"Stadtwerke sind im Prinzip prädestinierte Plattformbetreiber", sagt Michael Niebergall, zuständig für den Bereich Digital Energy von Sopra Steria Consulting. Als etablierte Dienstleister für Strom, Wasser, Telekommunikation und Mobilität verfügen sie über langjährige Kundenbeziehungen, die sich neue Plattformdienstleister erst einmal aufbauen müssten.
Das Thema ist daher nicht überraschend für 59 Prozent der Entscheider wichtig bis sehr wichtig, ergibt eine aktuelle Studie von Sopra Steria Consulting und dem FAZ-Institut. Dabei wurden 355 Entscheider, Manager und Fachkräfte aus den Bereichen Banken, Versicherungen, Energie- und Wasserversorgung, Telekommunikation und Medien, öffentliche Verwaltung, Automotive sowie sonstiges verarbeitendes Gewerbe befragt. Die Energie- und Wasserversorgung war dabei mit sechs Prozent vertreten.
Abhängigkeit als größtes Risiko
Als Plattformanbieter, die als gefährlich fürs eigene Geschäftsfeld gesehen werden, nannten die Entscheider der öffentlichen Verwaltung und den Versorgern vor allem Google, Amazon, Facebook und Apple mit 50 Prozent. Dicht dahinter kommen branchenspezifische Plattformen oder Nischenplattformen mit 45 Prozent.
Der Großteil der Befragten des Versorgungssektors und der öffentlichen Verwaltung sieht bei fremden Plattformen in der Abhängigkeit vom Betreiber mit 62 Prozent die größten Risiken. Gefolgt von mangelnder Kontrolle über Geschäftsprozesse (45 Prozent) und dem Verlust der Kundenschnittstelle (41 Prozent). Allerdings werden Plattformen im Bereich öffentlicher Verwaltung und Versorgungsunternehmen im Gegensatz zu Finanzdienstleistern und Verarbeitendem Gewerbe am wenigsten als Bedrohung wahrgenommen.
Kosteneinsparung und neue Geschäftsmodelle
Die größten Vorteile für öffentliche Verwaltung und den Versorgern liegen laut Studie in der Kosteneinsparung mit 60 Prozent. 45 Prozent denken zudem, dass sich so neue Geschäftsmodelle etablieren lassen und 44 Prozent hoffen, damit neue Kunden zu bedienen. Der Großteil der in diesen Sektoren befragten Teilnehmern ist mit 86 Prozent der Meinung, dass Unternehmen sich mit einer Plattform Wettbewerbsvorteile sichern.
Voraussetzungen, um überhaupt erfolgreich an einer digitalen Plattform teilnehmen zu können sind vor allem eine entsprechende Strategie (81 Prozent), entsprechend qualifizierte Mitarbeiter (73 Prozent) und die nötige technologische Ausstattung (53 Prozent)
Offener Plattformansatz
Für große Plattformen suchen die Verantwortlichen verstärkt nach Partnern und Teilnehmern. 84 Prozent der für die Studie befragten Entscheider der öffentlichen Verwaltung und Versorgunsunternehmen meinen, öffentliche digitale Leistungen nur noch im Verbund mit anderen Unternehmen und öffentlichen Partnern erbringen zu können. Dabei kommen offene aber öffentlich-rechtliche kontrollierte Plattformansätze ins Spiel.
Solche Plattformen unterscheiden sich vorrangig durch Ihre Interessen: Der Algorithmus bei Google ist darauf ausgelegt, Werbung zu verkaufen. Eine öffentlich-rechtliche Alternative hingegen könnte unter anderem Internet-Suchen objektiver gestalten und beispielsweise öffentliche Werte wie Diversity stärker berücksichtigen, erklärte Sopra Steria Consulting auf ZfK-Nachfrage.
Wie ein europäisches Facebook
Eine solche hatte ARD-Chef Ulrich Wilhelm vorgeschlagen. "Was wir brauchen, ist eine europäische digitale Infrastruktur – eine Plattform von Qualitätsangeboten im Netz, an der sich die öffentlich rechtlichen, die privaten Rundfunkanbieter, die Verlage, aber auch Institutionen aus Wissenschaft und Kultur und viele andere beteiligen können", schlug Wilhelm im "Handelsblatt" vor. Ihm schwebt dabei ein Angebot vor, das von Youtube, Facebook und Google gelernt hat, aber auf europäischen Idealen von Vielfalt, Qualität und Offenheit aufbaut.
Die Idee ist mehr Ausgewogenheit, konkretisiert Sopra Steria Consulting. Öffentliche Plattforminitiativen wie beispielsweise in Hamburg würden zudem für eine physische Datenunabhängigkeit von den Big-Data-Konzernen sorgen. "Sie sind nicht auf die Lösungen und Daten der Internetkonzerne angewiesen."
Allerdings sei die Umsetzung einer solchen Plattformstrategie generell schwerer zu verwirklichen als privatwirtschaftliche, sagt Thomas Walsch, Director Digital Transformation bei Sopra Steria Consulting.
Stadtwerke als digitale Drehscheibe für Bürger
Einige Energie- und Wasserversorger haben sich inzwischen als Plattformbetreiber positioniert, etwa Innogy mit seinem Smart-Home-Portal, Eon mit der Beteiligung an der Firma Cuculus und deren Plattform Zonos, zählt das Beratungsunternehmen auf. Vor allem für Stadtwerke sei die Rolle des Betreibers einer eigenen Plattform besonders interessant, heißt es weiter. Sie positionieren sich als digitale Drehscheibe für kommunale und regionale Leistungen für Bürger.
Problematisch sei allerdings die Skalierung. Der mögliche Nutzerkreis von Stadtwerken sei in weiten Teilen bereits geografisch vorgegeben. Stadtwerke sind hier gefordert, auf dem kleineren Spielfeld viele Menschen für eine Plattform zu begeistern, rät Sopra Steria Consulting. Ein Ansatz ist, für eine möglichst umfassende Palette an Services zu sorgen, zum Beispiel Angebote zu ÖPNV, Bürgerservice, Bibliothek, Schwimmbädern, Nachbarschaftshilfen etc. in einer regionalen Community zu bündeln. Wichtig ist demnach zudem, für eine größere emotionale Bindung an den kommunalen Energieversorger zu sorgen, um die Häufigkeit der Nutzung zu steigern. Die Nutzer müssten das Gefühl bekommen: „Die tun was für uns, sind serviceorientiert, die nutze ich häufiger."
Kleineren Stadtwerken rät das Beratungsunternehmen dazu, Plattformen eher im Verbund mit anderen Stadtwerken oder branchenfremden Partnern auf die Beine zu stellen. (sg)

