Unter den sogenannten nicht-pharmazeutischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie waren öffentliche Informationskampagnen und Schulschließungen laut einer Studie des IfW Kiel, in die auch Daten aus Deutschland eingeflossen sind, am effektivsten. Sie senkten die Reproduktionszahl, also die Anzahl an Menschen, die eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt, um 0,35 bzw. 0,24, wie das Forschungsinstitut mitteilt.
"Gleichwohl folgt aus der hohen Wirksamkeit einer Maßnahme nicht automatisch eine Empfehlung zur politischen Umsetzung, wenn wie im Fall von Schulschließungen die negativen Folgen stark sind", sagt Studienautor Alexander Sandkamp vom IfW Kiel.
Maske wirkte erst in zweiter Welle
Ebenfalls zu einer signifikanten Senkung der Reproduktionszahl (R-Wert) trugen demnach Corona-Tests (-0,23), die Kontaktnachverfolgung (-0,15) und internationale Reisebeschränkungen (-0,14) bei. Auch die Absage öffentlicher Veranstaltungen, eine verringerte Präsenz in Betrieben, etwa durch Homeoffice, und Einschränkungen bei privaten Treffen, beispielsweise über eine maximale Personenanzahl, haben den R-Wert gesenkt. Je schärfer die Anwendung, desto höher war der Erfolg.
Das Tragen von Masken brachte in der ersten Corona-Welle keinen statistisch messbaren Erfolg, dafür aber in der zweiten Welle. Vermutlich, weil Masken dann konsequenter getragen wurden und von Stoffmasken auf medizinische Masken gewechselt wurde, so die Forscher*innen. Keine messbare Wirkung beim Infektionsschutz erzielten beispielsweise lokale Reisebeschränkungen.
Untersuchungen in 182 Ländern
"Die Entscheidung, welche Maßnahmen (zuerst) einzuführen sind, hängt aber nicht nur von deren Wirksamkeit, sondern auch von deren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen ab", so Alexander Sandkamp, der am IfW Kiel zu Handelsfragen forscht. "Maßnahmen, die effektiv sind und gleichzeitig verhältnismäßig geringe Verwerfungen mit sich bringen, sollten zuerst implementiert werden, etwa Informationskampagnen, Tests, Kontaktnachverfolgung und das Tragen einer medizinischen Maske."
Gemeinsam mit Anthonin Levelu von der Universität Paris-Dauphine analysierte er mittels statistischer Verfahren 14 sogenannte nicht-pharmazeutische Interventionen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und deren Zusammenhang mit der Entwicklung des R-Wertes in 182 Ländern im Jahr 2020. Medizinische Maßnahmen wie Impfen oder die Behandlungen durch medizinisches Personal wurden nicht untersucht. Die Studie "A lockdown a day keeps the doctor away: The effectiveness of non-pharmaceutical interventions during the Covid-19 pandemic" ist jetzt erschienen.
Informationskampagnen als Wegbereiter
"Die hohe Wirksamkeit von Informationskampagnen erklärt sich wohl aus ihrer Rolle als Wegbereiter vieler weiterer Maßnahmen. Die Bereitschaft von Menschen, Infektionsschutzmaßnahmen überhaupt umzusetzen, dürfte dadurch maßgeblich gewachsen sein, etwa die Maske korrekt zu tragen, Abstand zu halten oder Kontakte zu reduzieren", sagt Sandkamp.
Auch die anderen Maßnahmen wirkten häufig sowohl direkt als auch indirekt auf das Infektionsgeschehen. "Indem sie den Menschen den Ernst der Lage vor Augen führen, beeinflussen sie deren allgemeines Verhalten auch jenseits der jeweiligen Restriktion", resümiert der Forscher.
Daten auch aus Deutschland
Die Autoren werteten großflächig Daten auch außerhalb der USA und Chinas aus, unter anderem aus Deutschland. Bislang gibt es dazu nur wenige Erhebungen. Die Ergebnisse beziehen sich auf die Wirksamkeit der Maßnahmen im Durchschnitt über alle untersuchten Länder und sind prinzipiell auch auf künftige Pandemien übertragbar.
"Die Ergebnisse belegen eindeutig, dass die einzelnen Maßnahmen für die Bekämpfung der Corona-Pandemie erfolgreich sind, auch wenn sich das genaue Ausmaß von Land zu Land unterscheiden kann. Die Studie bietet damit auch die von der Politik oft geforderte wissenschaftliche Begründung für einzelne Infektionsschutzmaßnahmen", so Sandkamp. (jk)



