Der Fachkräftemangel wird zum gravierenden Problem für die gesamte deutsche Wirtschaft. Auch für die Stadtwerke sind die Herausforderungen gewaltig. Wo kann man da ansetzen?
Ganz am Anfang steht eine ehrliche Analyse. Und die heißt, wir sehen derzeit nur die Spitze des Eisberges. Was uns jetzt schon quält, wird in den nächsten Jahren noch viel, viel gravierender werden.
Wir haben ein großes Problem bei den qualifizierten Fachkräften, das sich quer durch alle Berufsgruppen, aber insbesondere in Handwerksberufen und technischen Berufen in der Kommunalwirtschaft zeigt. Hinzu kommt, dass im technischen Bereich, etwa in den Planungsbehörden, bei den Ingenieuren sehr viele Menschen bald in Rente gehen.
Wie sieht es beim Nachwuchs aus?
Konkrete Zahlen aus unseren Mitgliedsunternehmen besagen, dass über 60 Prozent Ausbildungsstellen nicht mehr ohne Weiteres besetzen können. Da müssen wir ansetzen. Es wäre fatal, wenn unser Land die technischen und rechtlichen Voraussetzungen für die Energiewende schafft, aber wir kein Personal haben, das die Wende tatsächlich umsetzt. Wir haben auch als VKU nicht den Stein der Weisen gefunden. Aber ein paar Dinge sind klar: Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften ist ein Baustein, gerade für die Kommunalwirtschaft vor Ort. Dazu müssen bürokratische Hürden abgebaut werden.
Weitere Bausteine sind ein besseres Image für technische Berufe und Studiengänge, Digitalisierung, Prozessvereinfachung und Outsourcing. Alles, was wir skalieren können und entbürokratisieren können, müssen wir nutzen. Fazit: Den Fachkräftemangel können wir nur abmildern, wir werden ihn nicht wirklich bewältigen können. Wir müssen damit umgehen.
Werden die Stadtwerke bei den Gehaltsstrukturen in der Zukunft mit der freien Wirtschaft Schritt halten können?
So schlecht sind die TV-V, die Tarifverträge bei den kommunalen Unternehmen, ja nun wirklich nicht. Das merke ich etwa bei meinem eigenen Bäderbetrieb in der Nachbarstadt. Dort gehören die Bäder den Stadtwerken und unterliegen deren Tarifvertrag. Die Angestellten dort verdienen deutlich mehr als nach dem allgemeinen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). Das mag in der Konkurrenz zur freien Wirtschaft manchmal trotzdem ein Nachteil sein, aber insgesamt können sich die Tarife sehen lassen. Momentan rüsten alle Arbeitgeber auf, von den Gehältern bis zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Arbeitszeitgestaltung oder Jobticket. Diesen Anspruch müssen wir Kommunalen auch umsetzen. Aber damit werden wir in der Regel nur Waffengleichheit herstellen können. Das eigentliche Problem der Fachkräfteknappheit bekommen wir dadurch nicht gelöst.
Was könnte man noch machen?
Wir müssen verdeutlichen, dass es nicht nur ehrenhaft, sondern auch finanziell attraktiv und super spannend ist, sich beispielsweise in dem Bereich Energiewende, nachhaltiger Wasserwirtschaft, Glasfaserausbau oder Kreislaufwirtschaft, also in der Daseinsvorsorge zu engagieren. Jugendliche wollen heute viel stärker als früher auch die Sinnhaftigkeit in ihrem Beruf erfahren, und haben klare Vorstellungen von Familienfreundlichkeit und Flexibilität. Da haben wir starke Argumente und können punkten. Mein Appell an die junge Generation: Bitte nicht nur in Lützerath demonstrieren, gern auch praktisch im Job mitmachen bei der Energiewende.
Der Anteil von Frauen in Führungspositionen der Kommunalwirtschaft ist auch im Vergleich mit anderen Branchen noch sehr gering. Was läuft da falsch bei den Stadtwerken?
Das hat natürlich Gründe. Dass etwa Ingenieursberufe männerdominiert waren und es weitgehend auch immer noch sind, ist über Jahrzehnte entstanden und wird sich so leicht nicht ändern lassen. Das ist kein Naturgesetz, wie beispielsweise der hohe Frauenanteil in Ingenieurstudiengängen in anderen Ländern zeigt. Aber es wird sicher eher Jahrzehnte brauchen, um richtig umzusteuern. Dazu gehört, schon bei Mädchen in der Schule Begeisterung für MINT-Fächer zu wecken, die bis zur Studienwahl trägt. Und offensichtlich brauchten Dax-Unternehmen auch einen gewissen Zwang, um bei den Top-Positionen umzusteuern, da genügt reine Freiwilligkeit nicht. Wir sind da in der kommunalen Ver- und Entsorgungswirtschaft sicherlich Nachzügler, da müssen wir uns auch selbst an die Nase fassen.
Braucht die Kommunalwirtschaft eine Frauen-Quote?
Ich sage mal so, in der Politik hilft schon häufig das „Vorzeigen der Folterwerkzeuge“, damit sich was tut. Es wäre schön, wenn es auch bei uns ohne Quote ginge. Mittlerweile müssten die kommunalen Unternehmen eigentlich gemerkt haben, dass sie sich ins eigene Fleisch schneiden. Wenn zum Beispiel bei meiner Wahl zum VKU-Präsidenten der VKU-Vorstand zusammentritt und der Frauenanteil im Raum bei unter zehn Prozent liegt: Da habe ich schon ein Störgefühl, weil ich das so in meinem Alltag sonst kaum noch erlebe. Wir haben in der Kieler Verwaltung über 40 Prozent weibliche Führungskräfte bei den Amts- und Dezernatsleitungen. Das ist auch nicht immer so gewesen. Das haben wir durch eine sehr konsequente Frauenförderung geschafft. Entscheidend ist ja auch, dass Frauen nach der Berufung dauerhaft in den Führungspositionen bleiben und bleiben wollen. Das ist bei den Dax-Konzernen nicht immer der Fall. Am Ende geht es eben auch, und das müssen wir Männer uns eingestehen, um eine bislang männerdominierte Arbeitskultur, die sich ändern muss. Ich glaube, der Kulturwandel ist wichtiger als die Quote. Und wenn wir keinen Kulturwandel hinbekommen, wird es eine Quote geben.
Das Interview führte Klaus Hinkel.
Der neue VKU-Präsident Ulf Kämpfer spricht im gleichen Interview über weitere Themen, die die Branche bewegen: von der Energiewende und Versorgungssicherheit über Zero Waste bis hin zur Nationalen Wasserstrategie. Diesen Teil des Interviews finden Sie in der ZfK-Print-Ausgabe. Zum Abo geht es hier.



