Ein Jahr Deutschlandticket – der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hatte seine Bilanz bereits vor einigen Tagen gezogen. Nun folgten die Einschätzungen anderer Akteure aus Mobilität, Verbraucherschutz und dem Sozialsektor. Der Tenor zum Ticket ist weitgehend positiv, doch es gibt auch teils massive Kritik.
Die Studie eines Verbändebündnisses aus Klima-Allianz Deutschland, AWO Bundesverband und dem ökologischen Verkehrsclub VCD legt den Schwerpunkt auf den Wert des öffentlichen Nahverkehrs: Bereits mit relativ geringen Investitionen in den ÖPNV ließen sich hohe gesellschaftliche Kosten vermindern. Schon mit zehn Prozent mehr Nahverkehr könne man 19 Milliarden Euro sowie 5,8 Millionen Tonnen CO2 einsparen, heißt es darin.
Widerspruch zum Verursacherprinzip
Der motorisierte Individualverkehr sei für rund 96 Prozent der externen Kosten des Verkehrs verantwortlich, während der öffentliche Verkehr nur vier Prozent der Kosten verursacht. Diese ungleiche Verteilung belaste die Allgemeinheit enorm und stehe im Widerspruch zum Verursacherprinzip. Für die externen Schäden, die der Autoverkehr verursacht, hafte die Gesellschaft als Ganzes. Besonders besorgniserregend sei, dass ärmere Haushalte und ungeschützte Verkehrsteilnehmende einen unverhältnismäßig hohen Anteil dieser Kosten tragen.
Das Bündnis fordert deshalb eine langfristige Finanzierung des öffentlichen Verkehrs mit Unterstützung der Bundesregierung, die die nötigen Investitionen und bezahlbare Ticketpreise sicherstellt. Ziel müsse sein, die zur Einhaltung der Klimaziele erforderliche Verkehrsverlagerung vom Auto auf Bus und Bahn zu ermöglichen. Der Ausbau der ÖV-Infrastruktur sei eine grundlegende Voraussetzung für die Verkehrswende und erfordert umfangreiche Investitionen.
Für Bernd Rosenbusch, Geschäftsführer des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV), ist das Deutschlandticket „ein tolles Ticket“ für die Fahrgäste. Für die Bus- und Bahnbranche sei es aber eine Herausforderung, weil die dauerhafte Finanzierung, die Verteilung der Einnahmen, der rechtliche Rahmen und die Ticketsicherheit nicht geregelt sind. Ingo Wortmann, Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), fordert ebenfalls eine langfristige, nachhaltige und sichere Finanzierung. Und die dürfe nicht zu Lasten des Betriebs, der Instandhaltung und des Ausbaus gehen.
Kauf und Kündigung problematisch
Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) nenn das Ticket „ein Erfolgskonzept, das bei den Menschen auf viel Zustimmung stößt“. Doch eine Befragung durch den Verband habe ergeben, dass den Nutzern Kauf und Kündigung weiterhin schwer gemacht werden.
Seit Mai 2023 haben sich demnach mehr als 1800 Verbraucher:innen zu ihren Erfahrungen mit dem Deutschlandticket geäußert. Dauerärgernis bleiben Kauf und Kündigung des Abonnements. Unzuverlässige technische Prozesse führen etwa dazu, dass Kunden unbeabsichtigt mehrere Tickets auf den gleichen Namen kaufen. Notwendige Sicherheitsmechanismen, um dies zu verhindern, fehlen auch ein Jahr nach der Einführung. „Die Anbieter müssen sicherstellen, dass es gar nicht erst zu Doppelbuchungen kommt“, sagt Verbandschefin Ramona Pop.
Es gebe zudem Beschwerden, dass Anbieter mit Hilfe von Kontoinformationsdiensten sensible Kontodaten oder sogar Zugang zum Online-Banking verlangen. Weiteres Dauerärgernis sei der Kundenservice. Die Verkehrsunternehmen seien laut den Beschwerden telefonisch schlecht erreichbar und auf E-Mail-Anfragen kommen Standardtexte zurück.
Ticket nicht nur über App anbieten
Ein gemischtes Fazit zieht auch der Sozialverband VdK. Das Ticket sei ein gutes Angebot, das aber längst nicht alle nutzen können. Das treffe etwa auf Personen zu, die kein Smartphone besitzen. Denn einzelne Verkehrsverbünde bieten das Ticket nur in digitaler Form an. Der Verweis auf andere Verkehrsverbünde, die Chipkarten anbieten, entspreche nicht der Lebensrealität von Seniorinnen und Senioren, die eine adäquate Versorgung bei sich vor Ort vorfinden müssen.
Kritisch sieht der VdK zudem, dass das Ticket nur als Abo zu kaufen ist. Im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher müsse es möglich sein, für 49 Euro ein einzelnes Monatsticket kaufen zu können. Der Abschluss eines Abos schreckt viele Menschen mit wenig Geld ab. Das Deutschlandticket dürfe nicht zur Abo-Falle werden, so der VdK. (wa)



