Der Fernwärmeausbau soll bis zur Klimaneutralität rund 900 Millionen Euro kosten und knapp ein Drittel Dortmunds mit Wärme versorgen. Im zweiten Teil des Interviews spricht Peter Flosbach, Technischer Geschäftsführer von DEW21, über Ankerkunden, Preise, Baustellen und Bürgerakzeptanz – und erklärt, warum Wasserstoff trotz gesunkener Euphorie eine wichtige Option bleibt.
Herr Flosbach, Sie wollen im Fernwärmenetz bis zur Klimaneutralität rund 900 Millionen Euro investieren. Wie lässt sich dieser Ausbau wirtschaftlich und gesellschaftlich bewältigen?
Im Zielsystem werden Fern- und Nahwärme zusammen etwa 30 Prozent der Wärmeversorgung in Dortmund abdecken. Bei diesen Investitionen ist die Skalierung entscheidend. Bauunternehmen kommen nach Dortmund, wenn sie im Rahmen einer langfristigen Strategie kontinuierlich Leistungen erbringen können. Wenn es nur um ein einzelnes Projekt mit einer Laufzeit von anderthalb Jahren geht, holen wir keine Unternehmen aus Norddeutschland, Kassel oder Frankfurt nach Dortmund.
Ein weiterer Faktor sind die Prozesse. Für den Ausbau brauchen wir ein gutes Zusammenspiel mit der Stadt Dortmund und der Bezirksregierung – etwa bei Kampfmitteln oder archäologischen Funden. Alles, was den Baufortschritt stören kann, braucht einen verlässlichen Prozess. So verhindern wir, dass die Kosten aus dem Ruder laufen und können Verzögerungen schnell lösen.
Im Zielsystem unterstellen wir in den Fernwärmegebieten eine Anschlussquote von rund 90 Prozent.
Welche Rolle spielen große Abnehmer wie der Spar- und Bauverein?
Eine sehr wichtige. Bis 2028 sollen zum Beispiel rund 1300 Wohnungen des Spar- und Bauvereins an die Fernwärme angeschlossen werden. Das ist ein klarer Fortschritt. Zusätzlich arbeiten wir mit drei weiteren Immobiliengesellschaften eng zusammen und haben Verträge geschlossen. Gerade in der Wohnungswirtschaft lassen sich Entscheidungen schneller treffen, weil die Unternehmen die Komplexität und die Investitionen in die Gebäudesanierung kennen und auch ambitionierte Effizienzziele verfolgen.
In Dortmund gibt es allerdings auch viele Eigentümergemeinschaften. Dort dauern Entscheidungen häufig länger als zwei Jahre. Deshalb wollen wir künftig an den entsprechenden Stellen bereits Trassenstücke mit Abzweigen vorsehen. Wenn eine Eigentümergemeinschaft später bereit ist, kann der Anschluss mit deutlich geringerem baulichem Eingriff erfolgen.
Im Zielsystem unterstellen wir in den Fernwärmegebieten eine Anschlussquote von rund 90 Prozent. Ein Teil der Kunden wird sich trotzdem für eine andere Versorgungsform wie Holzpellets, grüne Gase oder eine Wärmepumpe entscheiden. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass die Akzeptanz der Fernwärme gerade in der Wohnungswirtschaft hoch ist. Das liegt auch an unserem günstigen Primärenergiefaktor, der mit 0,2 besser ist als der einer Wärmepumpe.
Wie wettbewerbsfähig sind die Dortmunder Fernwärmepreise?
Wir waren in diesem Jahr bei einer Überprüfung durch den Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen im positiven Sinne unauffällig. Das gilt, obwohl wir die alten Dampfnetze vollständig stillgelegt und neue Heißwassernetze gebaut haben. Trotz der Investitionen, die sich natürlich auch über die hohen Abschreibungen in den Preisen wiederfinden, sind wir wettbewerbsfähig.
Seit 2019 haben wir die Investitionen stark erhöht und inzwischen mehr als 150 Millionen Euro Fördermittel erhalten. Ohne diese Förderung würden wir den Fortschritt nicht in dieser Größenordnung sehen. Hinzu kommen effiziente Prozesse bei Planung, Bau und Betrieb.
Wir sehen unmittelbar, wie sich die Verbräuche an den einzelnen Stationen entwickeln.
Dabei setzen wir auf digitale Fernwärme. Die Kundenstationen werden europaweit ausgeschrieben und in der Regel von uns als Dienstleistung betrieben. Vor- und Rücklauftemperaturen sowie den aktuellen Bedarf des Netzes können wir in Echtzeit in den Kundenstationen erfassen. Wir müssen nicht abwarten, bis das Wasser einmal durch Dortmund geflossen ist. Wir sehen unmittelbar, wie sich die Verbräuche an den einzelnen Stationen entwickeln.
Standardisierte Lösungen bei den Kundenstationen senken zudem die Kosten. Wir benötigen weniger unterschiedliche Komponenten, können Wartungsverträge günstiger gestalten und profitieren von einer zentralen Lagerwirtschaft.
Wie organisieren Sie die Baustellen, ohne die Akzeptanz zu verspielen?
