Die Plattformstrategie stand am Ende einer umfassenden Analyse der Wertschöpfungskette, die der Hannoveraner Energieversorger Enercity hinsichtlich der Digitalisierung durchgeführt hat. Dabei hat das kommunale Unternehmen alle Bereiche daraufhin untersucht, "wo wir stehen und wo wir hinwollen", sagt Susanna Zapreva, Vorstandsvorsitzende von Enercity, auf der Handelsblatt-Tagung Energiegipfel in Berlin.
Dabei hat sich gezeigt, dass praktisch alle für den unternehmerischen Erfolg wichtigen Bereiche für die Digitalisierung fit gemacht werden müssen. Dazu gehört der Vertrieb, in dem 74 Prozent aller Tätigkeiten, Produkte und Prozesse digitalisiert werden müssen. Im Handel und im Portfoliomanagement beziehungsweise Messwesen sind es 72 Prozent, bei den Netzen 43 Prozent und im Bereich Finanzen 42 Prozent.
Roadmap für den Digitalisierungsprozess
Am Ende dieser Grundanalyse stand eine Roadmap für den kulturellen Transformationsprozess mit vielen Projekten, die nach Dringlichkeit priorisiert wurden. In der ersten Phase sollten die Berührungsängste der Kunden gegenüber der Digitalisierung abgebaut werden. Dafür trat der humanoide Roboter Pepper in Kundenzentren auf. Außerdem wurde die Möglichkeit für Bitcoinzahlungen eingeführt – nicht weil Enercity meint, dass dieser Blockchaintechnologie die Zukunft gehört, sondern weil das Unternehmen die Kunden damit vertraut machen will.
Im Rahmen der Projektarbeit zum Thema Vertrieb entstand eine neue digitale Plattform, "auf die wir sehr stolz sind", sagte Zapreva in Berlin. Sie ermöglicht eine 360-Grad-Sicht auf den Kunden mit Betreuung in Echtzeit. Alle Informationen über einen Kunden werden dort zusammengefasst, zum Beispiel, welche Produkte er von Enercity bezieht. Das könne dazu führen, dass das Unternehmen starke Preisnachlässe beim Energiebezug gewährt, weil es mit dem Kunden gute Deckungsbeiträge über Zusatzgeschäfte erzielt.
Keine IT-Engpässe mehr
Die Plattform-Einführung bezeichnet die Enercity-Chefin als vollen Erfolg. Ziel waren Kosteneinsparungen gegenüber den herkömmlichen Vertriebsprozessen von 50 Prozent. "Das haben wir übertroffen", sagte Zapreva. Die Einsparungen werden voraussichtlich bei 60 bis 70 Prozent liegen. Die Kundenakquisekosten haben sich um 60 Prozent verringert und zusätzlich werden weitere Erlöse durch neue Dienstleistungen erzielt. Auch technologisch war die Umstellung positiv: Denn es handelt sich nun um einen End-to-End-Prozess auf einer Plattform mit nur zwei Schnittstellen: eine zum Rechnungswesen für Finanzabschlüsse und eine zur Strom- und Gasbereitstellung. Schöner Nebeneffekt: Es gibt keine Engpässe bei den IT-Kapazitäten mehr.
Nächster Schritt wird die Öffnung der Plattform für weitere Partner sein. Damit soll eine "Erlebniswelt für den Kunden kreiert werden", wie Zapreva ausführt. Diese neue Phase ist "unser Masterplan für die Zukunft". Dabei wird es nicht nur um Energie gehen, sondern auch um darüber hinausgehende Themen. Denn die digitalen Plattform-Welten vernetzen sich zunehmend. In diesem Zusammenhang will Enercity mit weiteren Produkten und Angeboten ihr Angebot attraktiver machen. (hp)



