
Wuppertal gehört zu den Vorreitern bei der Umstellung auf saubere Verkehrsmittel. Umweltfreundlich, flexibel und bedarfsgerecht soll Nahverkehr sein – das gelingt nur, wenn der Finanzierungsrahmen diese Entwicklung aktiv unterstützt, sagt Sabine Schnake, Chefin von WSW mobil. Doch neben Geld seien auch neue Denkansätze gefragt. "Über den Bus hinaus Mobilität vernetzt denken", lautet ihr Appell.
Wuppertal investiert viel Geld in eine umweltfreundliche, wasserstoffbetriebene Busflotte. Ist die Finanzierung ein Selbstläufer?
Nein, ganz und gar nicht. Die Finanzierung unserer Wasserstoffbusse ist ein Kraftakt – auch wenn wir für einzelne Projekte Fördermittel einwerben konnten. Die Umstellung auf alternative Antriebe ist mit erheblich höheren Investitions- und Betriebskosten verbunden. Gleichzeitig fehlen bislang dauerhaft verlässliche Rahmenbedingungen, um solche Investitionen langfristig abzusichern. Ein Selbstläufer ist das also nicht – es ist vielmehr eine bewusste Entscheidung für Klimaschutz und saubere Mobilität, bei der wir als kommunales Unternehmen ein Stück weit in Vorleistung gehen.
Die Politik will die Verkehrswende. Aber lässt sich mit den aktuell gültigen Randbedingungen ein umweltfreundlicher, flexibler und bedarfsgerechter Nahverkehr dauerhaft finanzieren?
Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist das kaum möglich. Wir stehen zwischen steigenden Anforderungen – etwa im Bereich Klimaschutz, Barrierefreiheit oder Digitalisierung – und einem Finanzierungssystem, das auf Stabilität statt Dynamik ausgelegt ist. Umweltfreundlich, flexibel und bedarfsgerecht – das gelingt nur, wenn der Finanzierungsrahmen diese Entwicklung aktiv unterstützt.
An welchen Stellschrauben müsste bei der Finanzierung gedreht werden?
Wir brauchen eine strukturelle und verlässliche Finanzierung, die nicht nur den Status quo absichert, sondern echten Entwicklungsspielraum lässt. Das betrifft die Betriebskosten genauso wie Investitionen in Fahrzeuge, Infrastruktur und Digitalisierung. Auch Fördermittel müssen einfacher zugänglich und langfristig planbar sein. Aktuell verbringen wir viel Zeit damit, Projektförderungen zu beantragen, anstatt systematisch an der Mobilität der Zukunft zu arbeiten.
Wer muss sich dabei bewegen? Der Bund, die Länder, die Kommunen oder die Verkehrsunternehmen?
Es ist eine gemeinsame Aufgabe. Der Bund muss die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen schaffen, die Länder ihre Finanzierungsverantwortung wahrnehmen, und die Kommunen müssen hinter ihren Verkehrsunternehmen stehen – politisch und finanziell. Aber auch wir als Branche sind gefragt, unsere Rolle aktiv zu gestalten und Innovationen auf den Weg zu bringen.
Reicht es, mehr Geld ins System zu pumpen? Oder braucht es auch mehr Kreativität und Innovationsgeist?
Beides gehört zusammen. Ohne ausreichende Mittel funktioniert kein leistungsfähiger Nahverkehr. Aber Geld allein bringt keine Verkehrswende. Wir brauchen neue Denkansätze: Wie können wir flexibel auf Nachfrage reagieren? Wie können wir Mobilität vernetzt denken – über den Bus hinaus? Und wie erreichen wir mehr Menschen für den ÖPNV? Kreativität, Technologieoffenheit und Mut zur Veränderung sind dafür entscheidend.
Was kann die Branche selbst tun, um die Verkehrswende voranzubringen?
Verkehrsunternehmen haben eine zentrale Rolle in der Verkehrswende – sie sind die praktischen Umsetzer klimafreundlicher Mobilität vor Ort. Durch Attraktivitätssteigerung des ÖPNV, den schrittweisen Umstieg auf emissionsfreie Antriebe und innovative Betriebskonzepte können sie entscheidende Impulse setzen. Neue digitale Produktangebote spielen dabei eine wesentliche Rolle, um mehr Menschen für den ÖPNV zu begeistern und die Mobilitätsbedürfnisse der Zukunft zu erfüllen. Aber auch hierbei gilt: Dieses kann nur gelingen, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Die Mobilitätswende ist eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe – lokal, regional und bundesweit.
Sind die Herausforderungen der kommunalen Verkehrsbetriebe bei ihren Eigentümern, den Städten und Gemeinden, angekommen?
Ich sehe ein wachsendes Verständnis, dass der ÖPNV ein zentraler Baustein kommunaler Daseinsvorsorge und Klimapolitik ist. Aber zwischen Einsicht und Umsetzung liegt oft noch ein weiter Weg. In der Praxis stehen viele Kommunen selbst unter erheblichem finanziellem Druck – das macht es schwierig, zusätzliche Mittel bereitzustellen. Umso wichtiger ist es, dass Bund und Länder verlässlich unterstützen.
Viele Nahverkehrsunternehmen weisen auf massiv gestiegene Kosten bei stagnierenden oder gar sinkenden Einnahmen hin. Sind in Wuppertal Einschränkungen des Angebots absehbar?
Wir tun alles, um das bestehende Angebot zu sichern – denn jede Angebotskürzung konterkariert die Ziele der Verkehrswende. Aber wir sind auch realistisch: Wenn die Finanzierungslücken weiter wachsen und keine strukturelle Lösung gefunden wird, geraten selbst grundlegende Leistungen unter Druck. Wir hoffen, dass es nicht so weit kommt – und setzen uns deshalb auch innerhalb der Verkehrsverbände für ein zukunftsfähiges Finanzierungssystem ein.
Die Fragen stellte Jürgen Walk

