Wer sein E-Auto BMW i3 für 100 Kilometer Laufleistung aufladen will, muss bei sieben der elf größten deutschen Ladesäulenbetreiber mehr pro kWh zahlen als für durchschnittlichen Haushaltsstrom. Das ist eines der Ergebnisse des zweiten Ladesäulen-Checks, den Statista für das Grünenergieunternehmen Lichtblick durchgeführt hat. Zumindest für Lichtblick bestätigen die Resultate deren alte regulatorische Forderungen zu Fahrstrom.
Statista hat die Bruttotarife für spontanes Laden auf die geladene kWh umgelegt. Denn meist hängt der Preis von der Ladezeit ab. Die beträgt in dem beispielhaften Ladevorgang eine Stunde und 36 Minuten für 15 kWh. Nur der größte deutsche Ladesäulenbetreiber Innogy rechnet kWh-scharf ab und auch nur an den Wechselstrom-Ladesäulen. Nur die Noch-RWE-Tochter hat dafür eine eichrechtliche Zulassung. Bei den Schnellladesäulen, die Gleichstrom abgeben, erhebt sie eine Ladepauschale.
Die Preisführer und die Durchschnittlichen
Demnach kostet die kWh bei Innogy 39 Cent. Damit ist der Anbieter nur der fünftteuerste der Großen. Er hält seine kWh-scharfe Abrechnung für besonders kundenfreundlich. Preisführer ist die EnBW mit 54,5 Cent, gefolgt von den Stadtwerken München, Allego, EWE Oldenburg und Stadtwerken Düsseldorf. Zum Vergleich: Haushaltsstrom erlöst im bundesdeutschen Mittel 29,4 Cent. Nur Düsseldorf vertreibt nicht ausdrücklich grünen Fahrstrom, so Lichtblick gegenüber der ZfK. EWE weist den angeblichen kWh-Preis von 39,9 Cent zurück; man habe vielmehr "allgemein" eine Fahrstrom-Flatratekarte zum unbegrenzten Laden gegen Monatspauschale.
In Hamburg wird von einem i3-Besitzer in etwa der durchschnittliche kWh-Wohnungspreis verlangt. Lieferant ist aber nicht Stromnetz Hamburg, wie Lichtblick meint, sondern Hamburg Energie. Der Dresdener Kommunalversorger Drewag geht mit 27,3 Cent leicht darunter.
Immer noch gratis in Köln und Leipzig
Und es gibt sie noch, die Fahrstromtarife, die wesentlich günstiger sind als stationärer Privatstrom, oder aber gar bei Null liegen – allesamt von Kommunalunternehmen: Mainova in Frankfurt am Main, die 13,3 Cent pro kWh fordert, und die Leipziger Stadtwerke sowie die Kölner Rheinenergie, die nach wie vor Fahrstrom verschenken. Lichtblick behauptet, dort sei aber jeweils kein Spontanladen möglich, nur über den Roamingdienst Plugsurfing und dann immer noch kostenlos. Die Leipziger halten dem entgegen, jeder E-Autofahrer könne über die Easy-go-App auch bei ihnen "spontan" laden.
Fahrstrom über die Roaming-Kooperationen Plugsurfing und The New Motion sind mal günstiger, mal teurer als jene des Ladesäulen-Betreibers selbst, fand Statista heraus.
"Regionale Monopolisten diktieren teures Preischaos"
Und es bilden sich regionale Monopole heraus: So betrieb EWE im Mai 90 Prozent der 500 Ladesäulen in seinem Netzgebiet. Bei den Stadtwerken München waren es 88 Prozent von 188.
Für Lichtblick, das über das Roaming mit The New Motion seinen Fahrstromkunden Zugang zu manchen Ladesäulen verschafft, ist das ein Skandal. Die politische Botschaft: Stromnetzbetreiber und Marktführer nutzten ihre marktbeherrschende Stellung, um "ein weiteres" Monopol zu etablieren und "den Wettbewerb im Strommarkt zu unterlaufen". Die Preise würden von ihnen diktiert und seien schon zu hoch. Sie schüfen zudem ein Wirrwarr an Tarif- und Zugangsbedingungen sowie Abwicklungssystemen.
Leipziger Stadtwerke: Lichtblick hat Zugang und darf Säulen bauen
Daher wiederholt Lichtblick-Vorstand Gero Lücking seine bekannte Forderung, Ladesäulen dem Netz zuzuschlagen und diskriminierungsfrei jedem Fahrstromvertrieb zu öffnen. Die Leipziger Stadtwerke entgegnen der Argumentationsgrundlage, dem zweiten Ladesäulen-Check, folgendermaßen:
- Der Vergleich mit Haushaltsstrom hinke: "Hinter den Preisen steht nicht nur der reine Strom, sondern auch Gerätebeschaffung, Wartung und Zugangs-/ Abrechnungssysteme, die der Betreiber im Preis mitfinanzieren muss."
- Zumindest in Leipzig gebe es kein Monopol, sondern nur eine Marktführerschaft: Lichtblick habe über Roaming Zugang zu den dortigen Säulen. Es stünde Lichtblick zudem frei, in Leipzig eigene Säulen zu errichten und bei Netz Leipzig anzumelden.
- Die Leipziger Stadtwerke sprechen von "Tarifvielfalt" statt "Chaos". Sie bediene individuelle Bedürfnisse verschiedener Fahrstrom-Kundengruppen.
München beklagt eichrechtliche Blockade
Die Stadtwerke München kritisieren, dass Lichtblick das Tarif-"Chaos" in der Öffentlichkeit platzieren möchte, statt im Sinne des E-Mobilitäts-Ausbaus von der Politik neue steuer- und eichrechtliche Regelungen zu fordern. Außer der Lösung von Innogy sei derzeit kein kWh- oder zeitabhängiges Abrechnungssystem mess- und eichrechtlich konform und auch diese bedürfe der "Nachjustierung". Beim Wechselstrom(AC)-Laden Bereich zeichneten sich erst in diesem Sommer Zulassungen ab. Für Gleichstrom (DC-Schnellladen) "fehlen diese bislang gänzlich".
Die Folge: entweder Ladesäulen ganz sein lassen oder "Gießkannen-Tarife" pro Ladevorgang erheben, egal, ob er fünf Minuten oder fünf Stunden dauert und wie viel Strom er zieht.
Die Auswahl des Roaming-Anbieters Plugsurfing durch Statista und Lichtblick erschließt sich den Münchnern nicht. Plugsurfing sei einer der letzten, die in München noch nicht dabei sind. Dafür aber über die kommunale Roaming-Kooperation ladenetz.de mehr als 150 andere Stadtwerke mit ihren eigenen Tarifen sowie weitere Roamingverbünde.
Auswahl der Ladeleistung für Testergebnis entscheidend
2017 hatte Statista im ersten Check noch einen Nissan Leaf herangezogen. Das ist insofern für Tarifvergleiche bedeutend, als der Japaner nur 7,4 kW aufnehmen kann, während der Münchner i3 immerhin auf 11 kW elektrische Ladeleistung kommt. Er ist so mit dem Laden "schneller" fertig (zum ersten Ladesäulen-Check und der Kritik daran siehe gedruckte ZfK 8/17 auf Seite 11). (geo)



