Wolfgang Wille, nach der Wiedergründung der Leipziger Stadtwerke im Juli 1992 bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2007 dortiger Geschäftsführer, ist am Dienstag in Leipzig im Alter von 76 Jahren verstorben.
Der in Sindelfingen geborene und in Saarbrücken aufgewachsene Jurist war 1991 nach Leipzig geholt worden, um im Vakuum der zerfallenden Energieversorgungsstrukturen in den neuen Bundesländern in der größten sächsischen Stadt einen leistungsfähigen Stadtwerkekonzern aufzubauen – am Anfang gegen den vehementen Widerstand der Energiekonzerne. Wille entwickelte eine Strategie, die schließlich dazu führte, dass im Stadtgebiet die Versorgung mit Strom, Gas und Fernwärme über eigene Netze zu 100 Prozent kommunal organisiert war.
Bei Kollegen respektiert, energisch, strategisch denkend
Wille, der rasch auch bei anderen Stadtwerkechefs ein geachteter Manager wurde und folgerichtig den Vorsitz der sächsischen Landesgruppe im Verband kommunaler Unternehmen (VKU) übernahm, gründete Tochtergesellschaften für Breitbandversorgung und Datendienstleistungen zu einer Zeit, da das noch als Zukunftsmusik galt.
Zugleich setzte Wille ein enormes Tempo bei der Modernisierung von Netzen und Erzeugung durch, dazu gehörten:
- die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas,
- der Umbau eines Dampf- in ein Heißwassernetz für die Fernwärmeversorgung der Innenstadt,
- die Beseitigung von Schwachpunkten im Stromverteilnetz und
- die Umstellung der städtischen Wärmerzeuger von Braunkohle auf Erdgas.
Wille ging dabei oft ungewohnte Wege: Er stieg in die Fernwärmeversorgung von Danzig ein, ein Geschäft, das lange von eng denkenden Kommunalpolitikern beargwöhnt wurde. Als bereits 1993 der Bau des GuD(Gas- und Dampfturbinen)-Heizkraftwerkes begann, finanzierte er das 87-Millionen-Euro-Projekt als Leasing-Modell und konnte so Liquidität sparen. Ähnlich wie bei zwei Biomasse-Kraftwerken, in die 2004 und 2006 111 Millionen Euro per Leasing investiert wurden.
Verluste mit Holzkraftwerken
Die besonders kritisch beäugte Fernwärmegesellschaft in Polen wurde nach längerer Anlaufzeit zu einem dauerhaften Gewinngeschäft für die Stadtwerke. (Und Wille lernte darüber auch seine Frau Ewa kennen). Die großen Holzkraftwerke produzierten allerdings nicht nur Energie, sondern vor allem tiefrote Zahlen – und Willes Stuhl begann zu wackeln.
Auch die von ihm mitinitiierte Konzernstruktur (1997) mit einer Holding und Schwestergesellschaften für Wasser sowie die Verkehrsbetriebe (LVB) konnte zwar Steuern sparen, doch die Finanzierung des Nahverkehrs allein zu stemmen, geriet in immer weitere Ferne. Zuletzt sanken durch die Verluste der Biomassekraftwerke auch die Erträge der Stadtwerke so weit, dass die Stadtspitze einen Anteilsverkauf anstrebte und nur durch einen Bürgerentscheid daran gehindert wurde.
Selbstbewusster Konzernlenker fiel in Ungnade
Letztlich fiel Wille, der immer als strategisch denkender und sehr selbstbewusster Unternehmer oder besser Konzernlenker auftrat, im Leipziger Rathaus immer mehr in Ungnade. Das war noch vor einem Umschwenken der Stadtspitze bei der auch von Wille eingeleiteten Lend-and-lease-back-Geschäfte mit US-Finanzinvestoren. Dabei wurden Infrastrukturen wie Leitungsnetze an die Investoren verkauft und zurückgemietet. Das brachte hohe Steuerspar-Beteiligungen mit sich, aber auch Risiken und gilt als Vorspiel zu den Skandalen um die Finanzwetten bei den Leipziger Wasserwerken einige Jahre später.
Sein Abschied „aus Altersgründen“ wurde zwar vor über zwölf Jahren mit Dankesworten und Blumen garniert, aber fortan war Wille, der sich nun mit einem Beratungsunternehmen und seinem Netzwerke noch lange nicht zur Ruhe setzte, im politischen Betrieb der sächsischen Metropole keine VIP mehr. (masch)



