Drei Stadtwerke, 19 Unternehmen und drei ERP-Systeme: Bernd Reichelt weiß, was es bedeutet, unterschiedliche IT-Landschaften zusammenzuführen. Der Geschäftsführer der Stadtwerke SH bündelt die Arbeit der Stadtwerke aus Rendsburg, Eckernförde und Schleswig in einer gemeinsamen Organisation. Die bisherigen Systeme sollen durch ein neues ERP-System von Wilken ersetzt werden. Doch die Migration allein löst noch keine Probleme.
"Eine Umstellung wie diese ist erstmal total schmerzhaft", beschrieb Reichelt auf dem Wilken Utility Summit am 8. Oktober in Ulm. Beschäftigte müssten nach Jahrzehnten vertraute Abläufe aufgeben, während der Betrieb weiterlaufe. Erst wenn alle Unternehmen auf einer Systembasis arbeiteten, könne die Prozessoptimierung beginnen. "Wir sind noch völlig in den Basics", räumte er ein.
Der Energievertrieb gerät unter Druck
Die ERP-Migration ist nur eine von vielen Herausforderungen für Versorger und Netzbetreiber. In einer Podiumsdiskussion über den Energiemarkt 2036 zeichnete Sven Garrels, Partner bei Kearney, ein herausforderndes Bild: Vor allem der Vertrieb kleinerer Versorger werde unter Druck geraten. Kunden wollten weder ständig Tarife vergleichen noch selbst die Ladung ihres Elektroautos oder den Einsatz ihres Stromspeichers optimieren. Digitale Dienste könnten das übernehmen. Netzbetrieb und Messstellenbetrieb blieben dagegen unverzichtbar.
Garrels empfiehlt Stadtwerken deshalb, ihre Stärken zu bestimmen: etwa Netzeffizienz, Anschlussfähigkeit oder besondere Leistungen für Kunden. Die Abrechnung sei hingegen kein Geschäft, mit dem sich Versorger voneinander abheben könnten. "Das muss einfach funktionieren." Für solche standardisierten Prozesse böten sich Partner an.
Thomas Deeg von den Stadtwerken Schwäbisch Hall stimmt ihm zu: "Wir haben einen Bauchladen an allen möglichen Themenstellungen, und den werden wir jetzt ausmisten müssen", erklärte er. Über Sherpa-X erbringt sein Unternehmen bereits Abrechnungsdienstleistungen für andere Versorger. Wer sich auf bestimmte Kompetenzen konzentriere, müsse umgekehrt bereit sein, Leistungen einzukaufen. Die Stadtwerker Schwäbisch Hall stellen ihre Systeme aktuell auf GY von Wilken um.
Zusammenarbeiten, ohne zu fusionieren
Doch Kooperationen scheitern nicht nur an technischen Fragen. Zoran Petrovic, Geschäftsführer von Conuti, kritisierte politische Vorbehalte und Entscheidungen kommunaler Gremien. Besonders über Landesgrenzen hinweg würden gemeinsame Lösungen erschwert. In anderen Industrien nutzten selbst Wettbewerber gemeinsame Plattformen, argumentierte er.
Tanja Utescher-Dabitz vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) betonte dagegen den Wert der örtlichen Verankerung. Stadtwerke seien Arbeitgeber und Teil der kommunalen Daseinsvorsorge. Kooperation müsse nicht Fusion heißen: Gemeinsame IT-Projekte, Dienstleistungen oder Betriebsführung könnten Kräfte bündeln, ohne die Eigenständigkeit aufzugeben.
Das Modell der Stadtwerke SH zeigt beide Seiten. Die 19 Unternehmen sind rechtlich eigenständig geblieben; eine gemeinsame Gesellschaft übernimmt operative Aufgaben. Zugleich berichtet Reichelt von mehr als 70 Gremiensitzungen pro Jahr. Er wirbt dennoch für Zusammenarbeit auf Augenhöhe statt für die Übernahme kleiner Unternehmen durch große. Der Umbau verlangt allerdings auch kulturell viel: Hohe Fluktuation und Überlastung von Beschäftigten hätten die Transformation zeitweise erschwert.
Auch für Dietmar Graeber, Professor an der Technischen Hochschule Ulm, entscheidet nicht allein die Technologie über die Zukunftsfähigkeit der Stadtwerke. Er plädierte für eine offenere Unternehmenskultur mit weniger Hierarchien und mehr Raum für neue Ideen. Erst dadurch könnten Versorger die Chancen der Digitalisierung tatsächlich nutzen.
KI ist kein Ersatz für gute Prozesse
Welche Rolle kann künstliche Intelligenz dabei spielen? Petrovic sieht Potenzial bei Kundenanfragen, Beschwerden und Routinearbeiten. Entscheidend seien die Daten und die Schnittstellen: "Gibst du ihr falsche Daten, wird sie schneller falsch entscheiden als du", warnte er.
Garrels bezweifelt, dass ausgerechnet die Unternehmen mit den meisten KI-Piloten später am erfolgreichsten sein werden. Es brauche ein geeignetes Betriebsmodell, geschulte Beschäftigte und messbare Ergebnisse. Deeg setzt noch früher an: bei der Prozessanalyse. Ein schlecht organisierter manueller Ablauf werde durch Digitalisierung nicht automatisch besser. Zuerst müsse klar sein, wo sich Effizienz tatsächlich gewinnen lasse.
GY soll die Integration übernehmen
Wilken richtet auch sein Geschäft seit einiger Zeit neu aus. Schwärzel zufolge hat die Gruppe ihre Produktlinien in den letzten Jahren von 18 auf fünf reduziert und konzentriert sich auf zwei statt zuvor vier bis fünf Branchen sowie die Lösungsplattform GY.
Der Unterschied zu einer reinen Technologieplattform sei die Verantwortung für das Gesamtsystem. "Integration ist ein Produkt", betonte Schwärzel. Verbindungen zwischen Anwendungen sollen nicht bei jedem Stadtwerk neu gebaut, sondern standardisiert und dauerhaft betreut werden. Wilken beansprucht dabei die Verantwortung für durchgängige Prozesse, den Betrieb und die Sicherheit der Partnerlösungen. Wie das gelingt, zeigen laufende Projekte.
Vor einem unkontrollierten KI-Einsatz warnte Schwärzel ausdrücklich: Von Kunden selbst entwickelte Agenten mit schreibendem Zugriff auf Produktivdatenbanken könnten Datenqualität und Sicherheit gefährden.
Nähe bleibt ein Wettbewerbsvorteil
Bei aller Automatisierung bleibt die Kundenbeziehung weiter wichtig. Reichelt berichtete, dass die Stadtwerke SH wieder Kundenzentren eröffnen, nachdem frühere Standorte geschlossen worden waren. Gerade für Fragen zur Wärmeversorgung brauche es persönliche Beratung. Deeg setzt in Schwäbisch Hall auf einen gemeinsamen Service für alle Sparten: Vier getrennte Einheiten wurden zusammengeführt, damit Kunden ihre Anliegen möglichst beim ersten Kontakt erledigen können – persönlich oder digital.
Ob die Stadtwerke 2036 noch eigenständig sind, entscheidet sich damit nicht allein an ihrer Software. Reichelt brachte die Führungsaufgabe auf einen persönlichen Punkt: Er wolle seine Gestaltungsmacht in den kommenden anderthalb Jahren so weit verteilen, "dass ich nicht mehr gebraucht werde".