Als wir 2021 und 2022 die Innenstadt umfassend aufgegraben haben, hat die Akzeptanz deutlich gelitten, sobald ein bestimmtes Maß an Baustellen überschritten war und man kaum noch ohne Stau durch Dortmund kam. Wenn wir die Akzeptanz für die Energiewende erhalten wollen, dürfen wir Dortmund nicht verkehrlich lahmlegen.
Bevor der Bagger startet, haben wir in den betroffenen Quartieren in der Regel eine Vorlaufzeit von zwei Jahren. Diese Zeit nutzen wir bereits. Gemeinsam mit Stadt, Bezirksregierung und weiteren Beteiligten schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass Projekte trotz komplexer Rahmenbedingungen planbar und wirtschaftlich umgesetzt werden können. Beispielsweise begleiten ein Pyrotechniker und ein Archäologe die Tiefbauarbeiten. Sie können direkt an der Baggerschaufel einschätzen, ob ein Fund kritisch, archäologisch relevant oder unbedenklich ist.
Bei der Archäologie arbeiten wir heute mit 3D-Scannern. Dadurch können wir Funde digital erfassen und etwa dreimal schneller bearbeiten. Überraschungen gibt es trotzdem. Sollte der BVB beispielsweise im Sommer den Bundesligatitel gewinnen, müssen wir für die Meisterfeier Verkehrswege freiräumen. Dadurch verlieren wir gegebenenfalls zwei bis drei Wochen. Damit können wir inzwischen aber umgehen.
Welche Rolle spielt Wasserstoff in Ihrem Energiesystem?
Ich sehe eine große Chance im Wasserstoffkernnetz. 2030 oder 2032 wird es wahrscheinlich noch keine große Veränderung im Wärmemarkt bewirken. Wenn wir aber auf 2035, 2040 und 2045 blicken, kann Wasserstoff neben der Industrie auch im Wärmemarkt eine wichtige Rolle spielen. Das hängt von internationalen Investitionen, den Preisen und einer gesicherten Versorgung ab.
Bei der Wasserstoffproduktion in Dortmund in Verbindung mit den Deutschen Gasrußwerken haben wir keine Förderung erhalten. Ohne Förderung gibt es dafür derzeit zwar keine Perspektive, doch wir führen weiterhin Gespräche. Der Markt verändert sich gerade deutlich, vor allem auf der Erzeugungsseite. Unternehmen bieten inzwischen Wasserstoff im Contracting an. Die Investitionsplanung und der Betrieb würden dann über den Anbieter erfolgen.
Ist es um das Thema Wasserstoff also ruhiger geworden?
Ja. Die anfängliche Euphorie hat in den vergangenen zwei Jahren deutlich nachgelassen. Projekte, die vor drei Jahren noch eine Förderung erhalten hätten, bekommen heute teilweise keine mehr. Große Konzerne investieren aber weiterhin in Wasserstoff und Wasserstoffspeicher.
Die Herausforderung besteht darin, Kunden einen verlässlichen Wasserstoffpreis zu nennen. Heute lässt sich nur schwer sagen, wo dieser Preis in fünf oder zehn Jahren liegen wird. Deshalb müssen wir genau abwägen, welche Partner für Dortmund und die Dortmunder Industrie geeignet sind.
Hat diese Unsicherheit Auswirkungen auf die Kooperation mit den Deutschen Gasrußwerken bei der industriellen Abwärme?
Nein, die industrielle Abwärmenutzung ist davon unabhängig. Wir suchen unsere Partner sehr genau aus, weil die Versorgung darauf beruht, dass sie langfristig an ihren Standorten bleiben. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie wichtig die Rohstoffversorgung ist. Für die Deutschen Gasrußwerke als Top-Qualitätsanbieter ist es trotz der hohen Energiepreise ein Vorteil, dass sie in Deutschland produzieren und über die notwendigen Rohstoffe verfügen.
Wir prüfen derzeit, wie wir die bestehenden Verträge optimieren können. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Rußproduktion teilweise flexibel gefahren werden kann. In den Übergangszeiten können wir die Abwärme nicht immer optimal nutzen, weil der Wärmebedarf von der Temperatur abhängt.
Wenn beispielsweise zwei kalte Oktoberwochen bevorstehen, könnten die Gasrußwerke ihre Produktion erhöhen, Black Carbon speichern oder lagern und dadurch mehr Abwärme liefern. Dafür tauschen wir unsere Wärmebedarfsprognosen aus und stimmen die Fahrweise besser ab. Die Gasrußwerke erzielen zusätzliche Erlöse, wir vermeiden Erdgasverbrennung – beide Seiten verbessern ihre Wirtschaftlichkeit.
Unser Fernwärmenetz ist die Sammelschiene der Erneuerbaren. Je mehr Quellen wir integrieren, desto robuster und flexibler wird das System.
Lesen Sie im ersten Teil des Interviews mit Peter Flosbach, warum Dortmund seinen kommunalen Wärmeplan einem Realitätsscheck unterzieht und wie die Großstadt ihre Ziele bei Klimaneutralität realisieren will.