Die Energiekrise 2022 hat gezeigt, wie unmittelbar hohe Preise für Gas, Kohle und CO₂ auf den Strommarkt durchschlagen können. Eine aktuelle Modellanalyse von Montel Analytics zeigt: Je höher der Anteil erneuerbarer Energien, desto geringer wird diese Abhängigkeit – und desto schwächer fallen fossile Preisschocks aus. Ein Gastbeitrag von Sebastian Ligewie, Senior Analyst bei Montel Analytics.

Die Diskussion über Versorgungssicherheit konzentriert sich häufig auf die Frage, woher Deutschland künftig seine Energieträger bezieht. Spätestens seit der Energiekrise 2022 gilt eine breitere Diversifizierung der Gasversorgung als wichtiger Baustein einer resilienten Energieversorgung. Doch für den Strommarkt greift diese Perspektive zu kurz. Entscheidend ist nicht nur, woher fossile Energieträger kommen, sondern wie stark das Stromsystem überhaupt noch von ihren Preisen abhängig ist.

Teuerer Strom aus Gas- und Kohlekraftwerken

Denn solange Gas- und Kohlekraftwerke in vielen Stunden die teuersten zur Deckung der Nachfrage benötigten Erzeuger sind, schlagen steigende Brennstoff- und CO₂-Preise über den Stromgroßhandel auf das gesamte Preisniveau durch. Wind- und Solaranlagen verändern diesen Zusammenhang: Ihre kurzfristigen Erzeugungskosten sind weitgehend unabhängig von internationalen Brennstoffmärkten. Eine von Montel Analytics erstellte Kurzstudie hat diesen Effekt einem Stresstest unterzogen.

Dafür wurden drei unterschiedliche Stromsysteme betrachtet: die stark fossil geprägte Erzeugungsstruktur des Jahres 2011, das Stromsystem des Jahres 2022 sowie ein 2030-Szenario mit einem Anteil erneuerbarer Energien von 80 Prozent. Entscheidend ist: Alle drei Systeme werden mit denselben hohen Brennstoff- und CO₂-Preisbedingungen der Energiekrise 2022 konfrontiert. Damit lässt sich isolieren, wie unterschiedlich die jeweilige Erzeugungsstruktur auf denselben externen Preisschock reagiert.

Das Ergebnis fällt deutlich aus. Im 2011er-System erreicht der modellierte durchschnittliche Großhandelspreis 382,90 Euro je Megawattstunde. Im 2022er-System sind es 235,44 Euro. Im 2030-Szenario sinkt der Wert trotz identischer fossiler Preisannahmen auf 137,27 Euro je Megawattstunde – rund 64 Prozent weniger als im stärker fossil geprägten 2011er-System.

Erneuerbarenstrom senkt durchschnittliches Preisniveau

Noch deutlicher wird der Unterschied bei extremen Preisausschlägen. Im 2011er-System überschreitet der Strompreis in 785 Stunden die Marke von 500 Euro je Megawattstunde, im 2022er-System in 499 Stunden. Im erneuerbar geprägten 2030-Szenario bleiben davon lediglich 41 Stunden. Ein höherer Anteil erneuerbarer Energien senkt damit nicht nur das durchschnittliche Preisniveau im Krisenfall, sondern begrenzt insbesondere die Zahl extremer Hochpreisstunden.

Damit entsteht allerdings eine neue Herausforderung. Mit wachsender Wind- und Solarleistung häufen sich zugleich Stunden mit sehr niedrigen Preisen. Im untersuchten 2030-Szenario liegen die Großhandelspreise in 1757 Stunden bei oder unter null Euro je Megawattstunde. Das ist weniger ein Argument gegen erneuerbare Energien als vielmehr ein Preissignal für den steigenden Wert von Flexibilität. Batteriespeicher, Elektrolyseure, Elektrofahrzeuge oder flexible Wärmepumpen können Nachfrage in Stunden mit hoher erneuerbarer Erzeugung verschieben.

Speicher können zusätzlich günstigen Strom aufnehmen und ihn in Stunden mit knapperem Angebot wieder abgeben. Damit helfen Flexibilitäten, sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Preise zu glätten und die vorhandene erneuerbare Erzeugung effizienter zu nutzen.

Der Vergleich ist dabei keine vollständige Kostenrechnung der Energiewende. Untersucht werden die Auswirkungen auf den Stromgroßhandel; Netzentgelte, Steuern, Umlagen und weitere Bestandteile des Endkundenpreises sind nicht Gegenstand der Analyse.

Erneuerbarenausbau ist auch Risikopolitik

Dennoch macht der Stresstest einen Aspekt sichtbar, der in der energiepolitischen Debatte häufig zu kurz kommt: Der Ausbau erneuerbarer Energien ist nicht nur Klima- und Industriepolitik. Er ist auch Risikopolitik. Eine resiliente Energieversorgung entsteht deshalb nicht allein durch mehr Lieferländer für fossile Energieträger. Sie entsteht vor allem dann, wenn Schwankungen auf internationalen Brennstoffmärkten immer weniger darüber entscheiden, was Strom in Deutschland kostet.

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