Ingo Wortmann, Geschäftsführer der MVG

Ingo Wortmann, Geschäftsführer der MVG

Bild: © Bildschön/VDV

Für viele Großstädter wird die Fahrt zur Arbeit immer mehr zum Stresstest: kein Sitzplatz in der Tram, Gedränge an der U-Bahn, Busse im Stau. "Wir brauchen dringend den Kapazitätsausbau", sagte der Präsident des Branchenverbandes VDV, Ingo Wortmann, am Mittwoch. Er forderte für neue Strecken, Haltestellen und Bahnhöfe Milliarden von Euro – von den Steuerzahlern, den Fahrgästen, aber auch von Unternehmen.

Wien als Positivbeispiel

Liege ein Betrieb an einer Haltestelle, sei er attraktiver für Mitarbeiter. Davon profitiere die Firma, argumentierte Wortmann, der im Hauptamt als Geschäftsführer Mobilität bei den Stadtwerken München tätig ist. Er brachte eine "Dienstgeberabgabe" ins Gespräch: Unternehmen sollen Geld geben, um den Nahverkehr auszubauen. "Wien hat damit gute Erfahrungen gemacht."

Für die Fahrgäste sollen die Fahrpreise nur "maßvoll" steigen, kündigte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) an. Er vertritt vor allem kommunale Unternehmen wie etwa Stadtwerke, die Busse und Bahnen betreiben. 2018 wurden Fahrkarten im Durchschnitt 1,4 Prozent teurer. Ein Einzelticket kostet im Schnitt 2,65 Euro. Sollen die Preise sinken, damit mehr Leute ihr Auto stehen lassen? Davon hält die Branche nichts. "Dann würden wir so viele Fahrgäste bekommen, dass wir sie nicht mehr befördern können", warnte Wortmann. "Die Einnahmen sind für uns sehr wichtig, um das Angebot auszubauen."

Unterschiedliche Preisstrategien

Festgelegt werden die Preise aber von Verkehrsverbünden. Dort geben Landräte und Bürgermeister den Ton an, und sie gehen mit den Preisen sehr unterschiedlich um. In Berlin und Brandenburg sowie in den Großräumen Stuttgart und München sind die Tarife zuletzt nicht mehr gestiegen. Anderswo mussten die Fahrgäste vom Neujahrstag an wieder deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Je Fahrt zahlt der Fahrgast nach Berechnungen des Verbandes im bundesweiten Durchschnitt 1,11 Euro, weitere 82 Cent kommen von der öffentlichen Hand. Lasse sich der Ausbau nicht durch Fahrpreise finanzieren, müsse Steuergeld herhalten, sagte Wortmann. Fünf Milliarden Euro fehlten. Für größere Neubauvorhaben wie U-Bahn-Tunnel fordert der Verband einen Sonderfonds für 10 bis 15 Jahre. Im vergangenen Jahr sind die Bundesbürger 10,4 Milliarden mal mit Bussen und Bahnen im Nahverkehr gefahren. Das war ein Zuwachs von 0,6 Prozent verglichen mit dem Vorjahr und der 21. Rekord in Folge.

"Pünktlichkeit leidet erheblich"

Gut jeden zweiten Fahrgast zählen die Betriebe inzwischen in den 20 größten Städten. Weil auch der Autoverkehr wächst, kommen Busse und Straßenbahnen laut Wortmann immer langsamer durch. "Die Pünktlichkeit leidet ganz erheblich. Wir müssen aus dem täglichen Stau heraus." Trams bräuchten längere Ampelphasen, Busse mehr eigene Spuren.

Erst hundert voll elektrische Busse

Nur langsam voran kommen die Unternehmen dabei, mehr Elektrobusse einzusetzen. Für den Ausbau sei der Dieselbus das Mittel der Wahl, denn der sei verfügbar und bezahlbar, sagte Wortmann. Erst rund 100 von 35.000 Bussen im ÖPNV sind voll elektrisch unterwegs, weitere 90 Fahrzeuge wurden bestellt. Aus dem aktuellen Förderprogramm des Bundesverkehrs- und Umweltministeriums liegen zudem Förderbescheide für insgesamt rund 630 Elektrobusse vor. E-Busse seien zu teuer, das Angebot zu klein und die Lieferzeit mit bis zu 18 Monaten zu lang, so der Verband.

E-Bus-Preise steigen seitdem es Födermittel gibt

Die zur Verfügung stehenden Fördermittel reichten schon jetzt nicht aus, schon gar nicht für den nötigen Umbau der Betriebshöfe und Werkstätten. "Außerdem stellen wir aktuell fest, dass die Preise für Elektrobusse kontinuierlich steigen, seitdem es Fördermittel gibt", monierte Wortmann. Im Jahr 2015 kostete ein 12-Meter-Elektrobus etwa 480.000 Euro, aktuell liege der Beschaffungspreis bei 570.000 Euro. Die Hersteller müssten nun einen großen Schritt schaffen, sonst mache die Konkurrenz aus China das Geschäft. (hoe/dpa)

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