"Wearables", digitale Assistenzsysteme wie Handschuhe mit Sensoren oder Datenbrillen, können die Arbeit erleichtern – sie haben aber auch ein großes Potenzial für Arbeitsverdichtung und Rundumüberwachung im Job. Damit neue Techniken nicht missbraucht werden, müssen Betriebsräte mitreden können, ergibt eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung.
Für die Befragten war demnach wichtig, dass "Wearables" einen klaren Nutzen haben und zugleich verlässliche, transparente Regeln und Grenzen des Einsatzes bestehen. Das sei auch entscheidend dafür, dass ihre Einführung akzeptiert werde. Grundsätzlich sei eine Win-Win-Situation möglich, die höhere betriebliche Effizienz und zugleich Entlastung für Beschäftigte bringt, schreiben die Forschenden um Martin Krzywdzinski und Sabine Pfeiffer von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Allerdings brauche es dafür "gute Aushandlung und sinnvolle Gestaltung".
Kompetente Betriebsräte
In der Arbeitswelt halten "Wearables" – also tragbare und digital vernetzte Geräte wie Smartwatches oder Datenbrillen – zunehmend Einzug. Die Studie zeigt demnach, dass Beschäftigte in mitbestimmten Unternehmen der Bereiche Logistik und Fertigung, die bereits Erfahrungen mit Wearables gesammelt haben, dieser Technologie grundsätzlich positiv gegenüberstehen – auch weil der Umgang mit Daten in den untersuchten Unternehmen per Betriebsvereinbarung klar geregelt ist und Effizienzgewinne bislang nicht zu Stellenstreichungen oder höheren Leistungsanforderungen geführt haben.
Wenn man jenseits der bereits Betroffenen Beschäftigte zu ihren Einstellungen befragt, zeigt sich ebenfalls eine große Aufgeschlossenheit, die allerdings an Bedingungen wie substanziellen Nutzen und hohe Datensicherheit geknüpft ist. Um diese Ansprüche durchzusetzen, braucht es nach Einschätzung der Soziologinnen und des Soziologen engagierte und kompetente Betriebsräte: "Hier zeigen sich der große Wert der Mitbestimmung und der Bedarf, sie für die Zukunft der Digitalisierung weiterzuentwickeln."
Körperliche Bewegung
Für ihre Untersuchung haben die Forschenden zunächst Interviews mit Expertinnen und Experten aus Entwicklung, Wissenschaft und Unternehmen geführt und anschließend im Rahmen von 16 Fallstudien Manager, Betriebsräte und Mitarbeitende aus den Bereichen Logistik und Fertigung interviewt, vorwiegend in der Automobil-, Elektrotechnik- und Automatisierungsindustrie.
Alle dabei untersuchten Unternehmen sind mitbestimmt, trotz intensiver Bemühungen erhielten die Forschenden keinen Zugang zu Betrieben ohne Betriebsräte. Damit dürften die Fallstudien tendenziell "Best Practice"-Beispiele abbilden, vermuten sie. Darüber hinaus wurden online über 1000 Beschäftigte aus unterschiedlichen Branchen befragt, bei deren Tätigkeit körperliche Bewegung eine Rolle spielt.
Arbeitsprozesse beschleunigen
Die Logistik stellt der Untersuchung zufolge einen Schwerpunkt des Einsatzes von Wearables dar. In den im Rahmen der Fallstudien betrachteten Unternehmen kommen unter anderem Datenbrillen, Handschuhe mit Sensoren und Scannern sowie "Pick-by-Voice-Systeme" zum Einsatz, die Beschäftigte bei der Kommissionierung Schritt für Schritt anleiten und ihnen die Planung abnehmen.
Die Einführung sollte laut Management dazu beitragen, unnötiges Hantieren mit Papierlisten und Handscannern überflüssig zu machen, um so die Arbeitsprozesse zu beschleunigen, die Ergonomie zu verbessern, Fehler und Störungen zu vermeiden.
