Für die MVV Energie AG bleibt das Marktumfeld anspruchsvoll: Investitionszurückhaltung bei Unternehmen und Kunden, fehlende Regelungen für langfristige Entscheidungen. Im Interview spricht Vorstandschef Gabriël Clemens über die Zukunft des Gasnetzes in Mannheim, die Quote für grüne Gase im Gebäudemodernisierungsgesetz, die Kritik an den Fernwärmepreisen – und darüber, warum MVV sich nicht an den Gaskraftwerks-Ausschreibungen beteiligt.
Sie haben gerade Ihre Klimaziele zurückgeschraubt – statt im Jahr 2035 soll die MVV Energie AG nunmehr erst 2040 klimapositiv sein. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Wir halten unverändert an unserem Ziel fest, mit dem Mannheimer Modell klimapositiv zu werden. Aber wir müssen die Rahmenbedingungen berücksichtigen, unter denen die Energiewende heute stattfindet. Zwar gehen die energiepolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre größtenteils in die richtige Richtung. Gleichzeitig fehlen in wichtigen Bereichen weiterhin die notwendigen Regelungen für langfristige Investitionsentscheidungen.
Die Folge: Unternehmen zögern, Kunden halten sich zurück. Vor diesem Hintergrund haben wir unseren ambitionierten Zeitplan für die Erreichung unseres Klimaziels weiterentwickelt. Unser Ziel bleibt bestehen, wir streben nun jedoch an, möglichst 2040 klimapositiv zu sein.
Inwieweit spielt bei der Entscheidung die anhaltende konjunkturelle Schwäche in Deutschland eine Rolle?
Derzeit erleben wir in vielen Bereichen eine spürbare Zurückhaltung bei Investitionen. Das betrifft Unternehmen ebenso wie Verbraucherinnen und Verbraucher. Wenn wirtschaftliche Unsicherheit zunimmt, werden Entscheidungen für größere Investitionen häufig verschoben. Das ist einer der Gründe, warum wir unseren Zeitplan angepasst haben.
Gleichzeitig investieren wir weiter konsequent in die Transformation unseres Unternehmens. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres haben wir rund 500 Millionen Euro in die Energieversorgung der Zukunft investiert. Für uns gilt weiterhin: Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit gehören zusammen
Die Aufregung um eine mögliche Stilllegung des Gasnetzes in Mannheim hat sich gelegt und ist einer sachlichen Betrachtung gewichen.
Die vor anderthalb Jahren angekündigte Stilllegung des Gasnetzes in Mannheim und der Region bis 2035 war ein großes Thema und löste einen Sturm der Entrüstung aus. Wie ist der aktuelle Stand der Planungen – und wie ist die Stimmung in der Stadt?
Die Aufregung hat sich gelegt und ist einer sachlichen Betrachtung gewichen. Es gab und gibt dazu auch keinen Beschluss des Unternehmens – weder mit noch ohne Datum. Wir haben frühzeitig klargestellt: Wir können erst stilllegen, wenn wir auch die rechtliche Möglichkeit dazu haben.
Deshalb ist es bedauerlich, dass der Bundestag das sogenannte Gaspaket in den Herbst verschoben hat. Denn erst dies schafft den dringend notwendigen Ordnungsrahmen für die Transformation der Gasverteilnetze und sorgt für Planungssicherheit bei Verbrauchern und Energieunternehmen, um in die Wärmewende investieren zu können.
Warum setzt MVV-Energie in Mannheim nicht auf grüne Gase wie Biomethan oder Wasserstoff für die Wärmeversorgung?
Weil wir für Mannheim keinen sinnvollen Bedarf dafür sehen – jedenfalls nicht im Wärmebereich für private Haushalte. Bereits heute werden 60 Prozent des Wärmebedarfs in Mannheim über Fernwärme gedeckt. In wenigen Jahren werden es 75 Prozent sein. Wir haben die thermische Abfallbehandlung und Biomassekraftwerke angebunden, betreiben die erste Flusswärmepumpe und bauen gerade die zweite, weltweit größte. Dazu kommen aktuell zwei Geothermiestandorte in einem Joint Venture.
Wir haben in Mannheim einfach sehr gute Voraussetzungen: ein großes Fernwärmenetz, den Rhein, Geothermie. Das hat natürlich nicht jeder. Hinzu kommt: Mehrere Infrastrukturen parallel zu betreiben, würde weder für uns als Unternehmen noch volkswirtschaftlich Sinn ergeben.
Fernwärme steht immer wieder in der Kritik – zu teuer, zu intransparent. Wie reagieren Sie darauf?
In Mannheim sind wir bei den Preisen im bundesweiten Vergleich im unteren, günstigen Drittel. Wir sind wettbewerbsfähig. Fernwärme steht im Wettbewerb mit alternativen Technologien. Wenn Fernwärme zu teuer ist, entscheiden sich Kunden für eine Wärmepumpe. Diese Konkurrenz ist real. Unser klarer Anspruch ist: Unsere Fernwärme muss bei den Gesamtkosten mit der dezentralen Wärmepumpe mithalten können – und das tut sie bei uns. Darüber hinaus ist die unmittelbare Investitionsbelastung der Kunden niedriger.
