Dortmund will den Anteil klimaneutraler Fernwärme bis 2027 auf 85 Prozent steigern – doch der Ausbau des Netzes allein reicht dafür nicht. DEW21-Geschäftsführer Peter Flosbach setzt auf industrielle Abwärme, Abwasser-Wärmepumpen und langfristig auf Tiefengeothermie. Zugleich zwingt die geringe Sanierungsquote zu einem Realitätscheck bei Gebäudebestand und kommunaler Wärmeplanung
Herr Flosbach, Sie haben vor mehr als einem Jahr erstmals von 80 Prozent Klimaneutralität in der Dortmunder Fernwärme gesprochen. Wie hat sich diese Zahl entwickelt?
Wir haben 80 Prozent Klimaneutralität erreicht – aufgrund einer sehr, ich möchte sagen, disruptiven Strategie. 2017 haben wir uns entschieden, die gasbasierte Fernwärme aus dem Kraftwerk Dortmund durch industrielle Abwärme abzulösen sowie die bestehenden Dampfnetze stillzulegen und durch moderne Heißwassernetze zu ersetzen. So haben wir die 75 Prozent CO2-Minderung bereits 2022 erreicht.
Die 80 Prozent ergeben sich aus einem Energiemix, der je nach Winter schwankt. Im ersten Quartal 2027 werden wir uns in Richtung 85 Prozent bewegen. Wir bauen die Netze sukzessive aus und investieren dafür jährlich etwa 30 bis 35 Millionen Euro. Auf der Abnehmerseite schließen wir kontinuierlich große Kunden an. Im vergangenen Jahr war das unter anderem die Heimat des BVB, der Signal-Iduna-Park. Perspektivisch kommen die Messehallen und viele Immobilien der Wohnungsbaugesellschaften in den Quartieren hinzu.
Wie steht es um die Erzeugungsseite?
Wenn wir auf der Erzeugungsseite nichts verändern würden, würde sich der Anteil durch den Netzausbau und die Neukunden allerdings wieder verschlechtern. Den zusätzlichen Bedarf sowie Verbrauchsspitzen im Winter decken wir derzeit über gasbefeuerte Energiezentralen ab. Der Anteil klimaneutraler Fernwärme steigt aktuell, weil wir eine zweite "Stadtautobahn" zur Abwärmequelle gebaut haben und somit mehr Menge für den städtischen Bereich und die südlichen, innenstadtnahen Stadtteile nutzen können. Uns ist aber bewusst: Wenn wir das Netz weiter ausbauen, müssen auch die Wärmequellen mitwachsen.
Wo liegt der Engpass: beim Netz oder bei den Quellen?
Beim Netzausbau ist die Wärmeliniendichte entscheidend. Wir setzen derzeit rund 5500 Kilowattstunden pro laufendem Meter Trasse als Wärmeliniendichte an. Das ist im Vergleich zu anderen Großstädten ein sehr hoher Wert. Aber dadurch können wir den Netzausbau wirtschaftlich umsetzen.
Bei den Wärmequellen betrachten wir unser System im Rahmen der integrierten Zielnetzplanung. Dafür haben wir eine Art Merit-Order entwickelt, in der industrielle Abwärme einen wesentlichen Platz einnimmt. Auf Phoenix West erschließen wir derzeit mit Air Liquide ein ganz neues Fernwärmenetz mit industrieller Abwärme. Gleichzeitig steht die Erschließung weiterer Abwärmequellen bei uns ganz oben auf der Agenda.
Welche Quellen kommen neben der Industrie infrage?
Dazu gehört beispielsweise die Abwärme aus Rechenzentren. Die bestehenden Anlagen in Dortmund liegen mit etwa drei Megawatt allerdings deutlich unter der Leistungsklasse großer Hyperscaler. Für Dortmund wäre es attraktiv, große Rechenzentren anzusiedeln, und wir haben mit Blick auf das vorgelagerte Hochspannungsnetz eine gute Ausgangssituation. Deshalb prüfen wir Stromnetzanschlüsse, die Verfügbarkeit des Backbonenetzes und geeignete Grundstücke.

Bei Biomethan wollen wir Kreislauf- und Energiewirtschaft verbinden.
Peter Flosbach,
Technischer Geschäftsführer DEW21
Deutlich konkreter ist eine Großwärmepumpe für aufbereitetes, geklärtes Abwasser. Sie könnte etwa 20 Megawatt leisten und die industrielle Abwärme ergänzen. Wir sprechen mit einem strategischen Partner, der große Klärwerke betreibt, beleuchten den Business Case und wollen anschließend in die Projektentwicklung gehen. In einem ersten Pilotprojekt testen wir zudem ein innovatives Energiekonzept mit Abwasserwärme und Wärmepumpen in einem Neubaugebiet als Quartierslösung.
Aktuell bauen wir gemeinsam mit der EDG Entsorgung Dortmund GmbH auf einer Deponie eine Photovoltaikanlage und einen großen Batteriespeicher. Zunächst geht es um die Eigenstromoptimierung der Deponie. Bei Biomethan wollen wir Kreislauf- und Energiewirtschaft verbinden: Hier wird eine Biomethananlage zur Umwandlung von Abfällen in grünes Gas geplant, die aufbereitetes Biomethan in das Dortmunder Erdgasnetz einspeisen könnte.
