Der Fachkräftemangel in der Energiebranche nimmt zu, insbesondere im Bereich der Netze und der Netzführung. "Aufwendige, mehrmonatige Einarbeitungszeiten in unterschiedliche Systeme werden wir uns künftig immer weniger leisten können", sagt Marc Zimmermann-Hooge. Er ist bei den Stadtwerken Ratingen für die Netze verantwortlich. Der Kommunalversorger aus Nordrhein-Westfalen benötigt ebenso wie die Stadtwerke in der Nachbarstadt Velbert eine neue Software für seine Netzleitstelle.
Aufgrund des Fachkräftemangels und der hohen Investitionskosten für moderne Technik, Digitalisierung und IT-Sicherheit wollen die Stadtwerke Ratingen und Velbert nicht nur die benötigte Software gemeinsam beschaffen, sondern auch ihre Netzführung künftig bündeln (ZFK berichtete).

Standardisierte Prozesse und intuitive Bedienkonzepte können Schulungszeiten verkürzen.
Marc Zimmermann-Hooge
Leiter Netze bei den Stadtwerken Ratingen
Ein modernes Netzleitsystem müsse künftig vor allem eines leisten: technische Komplexität für die Mitarbeitenden beherrschbar machen, sagt Zimmermann-Hooge. Die Bedienung müsse intuitiv und verständlich sein, ohne Funktionalität und Sicherheit zu beeinträchtigen. Standardisierte Prozesse und intuitive Bedienkonzepte könnten Schulungszeiten verkürzen. Ein gemeinsames System erleichtere zudem den Wissenstransfer und einen flexibleren, standortübergreifenden Personaleinsatz.
Hohe jährliche Kosteneinsparungen
Entscheidend sei auch die Weiterentwicklungsfähigkeit, sagt Zimmermann-Hooge. Offene, standardisierte Schnittstellen müssten neue Anwendungen und Technologien ermöglichen. Die Software solle sich fortlaufend an technische, regulatorische und betriebliche Anforderungen anpassen lassen, während Server und andere Hardware regelmäßig erneuert würden.
Die gemeinsame Rheinisch-Bergische Verbundleitstelle soll mittelfristig jährlich Einsparungen im mittleren sechsstelligen Eurobereich bringen, erklärt Tobias Grau, kaufmännischer Geschäftsführer der Stadtwerke Velbert.

Ein besonderer Vorteil der Kooperation liegt darin, dass keine netzbetreiberspezifischen Sonderlösungen im System zugelassen werden.
Tobias Grau
Kaufmännischer Geschäftsführer Stadtwerke Velbert
Vor allem im Bereich der Systemeinrichtung und bei der Schulung des Personals erwartet Grau Einsparungen von 10 bis 15 Prozent. Den besonderen Vorteil der Kooperation sieht er in der konsequenten Standardisierung und der "eisernen Disziplin“, keine netzbetreiberspezifischen Sonderlösungen im System zuzulassen. Das senke den Aufwand für Anpassungen und spätere Aktualisierungen.
Netzführung bedeute inzwischen mehr als die Überwachung von Energie- und Wassernetzen, sagt Saša Vasković, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Velbert. Sie entwickle sich zu einer integrierten Steuerungszentrale für Sektorenkopplung und dezentrales Systemmanagement. Energie- und Wassernetze würden in Echtzeit synchronisiert, Eingriffe zur Netzstabilisierung automatisiert und volatile Einspeisung vorausschauend berücksichtigt.

Die größten Herausforderungen liegen in der Beherrschung der extremen Daten- und Lastendynamik.
Saša Vasković,
Technischer Geschäftsführer Stadtwerke Velbert
Die größten Herausforderungen lägen in der "extremen Daten- und Lastendynamik". Treiber seien der Ausbau von Photovoltaik, Wärmepumpen und Elektromobilität – insbesondere in Niederspannungsnetzen, die häufig nur unvollständig überwacht würden. Zugleich müsse die zunehmend digitalisierte und vernetzte kritische Infrastruktur vor Cyberangriffen und physischen Bedrohungen geschützt werden.
Velbert und Ratingen arbeiten derzeit an den organisatorischen, personellen und technischen Voraussetzungen für die gemeinsame Verbundleitstelle. Derzeit betreiben beide Stadtwerke eigene Netzleitstellen rund um die Uhr. Künftig soll eine gemeinsame Gesellschaft die Netzführung als Dienstleistung übernehmen. Die Verantwortung für die jeweiligen Netze bleibt bei den Stadtwerken.
Schrittweiser Aufbau der Verbundleitstelle
Nach der Freigabe durch die Ratsversammlungen beider Städte soll die Gesellschaft im kommenden Jahr gegründet werden. Beide Partner sollen jeweils 50 Prozent der Anteile halten; wichtige Entscheidungen sollen einstimmig fallen. Der Betrieb wird schrittweise aufgebaut. Aufgaben werden erst dann gemeinsam übernommen, wenn die notwendigen Voraussetzungen geschaffen sind. Die Vorbereitungen für die Ausschreibung und Beschaffung der Software laufen bereits.
Die Kooperation soll auch die Schicht- und Rufbereitschaftsdienste entlasten. Durch die Bündelung der Personalressourcen lassen sich die Dienste auf eine breitere Basis stellen und Belastungen besser verteilen. Das schaffe attraktivere Arbeitsbedingungen und helfe, Mitarbeitende zu binden sowie neue Fachkräfte zu gewinnen, heißt es weiter. Die Zusammenarbeit eröffne zudem zusätzliche Entwicklungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten.

Die gemeinsame Netzleitstelle zeigt, wie kommunale Unternehmen auf Augenhöhe zusammenarbeiten können.
Jens Schmidt
Geschäftsführer Stadtwerke Ratingen
Für Jens Schmidt, Geschäftsführer der Stadtwerke Ratingen, zeigt das Projekt, welche Bedeutung Kooperationen für kommunale Versorgungsunternehmen gewinnen. Sie bündelten Know-how und Ressourcen und stärkten damit die Versorgungssicherheit. "Die gemeinsame Netzleitstelle zeigt, wie kommunale Unternehmen auf Augenhöhe zusammenarbeiten können", so Schmidt weiter. Die Erfahrungen aus Velbert und Ratingen könnten perspektivisch auch anderen kommunalen Netzbetreibern Anregungen für eigene Kooperationen geben.
Erfolgsfaktoren der Kooperation seien laut Schmidt vor allem, "dass wir uns als Partner ergänzen und beide von den Stärken des jeweils anderen profitieren können". Wichtig sei vor allem, dass die Menschen gut zusammenarbeiten können und wollen. "Da muss sich schnell Vertrauen aufbauen."
Daraus folge auch, dass sich ein solches Modell nicht einfach kopieren lasse. Voraussetzung sei vielmehr, dass es menschlich und fachlich gut passe. "Beide Kommunen sehen den hohen strategischen Nutzen einer regionalen Zusammenarbeit", verdeutlicht Schmidt. Diese könne, wenn es passe, sicher auch ausgebaut werden.