In Witten wirtschaftlich: öffentliche Ladesäulen.

In Witten wirtschaftlich: öffentliche Ladesäulen.

Bild: © Stadtwerke Witten/Sascha Kreklau

Für Aufsehen sorgte kürzlich Julia Antoni, Geschäftsführerin der Stadtwerke Oberursel, mit der Ankündigung auf "LinkedIn", aus dem Geschäft mit öffentlicher Ladeinfrastruktur für Elektroautos auszusteigen. Das führte online zu einer lebhaften Diskussion, offenbar traf ihr Post einen Nerv.

Anlass für die ZFK, in der Branche nachzufragen. Denn nicht nur im hessischen Oberursel wird die E-Mobilitätsstrategie gerade völlig neu ausgerichtet. Die Westfalen Weser Energie aus Paderborn (Nordrhein-Westfalen) beispielsweise setzt ebenfalls einen ganz neuen Fokus – weil der Markt für Ladestrom nach wie vor zäh ist.

Dass der ursprüngliche Plan in ein und demselben Bundesland aufgehen kann, es dafür jedoch keine Garantie gibt, zeigt hingegen das Beispiel der Stadtwerke Witten. Ein öffentliches Ladenetz lasse sich wirtschaftlich betreiben, erklärt das Unternehmen auf Nachfrage und räumt ein: "Auch wenn die Renditen derzeit noch vergleichsweise moderat ausfallen".

Erwartungen nicht erfüllt

Der Ausstieg von Oberursel sei indes "keine einfache Entscheidung", schrieb Antoni im Mai. "Aber eine notwendige". Sie erfolge nach "sorgfältiger wirtschaftlicher Abwägung", betonte die Geschäftsführerin.

Wie viele Versorger sind die Stadtwerke Oberursel "bewusst in die E‑Mobilität eingestiegen und haben Ladeinfrastruktur aufgebaut". Im Betrieb habe sich allerdings gezeigt: Der Investitionsbedarf ist hoch, die "Auslastung wächst langsamer als erwartet" und die Wirtschaftlichkeit bleibt unter Plan.

Für Antoni war schließlich klar, es muss etwas passieren. Also verkaufte sie das öffentliche Ladenetz an das Münchener Unternehmen Wirelane, ein nach eigenen Angaben Full-Service-Anbieter in dem Bereich. Ihr Resümee: "Am Ende werden Strategien nicht daran gemessen, wie gut sie geplant sind, sondern daran, ob sie sich in der Realität bewähren."

"Es geht nicht um Rückzug"

Seit dem 1. Oktober 2025 liege der operative Betrieb nun vollständig bei Wirelane, teilte eine Sprecherin des Stadtwerks mit. Zum Preis machte sie mit Verweis auf eine Vertraulichkeitsvereinbarung der Partner keine Angaben. Und hält fest: "Es geht nicht um Rückzug, sondern um eine klare Priorisierung unserer Ressourcen." Insgesamt betrieben die Stadtwerke 28 öffentliche Ladepunkte an 11 Standorten.

Der konsequente Verkauf des gesamten Ladenetzes dürfte nicht die Regel sein, ein Einzelfall ist er ebenso wenig. Auch Konzerne wie Baywa oder Total Energies erwägen anscheinend diesen Schritt.

Größer denken in Paderborn

Ihr Engagement in dem Bereich gezielt weiterentwickeln will hingegen Westfalen Weser Energie, wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage mitteilt. Der Fokus verschiebe sich "vom Betrieb einzelner Ladepunkte hin zu skalierbaren und wirtschaftlich tragfähigeren Systemlösungen – beispielsweise für den öffentlichen Nahverkehr und Logistikunternehmen". Dies sei wirtschaftlich tragfähiger.