Welche Bedeutung messen Sie der Tiefengeothermie bei?
Langfristig spielt sie eine wichtige Rolle. Wir sind überzeugt, dass die Tiefengeothermie im Ruhrgebiet in Richtung 2045 eine große Bedeutung einnehmen wird. Aus meiner Sicht sollten wir Technologien mit hohen Anforderungen und Risiken stärker in Kooperation entwickeln, statt sie einzelnen Stadtwerken zu überlassen.
Das sind allerdings keine einfachen Projekte. Wir brauchen einen erheblichen zeitlichen Vorlauf und müssen Investitionen mit den Ausgaben für Strom-, Gas-, Wärme- und Wassernetze vereinbaren. Wir verfolgen deshalb intensiv die Untersuchungen und Ergebnisse auf Landesebene. Wir sind in Dortmund gemeinsam mit der Stadt zu dem Ergebnis gekommen, dass Tiefengeothermie das Potenzial hat, langfristig ein wertvoller Teil des klimaneutralen Zielsystems zu werden. Wir verfolgen die Entwicklungen im Ruhrgebiet intensiv und prüfen Einstiegsoptionen.
Sie haben bereits Ende 2022 eine integrierte Zielnetzplanung vorgestellt. Warum ist die kommunale Wärmeplanung trotzdem noch nicht abgeschlossen?
Die veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen insbesondere auch im Hinblick auf das neue GModG haben wir zum Anlass genommen, einen Realitätscheck durchzuführen. Dabei haben wir überprüft, welche Fortschritte Dortmund beim Wärmeumbau in den vergangenen Jahren erzielt hat und welche Annahmen vor dem Hintergrund aktueller Rahmenbedingungen weiterhin realistisch sind.
In die Bewertung sind neue Erkenntnisse zum Gebäudebestand eingeflossen.
Gleichzeitig sind neue Erkenntnisse zum Gebäudebestand in die Bewertung eingeflossen. Ziel war es, die Planung auf eine möglichst belastbare, umsetzbare und sozialverträgliche Grundlage zu stellen. Denn die Wärmewende wird nur erfolgreich sein, wenn sie für die Menschen nachvollziehbar, bezahlbar und praktisch umsetzbar bleibt.
Wie viel von der Planung aus dem Jahr 2022 bleibt bestehen?
Wir sind sehr froh, dass wir bereits 2022 über die Datenbasis für eine integrierte Zielnetzplanung der Strom-, Wärme- und Gasnetze verfügten. Das war damals eine Pionierleistung in der deutschen Stadtwerkelandschaft. In enger Zusammenarbeit mit der Stadt Dortmund haben wir sie weiterentwickelt. Heute deckt unsere Datenbasis mehr als 90 Prozent der Netze und des Gebäudebestands ab – bis hin zu einzelnen Immobilien, Effizienzwerten, Schornsteinfegerdaten und Emissionswerten. Diese Datenbasis ist aus meiner Sicht exzellent.
Im Zuge des Realitätschecks ist auch die Diskrepanz zwischen dem heutigen Tempo der Gebäudesanierung und den Annahmen vieler Wärmewendeszenarien deutlich geworden. Während die Sanierungsquote in Dortmund derzeit unter 0,8 Prozent liegt, wurden im Zielbild 1,5 Prozent und in anderen Großstädten teilweise sogar 2 Prozent angesetzt. Diese Lücke zeigt, dass die Wärmewende zwar konsequent vorangetrieben werden muss, ihre Umsetzung aber Zeit benötigt, damit Investitionen finanziell tragbar und gesellschaftlich akzeptiert bleiben.
Die gesetzlichen Änderungen eröffnen neue Möglichkeiten.
Die gesetzlichen Änderungen eröffnen zudem neue Möglichkeiten: Biomethan, eine mögliche Quote für grüne Gase und Wasserstoffprüfgebiete. Damit können wir prüfen, ob grüne Moleküle für Immobilien, die noch nicht für dezentrale Wärmepumpen geeignet oder an die Fernwärme anschließbar sind, eine bezahlbare Transformation ermöglichen. Das ist ein großer Gamechanger. In der Vergangenheit haben wir im Wesentlichen auf Fernwärme, Nahwärme und Wärmepumpen geschaut.
Welche Perspektive ergibt sich daraus für Gas und Wasserstoff?
Nach meiner Einschätzung werden wir auch 2045 noch eine entsprechende Residualgröße haben, die mit Gas versorgt wird – allerdings dann natürlich mit grünen Gasen. Wir wollen die neuen Prämissen belastbar einordnen. Sie sind mit dem Umweltamt abgestimmt und fließen in die weiteren Arbeitsschritte ein. Ich bin zuversichtlich, dass wir zum Jahresende eine beschlossene kommunale Wärmeplanung für Dortmund haben werden.