Joschka Fischer: "Die Daseinsvorsorge ist Auftrag und Aufgabe der gesamten Gesellschaft."

Joschka Fischer: "Die Daseinsvorsorge ist Auftrag und Aufgabe der gesamten Gesellschaft."

Bild: © Bitkom e.V.

Die Mobilität insgesamt und mit ihr die Automobilbranche machen einen einschneidenden Strukturumbruch durch, disruptiv agierende Player treiben die angestammten Noch-Marktführer vor sich her. "Die Zukunft der Mobilität ist intelligent, effizient und vernetzt – und nimmt alle mit", hatte Joschka Fischer seinen Vortrag auf der Smart-Country-Convention in Berlin überschrieben. Das Urgestein der Grünen, nach seiner politischen Karriere als Berater für Top-Konzerne wie Siemens, BMW, REWE oder RWE unterwegs, warf einen Blick in die Vergangenheit – um dann bei den Herausforderungen der Gegenwart eine Lanze für die öffentliche Daseinsvorsorge zu brechen.

"Früher war Mobilität eine Klassenfrage", erinnerte Fischer an die Zeiten vor der Erfindung des Automobils, als der Bewegungsradius einfacher Menschen sich auf wenige Kilometer begrenzte. Der Durchbruch des Autos als für breitere Schichten verfügbares industrielles Massenprodukt markierte einen "enormen Fortschritt". Das Erlebnis, sich "einfach in ein Automobil zu setzen und losfahren zu können", habe tiefe Spuren hinterlassen. "Das Mobilitätsversprechen reicht tief in die menschliche Psyche und in die Triebstruktur von Millionen Menschen", analysierte der einstige Ober-Realo der Grünen.

Das Auto scheiterte an seinem Erfolg

Die aktuelle Krise des Automobils resultiere denn auch nicht aus seiner Ablehnung, sondern liege an seinem Erfolg mit allen unangenehmen Auswirkungen – vom Verkehrschaos mit Dauerstau bis zu den Umweltschäden mit Feinstaub und Stickoxiden. Die angespannte Lage bei den deutschen Autokonzernen treffe unsere Gesellschaft im Kern. "Dieser Strukturwandel ist nicht nur technisch induziert, sondern wird auch erhebliche soziale Auswirkungen haben."

Die Umbrüche bei der Mobilität betreffen Stadt und Land – allerdings in unterschiedlicher Art und Weise. Während in den stetig wachsenden Ballungszentren der Raum immer enger wird und die Umweltschäden unmittelbarer wirken, fühlen sich im ländlichen Raum immer größere Bevölkerungsteile von der nicht-individuellen Mobilität abgehängt – die Angebote dünnen aus. Eine fatale Entwicklung. Denn wenn sich in Regionen das Gefühl, abgehängt zu sein, verfestige, ziehe dies zwangsläufig "politische Verwerfungen" nach sich.

Mobilität ist Teil der Daseinsvorsorge

"Wir dürfen Mobilität nicht nur ökonomisch sehen, sondern müssen sie als einen Teil der Daseinsvorsorge begreifen. Sie ist eine Aufgabe des Gemeinwesens, eine politische Aufgabe", forderte Fischer. Die Privatisierungswelle im Schienenverkehr der 80er und 90er Jahre sei ein Fehler gewesen, auch wenn es dafür verständliche Gründe gegeben habe. Die Verstaatlichung der Bahn erfolgte im Zuge der Militarisierung vor dem Ersten Weltkrieg. Jahrzehnte der Staatsbahn hätten sich ausgewirkt. "Das waren Beamte", so der Mitgründer der Beraterfirma Joschka Fischer & Company.

In den Großstädten hingegen sprechen Experten unter anderem dem autonomen Fahren eine Lösung der wachsenden Probleme zu. Doch das "wird so nicht funktionieren". Erste werde die Technologie noch lange nicht ausgereift sein und zweitens "brauchen wir am Ende vor allem mehr Effizienz bei den Verkehrsströmen". Auch seien die Bürger immer weniger bereit, angesichts des knappen Raums den ruhenden Verkehr zu akzeptieren.

"Keine Angst vor positivem Lobbyismus"

Die Vernetzung vorhandener Verkehrsträger sei für junge Unternehmen eine große Chance, erklärte Fischer, warb aber ausdrücklich dafür, das Taxigewerbe in dem Prozess nicht auszuschließen. "Ich war ja fünf Jahre lang Taxifahrer." Die Politik müsse die Verkehrswende beschleunigen, doch dabei könne Druck von der Straße keineswegs schaden, sagte die Grünen-Ikone, formulierte es aber anders. "Keine Angst vor positivem Lobbyismus." Dieser sei dringend notwendig, denn die Erfahrung zeige: "Wenn die Bundesregierung Handlungsbedarf sieht, heißt das noch lange nicht, dass gehandelt wird." (hil)

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