Personenbezogene Daten meist ausgeschlossen
Obwohl sich die Handlungsspielräume der Beschäftigten in manchen Fällen verengt haben, fiel deren Bewertung offenbar überwiegend positiv aus: Die Wearables hätten ein "flüssigeres Arbeiten" ermöglicht und die Fehlerzahl reduziert, Arbeitsintensität und Stress seien gesunken. Krzywdzinski, Pfeiffer und Kolleginnen verweisen in diesem Zusammenhang auf die Personalknappheit und den damit verbundenen großen Zeitdruck in der Logistik.
Weil die Leistungsnormen in den untersuchten Betrieben mit Einführung der neuen Technologie nicht verschärft wurden, hätten die Beschäftigten tatsächlich kleine Zeitgewinne verbuchen können, daher ihre wohlwollende Einschätzung. Zudem sei die Speicherung personenbezogener Daten sowie die Auswertung zu Verhaltens- und Leistungskontrolle zumeist per Betriebsvereinbarung ausgeschlossen worden.
Erstaunlich hohe Akzeptanz
Der Einsatz von Wearables für die Qualifizierung in den Bereichen Fertigung und Logistik befinde sich noch in einer "ersten Experimentierphase", schreiben die Forschenden. Datenbrillen sollen Beschäftigte befähigen, bestimmte Schulungsschritte eigenständig durchzuführen, Maschinen können für Ausbildungszwecke virtuell simuliert werden, ohne sie aus dem produktiven Betrieb nehmen zu müssen. Das Problem: Aufwand und Kosten der Entwicklung von Schulungsmodulen seien bislang noch zu hoch.
Dass Beschäftigte hierzulande prinzipiell aufgeschlossen sind für Wearables-Technologien, zeigen die Ergebnisse der Online-Befragung. Gegen die Messung von Emotionen während der Arbeit, beispielsweise über die Stimmlage, hätten nur 32 Prozent grundsätzliche Bedenken, gegen die Erfassung von Körpersignalen wie des Pulses 23 Prozent, gegen die Aufzeichnung von Bewegungen 25 Prozent – eine "erstaunlich hohe Akzeptanz", so das Urteil des Forschungsteams.
Signal ans Management
Allerdings stellen die Befragten auch Bedingungen: Sie halten es für sehr wichtig, über die Aufzeichnung und Verwendung von Daten selbst entscheiden zu können. Zudem haben sie hohe Ansprüche an den Nutzen von Wearables, insbesondere im Hinblick auf Arbeitssicherheit und Gesundheit sowie die Reduzierung von Belastungen.
Die Forschenden erkennen hier ein "klares Signal an das Management: für Arbeitnehmerschutz, für Mitbestimmung bei der Einführung und vor allem für partizipative Einführungsprozesse, in denen die Ansprüche und Bedingungen auf beiden Seiten verhandelt und gestaltet werden können".
Überwachung ausschließen
Insgesamt belegen die Ergebnisse nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und des Wissenschaftlers den hohen Wert betrieblicher Mitbestimmung bei der Nutzung neuer Technologien. Die Wirkung von Wearables hänge davon ab, wie die Leistungsregulierung gestaltet ist: "Mitbestimmte, auf einen Ausgleich zwischen Unternehmens- und Beschäftigteninteressen ausgerichtete Systeme schaffen erst die Möglichkeit für eine menschenzentrierte Gestaltung von digitalen Assistenzsystemen und Wearables."
Darüber hinaus mache Mitbestimmung es möglich, Überwachung auszuschließen. Dabei stelle das Tempo der Entwicklung hohe Anforderungen an Betriebsräte. Nötig seien Mitglieder mit fachlicher Expertise sowie eine intensive Kommunikation mit der Belegschaft. Wo es keine gelebte Mitbestimmung gebe, da sei der Gesetzgeber gefragt, die Ansprüche der Beschäftigten an Datensicherheit und Datenhoheit durchzusetzen. (jk)



