Politik, Gesellschaft und Wirtschaft erwarten, dass die Energiewirtschaft mit innovativen Lösungen und neuen Geschäftsmodellen diesen Herausforderungen begegnet. Hohe Erwartungen und Druck von allen Seiten sind an der Tagesordnung. Damit gehen auch neue Anforderungen an die Enterprise-Resource-Planning-Lösungen (ERP) der Unternehmen einher.
Die Neuauflage der Studie zu ERP-Lösungen für die Energiewirtschaft von PWC Deutschland untersucht, inwiefern aktuelle Lösungen führender Anbieter die veränderte Anforderung der Unternehmen erfüllen können. Die Grundlage dafür bildet eine umfangreiche Befragung von insgesamt 18 Anbietern.
Hintergrund
Ziel der Studie sei es, Transparenz über die am Markt verfügbaren ERP-Lösungen sowie -Plattformen für die Energiewirtschaft herzustellen. Die Studie geht über die Betrachtung klassischer ERP-Systeme hinaus, neben ERP-Komplettangeboten werden auch Plattformlösungen und in IT-Ökosysteme eingebettete Teillösungen betrachtet.
Dem sich wandelnden Energiemarkt trage man in der Studie ebenfalls Rechnung, beispielsweise durch die Integration von Energieserviceanbietern, Aggregatoren, Erzeugern, Wasserstoffwirtschaft, E-Mobilität und Smart Metering. Ihre jeweiligen Anforderungen wurden ebenfalls analysiert.
Ergebnisse
11 von 18 Anbietern verkaufen eine ERP-Lösung für die Marktrollen Lieferant, VNB und MSB. Dabei ist zu beachten, dass es beim angebotenen Lösungsumfang zu einer Aufweichung der bisherigen Trennung kommt. Tradierte Anbieter erheben nicht mehr den Anspruch, jegliche Funktion selbst programmieren zu müssen. Neue Anbieter, die bisher den Fokus auf die Rolle Lieferant gelegt haben, prägen ihren Funktionsumfang für die anderen Marktrollen aus bzw. haben dies auf ihrer Entwicklungs-Roadmap.
Einen deutlichen weiteren Funktionszuwachs konnte PWC Deutschland bei Produktgeneratoren feststellen, häufig mit Mieterstrommodellen und Heizkostenverteilrechnungen als Katalysator für erweiterte Modellierungsmöglichkeiten.
Die wachsende Bedeutung der Marktrolle MSB ist in den Lösungen erkennbar. Allerdings fokussieren einige Hersteller die Grundzuständigkeit und spiegeln damit die noch immer verhaltene Nachfrage der EVUs nach MSB-Fähigkeiten außerhalb des angestammten Netzgebiets wider.
Trend zur Cloudifizierung
Der Trend zur Cloudifizierung der Marktkommunikation hat sich dahin gehend verstärkt, dass die betreffenden Hersteller die Cloud-Lösungen für die angebotenen Marktrollen vervollständigen. Die zugehörigen Inhouse-Funktionen wie zum Beispiel Abrechnung, Energiedatenmanagement (EDM) oder Nebenbuch hingegen werden für die Marktrolle Lieferant immer mehr mit den Anforderungen der Marktrolle „Energieserviceanbieter“ (ESA), den Monopolsparten und sonstigen EVU-Tätigkeiten verbunden. Dies erfolgt durch eine bessere Integration der Produktgeneratoren in den Order-to-Cash-Prozess.
Das zunehmende Interesse der Wohnungswirtschaft an energienahen Dienstleistungen hat dazu geführt, dass einige Anbieter wie zum Beispiel msu oder Somentec Lösungen verkaufen, die die spezifischen Anforderungen mit den, im Vergleich zu einem EVU eher kleinen, Mengengerüsten verbinden.
Technische Leistungsfähigkeit
Der Trend zu Lösungen, die ausschließlich als Cloud-Variante angeboten werden, hat sich entsprechend verstärkt. Die Lösungen von Lynqtech, msu, Rhenag, Sopra Steria und powercloud werden ausschließlich als Cloud-Lösungen angeboten, On-Premise-Varianten sind hier nicht verfügbar. SAP teilt den Funktionsumfang in einen Public-Cloud-Bereich und einen Private-Cloud-Bereich auf.
Für die regulierte Marktkommunikation wird nur noch die Public-Cloud-Lösung angeboten, während die restlichen Funktionsbereiche auf Kundenwunsch auch noch als On-Premise-Lösung betrieben werden können.
Auch Schleupen setzt bevorzugt auf cloudbasierte Installationen in herstellerseitigen Rechenzentren. Die Herausforderung für die Hersteller liegt darin, parallel zur Cloudifizierung bestehende On-Premise-Installationen weiter unterstützen zu müssen.
KI im Vormarsch
In der Zukunft wird die Fähigkeit, große Datenmengen effektiv und sicher zu nutzen und KI-gestützte Lösungen einzusetzen, für EVU zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil. In einer Welt, die sich immer stärker auf Nachhaltigkeit und Effizienz konzentriert, sind Daten und KI nicht nur Werkzeuge zur Optimierung bestehender Prozesse, sondern auch Katalysatoren für Innovation und Fortschritt in der Energiewirtschaft.
Anwendungsbeispiele sind der Einsatz künstlicher Intelligenz für die Klärfallbehandlung bei der Abrechnung in der Lösung von SAP oder die KI-basierende Absatzprognoseerstellung von Sopra Steria. SIV verfolgt einen Data-Mining-getriebenen Ansatz als Basis
datengetriebener Lernprozesse, Rhenag nutzt KI-Fähigkeiten für Chatbots und sieht KI als Grundlage für einen erweiterten Service.
Energiewirtschaftliches Ökosystem
Bei den Lösungsanbietern ist der klare Trend erkennbar, die eigenen Lösungen als energiewirtschaftliches Ökosystem zu verstehen. Damit lässt auch ihr Anspruch nach, alle Funktionen selbst bereitstellen zu müssen. Stattdessen erhalten Dritthersteller die Möglichkeit, fehlende Funktionen zum Beispiel als „Apps“ in das Ökosystem des Lösungsanbieters zu integrieren.
Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass das EVU im Idealfall sogar unter mehreren Best-of-Breed-Alternativen die am besten geeignete Lösung für die jeweilige Funktion auswählen kann, heißt es in der Studie. Ein Nachteil liegt darin, dass weder Anbieter noch Dritthersteller die End-to-End-Prozess-Durchgängigkeit beim EVU sicherstellen. Dies zu überwachen sei dann sehr schnell die Aufgabe des EVU, so ein weiteres Fazit.
Die detaillierten Ergebnisse der Studie finden Sie auf der Website von PWC Deutschland. (sg)



