Die Mobilitätsindustrie als eine der wichtigsten globalen Schlüsselindustrien ist im radikalen Umbruch: In den nächsten fünf Jahren dürfte sich mehr verändern als in den letzten 100 Jahren zuvor. Die Universität St. Gallen hat daher einen neuen CAS Studiengang SMART Mobility Management ins Leben gerufen.
Teilnehmer des ersten Jahrgangs kommen aus allen Sektoren der Zukunftsmobilität: Automobilindustrie (Hersteller und Handel) Schiene, öffentlichen Verkehrsbetrieben, Beratung, Telekommunikation, Energie, städtische und staatliche Verwaltungen und Verbänden zwischen 24 und 61 Jahren. Ein Teilnehmer der Stadtwerke Menden ergänzt das Teilnehmerfeld (mehr zur Veranstaltung).
Facebook, Google und Uber
Die ZfK ist Medienpartner, des neuen Studiengangs, und will dabei unterstützen, dass die daraus entstehenden Debatten und Ideen in die kommunale Szene transportiert werden. Gleichzeitig setzt sich die ZfK dafür ein, dass Start-Ups, Konzerne national oder international Lösungen gemeinsam mit der kommunalen Ebene, den Stadtwerken, den ÖPNV-Anbietern finden.
Im ersten der drei Studienblöcken im September traten in München namhafte Referenten auf, unter anderem die Schweizerische Bundesbahnen AG (SBB), die Boston Consulting Group (BCG), das chinesische Start-up NIO, das sich auf die Fertigung von E-Autos spezialisiert hat, der Bundesverbnd eMobilität, das World Economic Forum, die Messe München als Mit-Ausrichter der IAA 2021, Google, Facebook und das Mobilitätsdienstleister Uber.
Google Maps: Vielseitiges Tool
Die Entwicklung von den Straßenplänen von Falk zu Google Maps skizzierte Marc Ritter, Global Account Director bei Google. War es erstmals eine enorme Hilfe, dort digital Adressen eingeben zu können, kann Google Maps inzwischen Straßennamen, die zum Beispiel kyrillisch geschrieben sind, in lateinische Schrift transferieren. Ein wichtiger Sprung sei die Entwicklung zu mobil gewesen, so Ritter.
Wichtigstes Thema sei inzwischen Künstliche Intelligenz. Seit 2015 war bei Google klar, „ab jetzt muss sich jeder in der Firma mit KI beschäftigen“, erzählt Ritter.
„Keine Datenkrake“
Inzwischen können User Suchbegriffe eingeben und diese bezieht den Ort des Anwenders sowie weitere kontextbezogene Parameter mit ein. Auch im Marketing zähle jedes Signal: Tag, Stunde, Kontext, Geographie, Frequenz und Alter fließen in die Auswahl der Anzeigen mit ein.
Ritter verwehrt sich gegen den Eindruck einer Datenkrake: „Wir lernen so etwas über den Kunden und wir machen daraus auch etwas Nützliches für ihn.“ Und weiter: „Das was wir tun ist viel, viel transparenter als alle glauben.“
Zero Click Mobility
Als nächstes steht Zero Click Mobility auf dem Plan – der Anwender muss keinen Knopf mehr drücken: Er wählt nicht mehr das Gesuchte aus, sondern das Gesuchte findet ihn selbst. Ritter konkretisiert: In den USA kann man per App Pizza bestellen. Anhand der Bestellgewohnheiten – etwa, wenn ein Football-Spiel ist – schlägt die App dem User vor ihm eine bestimmte Pizza auszuliefern. Widerruft er nicht innerhalb von 30 Sekunden, steht die Pizza vor seiner Tür.
Übertragen auf die Mobilität würde das heißen, dass ein Kunde vorgeschlagen bekommt, wann nach getaner Arbeit der Bus fährt und das Ticket im besten Fall gleich mitgekauft wird.
Eine Plattform für alle Dienste
Nervig findet Ritter die vielen Apps, die von unterschiedlichen Fahrdiensten angeboten. Besser wäre „eine App für alles“. Google will dazu wenig überraschend die nötige Plattform bieten.