Fernwärme ist kein einheitliches Produkt. Ein Vergleich rein über den Preis greift zu kurz.
Die Monopolkommission kritisiert mangelnde Transparenz bei Fernwärmepreisen. Ist das berechtigt?
Jeder Kunde hat ein Recht darauf zu verstehen, wie sein Preis zustande kommt. Das ist für mich selbstverständlich. Wenn das an einigen Stellen nicht gegeben ist, muss man es lösen. Unsere Preise sind vollständig auf unserer Webseite zu finden.
Für die Branche ist die Preistransparenzplattform ein richtiger Schritt. Auch den Ansatz der Bundesregierung, die Meldung bei der Transparenzplattform verpflichtend zu machen, begrüßen wir. Aber man muss auch klar sagen: Fernwärme ist kein einheitliches Produkt, da sowohl Netze und Erzeugung als auch die Transformationsgeschwindigkeit sich je nach Standort deutlich unterscheiden Ein Vergleich rein über den Preis greift also zu kurz.
Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz der schwarz-roten Koalition sieht eine Quote für grüne Gase vor – die sogenannte Biotreppe. Wie bewerten Sie das?
Das Wichtigste zuerst: Mit der Verabschiedung des Gesetzes herrscht endlich Klarheit. Das ist gut und wichtig. Die Unklarheit, die seit der letzten Wahl vorlag, schadete der Branche massiv. Aber ich frage mich ernsthaft, woher die Mengen an grünen Gasen kommen sollen – in ausreichender Menge und zu vernünftigen Preisen. In einer von MVV beauftragten Studie hat das Fraunhofer Institut ISE in Freiburg kürzlich auf die erheblichen Kostenrisiken aufmerksam gemacht, die beim Betrieb von Gasheizungen mit Biomethan drohen.
Langfristig sind Wärmepumpen und Fernwärme fast immer günstiger, in der Spitze belaufen sich für ein Einfamilienhaus die Mehrkosten über 20 Jahre auf bis zu 49.000 Euro. Meine Sorge ist: Letztlich sind es die Energieversorger und Vertriebsunternehmen, die verantwortlich gemacht werden, wenn die Versorgung nicht zuverlässig funktioniert oder die Preise steigen.
Und noch ein Punkt: Wer im Jahr 2045 ein Ziel von 100 Prozent grünen Gasen ansteuert, konterkariert damit das Klimaneutralitätsziel Deutschlands an anderer Stelle. Grüne Gase sollten zuerst dort eingesetzt werden, wo es technologisch keine Alternative gibt – etwa in industriellen Prozessen mit hohen Temperaturen.
Die Kraftwerksstrategie liegt nun vor. Wird MVV-Energie sich an den Ausschreibungen für neue Gaskraftwerke beteiligen?
Nein. Größere Gaskraftwerke gehören nicht mehr zu unserem Portfolio. Das ist unsere klare Entscheidung. Trotzdem ist es wichtig, dass ausreichend Ersatzkapazitäten entstehen – für die Zeiten, in denen die Erneuerbaren nicht genug liefern. Was mich dabei beschäftigt: Wir starten jetzt mit Ausschreibungen, bevor die EU-Genehmigungsregelungen, also die Notifizierung, abgeschlossen sind. Das schafft Rechtsunsicherheit. Und wir brauchen echte Planungssicherheit – auch für KWK-Anlagen und die Umstellung auf Wasserstoff.
Der wichtigste Punkt ist: Die EEG-Reform muss schnell abgeschlossen werden, damit wir zum 1.1.2027 nicht in eine Regelungslücke laufen.
Was erwarten Sie vom neuen EEG – vor allem mit Blick auf den geplanten Ausbau-Vorbehalt?
Es ist richtig, dass wir beim Ausbau der Erneuerbaren die Faktoren Bezahlbarkeit und Effizienz stärker gewichten. Und wir brauchen eine bessere Synchronisierung von Netzausbau und Erneuerbaren-Zubau. Der Kabinettsentwurf des Netzpakets sieht hier einen modifizierten Redispatchvorbehalt vor; auch andere Instrumente wären denkbar. Entscheidend ist, dass das Zusammenspiel mit dem restlichen Regulierungsrahmen, insbesondere zwischen EEG und Netzpaket, stimmt und die im EEG festgelegten Zubauziele erreicht werden.
Aber eines ist klar: Windräder in Regionen zu bauen, wo ohnehin ständig abgeregelt wird, erhöht unnötig die Kosten der Energiewende. Der wichtigste Punkt ist aber: Die EEG-Reform muss schnell abgeschlossen werden, damit wir zum 1.1.2027 nicht in eine Regelungslücke laufen, zumal das Gesetz vorher von der EU beihilferechtlich geprüft werden muss, und dafür wird die Zeit nun sehr knapp.