Warum ist Kleidung im beruflichen Kontext wichtig?
André Schramm: Kleidung ist immer ein Statement. Unsere Kleidung zeigt, ob ich mich an die Konventionen, beziehungsweise an die ausgesprochenen oder unausgesprochenen Regeln, eines Unternehmens halte. Daneben ist Kleidung auch immer ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Ich drücke also etwas – oft unbewusst – durch meine Kleidung aus.
Was raten Sie in Ihren Coachings, wenn eine Führungsperson Sie fragt, was beim Thema Kleidung zu beachten ist?
Christian Neuhof: Ich antworte darauf, dass die Situation entscheidend ist und stelle weitere Gegenfragen: Wie möchtest du wirken? Wann, wo, wer spricht mit wem? Welche Botschaft möchtest du senden? Warum bist du dort? Was erwartet mein Gegenüber? Wenn all diese Fragen beantwortet sind, kann entschieden werden, wie die Botschaft – unter anderem durch Kleidung – am besten gesendet werden kann. Wichtig ist, die verschiedenen Anlässe zu erkennen und die Kleidung gegebenenfalls entsprechend anzupassen.
Können Sie das mit einem Beispiel erläutern?
Schramm: In einem Leitbild-Workshop habe ich das Thema Kleidung angesprochen. Sofort wurde klar, dass es im Führungskreis dazu sehr unterschiedliche Auffassungen gab. Da war es besonders wichtig, die unausgesprochenen Erwartungen auszusprechen und diese gemeinsam zu verbalisieren. Ergebnis war, dass es je nach Situation zu einer durchaus hohen Spannweite beim Kleidungsstil kommen kann und es wichtig ist, die Mitarbeitenden mit einzubeziehen.
Was ist ein No-Go bei der Kleidungswahl?
Neuhof: Ich bin kein Freund von goldenen Regeln. Die entscheidende Frage ist, ob meine Kleidung beim Gegenüber authentisch wirkt oder Irritationen auslöst. Denn es gibt immer die Sender- und Empfänger-Seite. Im beruflichen Kontext kann es zu Störgefühlen durch T-Shirts mit Aufdruck oder provokanten Sprüchen kommen. Wir hatten auch schon einen Coachingfall, in dem ein Vertriebler im Iron-Maiden-T-Shirt zum Kundentermin gefahren ist und die Führungskraft irritiert war, weil die Kleidung nicht der Unternehmenskultur entspricht. Wichtig ist, die Situation zu hinterfragen: Wer war der Kunde? In welcher Beziehung standen die beiden zueinander? Erwartet der Kunde ein legeres Outfit? Ein weiteres No-Go ist zu kleine oder zu große Kleidung. Wenn man sich beispielsweise in der Kleidung nicht frei bewegen kann, sinken die eigene Glaubwürdigkeit und Authentizität. Das kann wiederum Irritation beim Gegenüber auslösen.
Was bringt es denn einer Führungskraft selbst, wenn sie sich seriöser kleidet? Fühlt man sich im Anzug selbstbewusster als im Hoodie?
Neuhof: Unsere Kleidung beeinflusst unsere innere Einstellung und äußere Körperhaltung. Verschiedene Schuhe, zum Beispiel Anzugschuhe oder Schuhe mit Absatz, wirken sich auf die Körperhaltung und -spannung aus. Durch die äußere Körperhaltung verändert sich so auch die innere Haltung und die Selbstsicherheit steigt. Viele werden es kennen: Wenn man die eigene Kleidung mag, fühlt man sich automatisch wohler.
Was würden Sie raten, wenn man eine Situation falsch eingeschätzt hat und sich unwohl fühlt, weil man overdressed ist?
Schramm: Wenn man sich in einer Situation unwohl fühlt, ist die Empfehlung, es direkt anzusprechen und zum Beispiel die Krawatte oder das Jackett abzulegen. Der offene Umgang mit der Situation kann ein toller Opener für ein Gespräch sein.
Kann man durch Kleidung Rückschlüsse auf einen Führungsstil ableiten?
Schramm: Jein. Kleidung ist nur ein Faktor von vielen. Wenn ich beispielsweise flache Hierarchien etablieren will, reicht es nicht aus, wenn ich einen Hoodie anziehe und trotzdem noch einen autoritären Führungsstil pflege. Meiner Meinung nach wird ein Führungsstil durch Handlung und Haltung ausgedrückt. Kleidung kann den eigenen Führungsstil jedoch unterstreichen. Wichtig ist, dass das Gesamtpaket authentisch ist.
Welche Besonderheiten nehmen Sie beim Thema Kleidung und Führung in Stadtwerken wahr – auch im Vergleich zur Privatwirtschaft?
Schramm: Ich nehme wahr, dass die Entwicklungen bei einigen Energieversorgern in Sachen Führung im Vergleich zu anderen Branchen circa fünf bis zehn Jahre hinterher sind. Das liegt auch an der Aufgabe von Stadtwerken, die Daseinsvorsorge sicherzustellen. Traditionelle Prinzipien wie Sicherheit und Kontinuität sind daher stark in der Unternehmenskultur verankert. Entsprechend spiegelt sich das in der Kleidung und möglichen Kleidungsregeln wider.
Können Sie beurteilen, inwieweit sich das Thema Kleidung und Führung in Stadtwerken über die Jahre verändert hat?
Neuhof: Ich glaube, dass sich bei den Geschäftsführenden einiges geändert hat – auch über das Thema Kleidung hinaus. Schließlich muss sich die Unternehmenskultur in Stadtwerken an äußere Rahmenbedingungen anpassen. Nur dann können sie attraktiv für neue Mitarbeitende und junge Talente bleiben. Dazu gehört, sich zu fragen, ob Mitarbeitende von Montag bis Freitag in Anzug und Krawatte zur Arbeit kommen möchten. Ich nehme tatsächlich wahr, dass Vorgaben rund um Kleidung weniger werden und Mitarbeitende mehr Freiheiten haben. (hp)
Das Interview führte Cristina Grüning, PR-Beraterin und Forscherin, Moduldrei Strategie und Kommunikation.
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