Ohnehin: „Nicht Unternehmen, sondern Ökosysteme müssen sich digitalisieren“, sagt Ritter. Dort fließen die Daten ungehindert. Das Aufsetzen eines solchen Ökosystems sei keine Frage der Technik, sondern der Einsicht – und des Durchhaltens.
Nachhaltigkeit zählt
Einen Blick über den Tellerrand gewährte Facbook-Deutschland-Chef Tino Krause: Wichtigstes Thema bei Facebook seien Werte und Kultur. Krause ist sich zudem sicher: „Unternehmen überleben heute nur, wenn sie nachhaltig sind.“
99 Prozent der Kunden des US-Konzerns sind mittelständische Unternehmen. Diese hätten gleich zu Beginn der Corona-Krise beeindruckend reagiert: „Am schnellsten waren die kleinen mittelständischen Unternehmen, die haben sofort gestoppt. Als die Großen anfingen ihren Betrieb zu stoppen, waren die kleinen schon wieder live“, so Krauses Erfahrung.
Wichtig sei die Frage, wie schaffe ich es als Unternehmen die Menschen an mich zu binden. So werden etwa nur 26 Prozent aller installierten Apps nur einmal geöffnet und dann nie wieder.
Pandemieverlauf bei Facebook
Facebook selbst reagierte ebenfalls schnell auf die Krise und reduzierte die Bandbreite seiner Videos. Und weiter: „In der Corona-Krise haben wir sehr stark gelernt, wie Menschen die richtigen Informationen bekommen“, sagt Krause.
In der ersten Welle der Epidemie habe es sehr viel Unterstützung gegeben in der zweiten Welle fingen dann die Verschwörungstheorien an, die politisch sehr stark geprägt waren, erinnert sich der Facebook-Deutschland-Chef. Inzwischen habe man auch die Policy-Regeln geändert.
Keine Ambitionen im Bereich Mobilität
Krause verdeutlicht aber auch, dass man sich als neutrale Plattform sehe, die nicht in den Diskurs eingreife. Im Zweifel gelte die Meinungsfreiheit, schließlich sei man in Staaten, wo Demokratie nicht so ausgeprägt sei, eine Stimme der Opposition.
„Wir planen nicht in andere Bereiche wie Mobilität einzusteigen, wir haben genug zu tun, Unterhaltung zu bieten“, hält Krause fest.
Uber setzt auf künstliche Intelligenz
Eine Mobilitätsplattform, die mit Künstlicher Intelligenz funktioniert, bietet der Fahrdienst Uber: Mit Hilfe optimierter Routen, etwa indem der Mitfahrer eine kurze Strecke geht, um dann an einem verkehrsgünstigeren Punkt vom Fahrer mitgenommen zu werden oder indem mehrere Menschen in einem Transportmittel kombiniert werden.
Dann dauere die Fahrt womöglich ein bisschen länger, weil vielleicht jemanden vorher auf dem Weg aussteigen muss, aber dafür fallen weniger Kosten für die Fahrt an, erläutert Christoph Weigler, Deutschland-Chef bei Uber.
Auch könne man mit Hilfe künstlicher Intelligenz vorhersagen, wo und wann besonders viele Fahrgelegenheiten benötigt werden.
Elektrifizierung der eigenen Flotte
Eine Vision von Uber ist autonomes Fahren. Deutlich näher dürfte die Elektrifizierung der eigenen Flotte bevorstehen: bis 2025 sollen 50 Prozent der in sieben europäischen Großstädten (Amsterdam, Berlin, Brüssel, Lissabon, London, Madrid und Paris) insgesamt gefahrenen Kilometer mit emissionsfreien Fahrzeugen zurückgelegt werden.
Bis 2040 will Uber zu einer emissionsfreien Mobilitätsplattform werden, auf der 100 Prozent der angebotenen Fahrten mit abgasfreien Fahrzeugen, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Mikromobilitätsangeboten durchgeführt werden sollen. (sg)



