Was erwarten Menschen heute von ihrer Arbeit?
Das ist sehr individuell. Für Menschen kann es sinnhaft sein, bei einer NGO zu arbeiten oder in der Pflege, aber auch im Journalismus oder in einem guten Team, in dem sie sich wohl fühlen. Wenn sie sich mit dem Inhalt ihrer Arbeit und dem Unternehmen, für das sie arbeiten, identifizieren, sind Menschen jedoch am zufriedensten. Gäbe es keinen finanziellen Druck, würde die Identifikation mit dem Unternehmen eine noch viel größere Rolle bei der Jobwahl spielen.
Teil eines Teams zu sein, ist also auch wichtig für die Identifikation?
In den letzten Jahren wurde die Gemeinschaft, also das Zusammenarbeiten mit Kolleg:innen, für die Arbeitsmotivation wichtiger. Studien zeigen, dass sich vor allem Jüngere mit dem Homeoffice in der Pandemie schwergetan haben. Als Berufsanfänger braucht man eben mehr Rückmeldung und kann vor Ort effektiver von den Erfahrungen der anderen profitieren. Die Arbeit ist zudem für viele Menschen ein wichtiger Ort, um soziale Netzwerke zu knüpfen.
Was passiert, wenn man in seiner Arbeit keine Sinnhaftigkeit findet und dennoch jeden Tag hinmuss?
Wenn Sie jahrelang mit einer distanzierten oder ablehnenden Haltung zur Arbeit gehen, können Sie dabei nicht gesund bleiben. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Arbeit, die Menschen als sinnlos empfinden, krank macht. Es kann sein, dass ein und derselbe Job für die eine Person Sinn macht und für die nächste überhaupt nicht. Sinn ist eine sehr persönliche Kategorie.
Kann der Sinn, den wir in einem Job sehen, uns auch überfordern?
Heutige Erwartungshaltungen sind höher. Aber auch die Gefahr, dass es Enttäuschungen gibt. Auch das ist etwas sehr Individuelles. Wenn alle meine Bedingungen einigermaßen erfüllt sind, bin ich manchmal vielleicht ´so engagiert, dass ich dazu tendiere, mich auszubeuten. Wir müssen daher auch lernen, uns abzugrenzen.
Wie finde ich als junger Mensch heraus, welcher Job überhaupt für mich sinnvoll wäre?
Die Berufswahl ist heute komplexer als früher, wo es zum Beispiel in den 40er, 50er Jahren nur eine Handvoll Ausbildungsberufe gab. Das ist heute eine andere Situation, weil es eine Vielfalt von Möglichkeiten gibt, die man allein oft gar nicht mehr durchschauen kann. Viele fühlen sich verloren und wissen erstmal nicht, in welche Richtung sie gehen sollen. Sie müssen sich erstmal selbst kennenlernen – hinterfragen, warum sie etwas tun, denken oder fühlen. Mein Tipp: Den Mut haben, Dinge auszuprobieren!
Was kann man selbst tun, um mehr Sinn in die Arbeit zu bringen?
Da müssen viele Faktoren stimmen. Ganz banal: Dass die Arbeit gut organisiert ist. Viele Menschen haben Probleme und erfahren weniger Sinnhaftigkeit, wenn sie keine Ergebnisse produzieren. Das kann verschiedene Gründe haben – etwa, weil ein Projekt das nächste jagt und man gar nicht dazu kommt, etwas abzuschließen. Wenn ich jedoch am Ende eines Arbeitstages das Gefühl habe, etwas geschafft zu haben, bin ich zufriedener. Ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben.
Welche Rolle spielen Führungskräfte dabei?
Begeisterung wecken, Leidenschaft entfachen – das sind Führungsaufgaben. Motivation ist keine Führungsaufgabe. Entweder hat ein Mitarbeitender intrinsische Motivation von selbst oder ich als Führungskraft begeistere so, dass diese Motivation entstehen kann. Aber ich kann niemand anderen motivieren, irgendwas zu tun oder nicht. Das ist ein weitverbreiteter Führungsmythos, von dem wir uns so schnell wie möglich verabschieden sollten.
Das Interview führte Caroline Günther
Das Interview ist in der ZfK-August-Ausgabe erschienen. Zum Abo geht es hier.



