmen behalten und bei einer Zusammenarbeit mit einem Dienstleister gemeinsam wachsen. Deswegen haben wir Herrn Mohr bei uns aus einer IT-Führungsposition hin zu einer Forschungs- und Entwicklungsstelle entwickelt. Er widmet sich jetzt vollständig dem Thema KI.

Haben Sie eine ganzheitliche KI-Strategie oder werden Sie eine solche entwickeln?

Fahl: Bei uns wird es keine alleinstehende KI-Strategie geben. Wir sind seit mittlerweile zwei Jahre dabei, unsere Unternehmensstrategie mit Fokus 2030 langfristig auszurichten. Bei den einzelnen Schritten spielt KI eine entscheidende Rolle, um die Unternehmensziele zu erreichen. Die Technologie steht also nicht „daneben“, sondern muss die Unternehmensstrategie unterstützen. Genauso wie unsere Datenstrategie muss auch die KI-Strategie der Enabler für die Unternehmensstrategie sein.

Können Sie einordnen, wie weit Sie beim Thema KI im Vergleich zu anderen Stadtwerken Ihrer Größenordnung sind?

Seedorff: Ich möchte das mal so ausdrücken: Ein früher Technologieeinsatz liegt in unserer DNA. Wir haben schon relativ frühzeitig in den klassischen Aufgabenfeldern einen vergleichsweise hohen Automatisierungsgrad gehabt. Wir haben unsere bundesweit tätige Telekommunikations-Tochtergesellschaft „wilhelm.tel“ schon Ende der 1990er-Jahre gründet. Wir haben zunächst im Stadtgebiet und später in der Metropolregion die Glasfaser-Infrastruktur ausgebaut. Zu uns passt es deshalb, dass wir uns frühzeitig um das Thema KI kümmern.

Wenn Sie Stellen ausschreiben: Gewinnen dann KI-Kenntnisse an Bedeutung?

Fahl: Nein, die kommenden Generationen verfügen grundsätzlich über ein großes Technologie-Know-how. Das merken wir bei den jungen Leuten, die bei uns anfangen. Aber auch bei den Menschen, die schon lange im Arbeitsmarkt sind, sehen wir, dass die Kenntnisse zunehmen.

Data Scientists und andere KI-Spezialisten sind derzeit schwer zu bekommen und sehr teuer. Wie gewinnen Sie die nötigen Fachkräfte?

Fahl: Wir setzen stark auf duale und Werkstudenten. Sie zeigen auch nach dem Studium eine hohe Verbundenheit mit dem Unternehmen. Denn wir können mit Dingen punkten, die es in der freien Wirtschaft nicht so häufig gibt, was Flexibilitäten, Gestaltungsfreiraum und Verantwortungsübernahme angeht.
 
Das Interview führte Elwine Happ-Frank

Mehr zu dem Thema und den ersten Teil des Interviews lesen Sie in der November-Ausgabe. Zum Abo geht es hier.

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