Ein Trend, der sich in der Branche zunehmend durchsetzt. Vor kurzem weihte die Münchener Energie Südbayern den ersten öffentlichen Megawatt-Ladepark der Region speziell für Lkw ein – und kündigte weitere an. Dazu passend stellte das Bundeswirtschaftsministerium unlängst eine Milliarde Euro an Fördergeldern für genau diesen Zweck bereit: nämlich Ladeinfrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge.

Als einen Grund für den Strategiewechsel führt Westfalen Weser Energie die geringere Nachfrage in ihrem ländlich geprägten Geschäftsgebiet an. Viele Nutzerinnen und Nutzer von Elektrofahrzeugen würden vor allem zu Hause oder am Arbeitsplatz laden, dadurch ließen sich kleinere, öffentliche Ladepunkte häufig nur begrenzt wirtschaftlich betreiben, so der Sprecher.

Zentrale Herausforderungen sehe er außerdem in unsicheren politischen Rahmenbedingungen, beispielsweise bei Förderprogrammen, sowie in einem noch nicht ausreichenden Hochlauf elektrischer Pkw. Laut Kraftfahrtbundesamt stieg die Zahl der in Deutschland zugelassenen voll elektrischen Pkw dieses Jahr erstmals auf mehr als zwei Millionen Fahrzeuge, bei einem Gesamtbestand von deutlich mehr als 49 Millionen Pkw.

Auf Erfahrungen aufbauen

Ladesäulen verkaufen oder zurückbauen möchte Westfalen Weser Energie den Herausforderungen zum Trotz nicht. Das bestehende Ladenetz "betreiben wir weiterhin". Eigene sowie Ladepunkte bei Kundinnen und Kunden zusammengenommen betreibt das Unternehmen nach eigenen Angaben aktuell 3669 Stück.

Den Einstieg in dieses Geschäftsfeld bewerte es auch "mit dem Wissen von heute" weiterhin als richtig. Dieser habe frühzeitig wertvolle Erfahrungen in einem wichtigen Zukunftsmarkt ermöglicht. "Hierauf können wir nun sehr gut aufsetzen."

"Eines der wichtigsten Geschäftsfelder für Stadtwerke"

Anders in Witten, wo die Auslastung öffentlicher Ladesäulen "höher als erwartet" ausfällt, wie Patrick Berg, Abteilungsleiter Energiedienstleistungen, als Reaktion auf den Linkedin-Post Antonis schreibt. Die Wirtschaftlichkeit liege gar "über Plan", so Berg.

Er verschweigt dabei nicht, dass es anfangs eine "strategische und operative Herausforderung" gewesen sei. Geholfen haben, diese zu meistern, dürfte auch eine "Hohe Nachfrage im Bereich B2B und WoWi [Wohnungswirtschaft]".

Eine Unternehmenssprecherin teilt auf Anfrage sogar mit: "Die öffentliche Ladeinfrastruktur wird aus unserer Sicht künftig zu einem der wichtigsten Geschäftsfelder für Stadtwerke." In Witten werde sie "eine wesentliche Rolle" in der künftigen Strategie einnehmen. Das Unternehmen betrieb zuletzt öffentliche Ladepunkte in einem unteren dreistelligen Zahlenbereich und das mit "moderaten Renditen".

Kooperationen können ein Schlüssel sein

Das sei aber nur ein Teil der Betrachtung, ebenso wichtig sei etwa die strategische Positionierung im Markt. "Wer frühzeitig präsent ist, stärkt nicht nur das Geschäftsfeld Elektromobilität, sondern schützt auch sein bestehendes Kerngeschäft vor Wettbewerbern", unterstreicht die Sprecherin. Ein entscheidender Erfolgsfaktor sei dabei, qualifiziertes Personal mit dem entsprechenden Fachwissen einzustellen.

Als Tipp rät sie, mit anderen Stadtwerken, Kommunen und weiteren regionalen Akteuren zu kooperieren. Dies biete große Chancen, um Kompetenzen zu bündeln, Investitionsrisiken zu reduzieren und Synergien zu nutzen.

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