Der MVV-Konzern hat die Abrechnung seiner Netzgesellschaften von SAP IS-U auf die SaaS-Plattform "kVASy" des Anbieters SIV umgestellt. Mit der SE-Suite bietet Soluvia, der Shared-Service-Dienstleister des Konzerns, nun kleineren Stadtwerken eine Abrechnungsplattform an. Julia Schiller erklärt, warum sie darin eine Antwort auf Personalnot und Regulierung sieht.
Frau Schiller, warum hat der MVV-Konzern nicht einfach auf S/4HANA umgestellt?
Es ging nicht darum, unbedingt auf eine andere Lösung zu setzen. Wir haben verschiedene Varianten geprüft und geschaut, was für unseren Anwendungsfall wirtschaftlich und strategisch sinnvoll ist. Netzbetrieb ist stark standardisiert und hoch reguliert, dafür passte die Lösung der SIV AG. Sie deckt nach unserer Einschätzung ab, was große wie kleine Netzbetreiber brauchen. Wirtschaftlich hat es ebenfalls gepasst, und die EU-weite Ausschreibung folgte harten, vorab festgelegten Kriterien.
Warum gilt das nicht für den Vertrieb?
Im Vertrieb hatten wir andere strategische Voraussetzungen zum Zeitpunkt der Ausschreibung und deshalb setzen wir dort künftig weiterhin auf eine SAP-basierte Lösung.
Welche Rolle hat Soluvia in diesem Prozess gespielt?
Wir sind der zentrale Servicedienstleister des MVV-Konzerns und bedienen alle Prozesse für Lieferanten, Netzbetreiber und Messstellenbetreiber. Als wesentlicher Nutzer der Abrechnungsplattform mussten wir die Prozesse bewerten. Außerdem haben wir unsere Gesellschafter beraten.
Wie kam es zur SE-Suite?
Das Transformationsprojekt war erfolgreich: Die drei Netzgesellschaften sind pünktlich, mit der gewünschten Qualität und im vereinbarten Budget live gegangen, was bei IT-Projekten nicht selbstverständlich ist. Daraus entstand die Idee, eine skalierbare Plattform mit unserem Wissen über Business-Process-Outsourcing, also der Übernahme ganzer Geschäftsprozesse, zu verbinden. Das richtet sich vor allem an kleinere bis mittlere Stadtwerke.
Welche Änderungen bereiten kleinen Stadtwerken die größten Probleme?
Es passiert gerade sehr viel, etwa bei § 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) hinsichtlich des Steuerungsrollouts, beim MaBiS-Hub und bei der E-Rechnung. Diese Themen verlangen extremes Prozesswissen, das am Arbeitsmarkt kaum noch verfügbar ist. Ein Stadtwerk muss sich zugleich um die Energiewende und die Wärmewende kümmern.
Fehlen den Stadtwerken eher Personal oder Geld?
Beides. Es geht darum, die richtigen Leute dauerhaft zu binden, und die Renteneintritte kommen dazu. Außerdem ist neue Software teuer. Die strategische Frage lautet: Wo bündele ich meine Kapazitäten?
Viele Stadtwerke fürchten um ihre Autonomie. Was antworten Sie ihnen?
Kein Kunde muss alles nutzen. An den neuralgischen Punkten, an denen es um Differenzierung geht, sollten die Prozesse beim Stadtwerk bleiben. Was im Maschinenraum läuft und der Kunde nicht merkt, können wir dagegen gut übernehmen.
Was heißt das konkret für ein typisches Stadtwerk mit 30.000 Einwohnern?
Den First-Level-Kundensupport lassen wir beim Kunden, denn viele kleinere Häuser haben Ansprechpartner vor Ort. Massenabrechnung, Marktkommunikation im Hintergrund und Bilanzierung können wir zum Beispiel gut übernehmen.
Was raten Sie beim Messwesen?
Beim Messwesen muss man individuell abstimmen, wie viel abgegeben wird. Manche Häuser wollen die Technik behalten, andere sagen, sie bringe ihnen keinen Mehrwert. Ein Vorteil, den wir bieten: Wir können Hardware in ganz anderen Mengen beschaffen und so bessere Konditionen erreichen.
Wie lassen sich die Kostenvorteile beziffern?
Die erwarteten Kostenreduktionen sehen wir bereits. Eine Prozentzahl würde ich aber nicht nennen, das wäre unseriös, weil es auf jedes Haus und dessen Skalierbarkeit ankommt.
Wie viele Stadtwerke können Sie pro Jahr aufnehmen?
In unserer Planung nehmen wir jedes Jahr bis zu vier Stadtwerke auf das System. Das ist sportlich, aber mit unseren Ressourcen gut zu schaffen.
Was spricht für Standardlösungen aus der Cloud, und was ist die Schwierigkeit?
Standardlösungen bedeuten für Stadtwerke weniger Aufwand in den Folgeprozessen. Bei individualisierten SAP-Systemen muss hingegen bei jeder Formatanpassung alles durchgetestet werden, bei uns läuft sie meist einfach durch. Beim 24-Stunden-Lieferantenwechsel lief es zum Beispiel sehr entspannt. Standardlösungen bedeuten aber auch, dass individuelle Prozesse in den Häusern im Einzelfall an diesen Standard angepasst werden.
Netzbetreiber sind bei Themen wie variablen Netzentgelten unterschiedlich weit. Liegt das an der IT oder an Prioritäten?
Das hängt von den verfügbaren Ressourcen ab. In einem individuell angepassten System lässt sich das schwerer abbilden als in einer standardisierten SaaS-Lösung, in der gemeinsame Lösungen für alle Kunden entwickelt werden.
Wie wirkt sich der Parallelbetrieb alter und neuer Prozesse aus, etwa beim geplanten MaBiS-Hub?
Ein Parallelbetrieb ist essenziell, weil man in der Bilanzierung historische Daten braucht und keinen harten Schnitt ziehen kann. Das bedeutet einen extrem hohen Ressourcenaufwand. Zugleich erzwingt er aber eine bessere Datenqualität, was dem Markt guttut.
Die Bundesnetzagentur schaut inzwischen genauer hin.
Missbrauchsverfahren und Zwangsgeldandrohungen haben in den vergangenen ein, zwei Jahren spürbar zugenommen, vor allem bei neuen Prozessen wie den Einbauquoten intelligenter Messsysteme. Ein konsequentes Monitoring aller Marktkommunikationsprozesse wird daher immer wichtiger, ist aber für kleine Unternehmen oft nur schwer sicherzustellen.
Ihre Plattform ist zunächst für die Abrechnung gedacht. Wie breit ist Ihr Dienstleistungsgeschäft?
Die SE-Suite deckt Meter-to-Cash für alle Marktrollen ab. Außerdem betreuen wir als zertifizierter Gateway-Administrator bereits 150 andere Stadtwerke zusammen mit einem Partner.