Stadtwerke müssen klären, welche Abhängigkeiten sie eingehen, welche Anforderungen in Ausschreibungen gehören und welche Prozesse auch dann funktionieren müssen, wenn ein Anbieter ausfällt.

Stadtwerke müssen klären, welche Abhängigkeiten sie eingehen, welche Anforderungen in Ausschreibungen gehören und welche Prozesse auch dann funktionieren müssen, wenn ein Anbieter ausfällt.

Bild: © AndSus/AdobeStock

Es gibt IT-Probleme, die lassen sich vertagen. Andere legen binnen Stunden offen, wie verletzlich ein Stadtwerk ist: Die Abrechnung steht still, der Dienstleister reagiert nicht, ein angegriffenes System bleibt tagelang außer Betrieb. Dann geht es nicht mehr um politische Leitlinien, sondern um Marktkommunikation, Kundenservice und Netzprozesse. Vor allem stellt sich die Frage, wer im Ernstfall noch handeln kann.

Diese Frage lässt sich oft nicht eindeutig beantworten. IT-Landschaften sind über Jahre gewachsen, Fachverfahren eng mit Dienstleistern verzahnt, zentrale Prozesse von wenigen Anbietern abhängig. Zugleich werden On-Premise-Modelle bei vielen Anbietern durch Cloud-Angebote ergänzt oder schrittweise zurückgedrängt.

Ein neuer Rahmen für Cloud-Souveränität

Mit den im April 2026 veröffentlichten C3A-Kriterien des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) erhält die Debatte einen neuen Rahmen. Während der C5-Katalog die Informationssicherheit von Cloud-Diensten vergleichbar macht, ergänzt C3A diese Prüfung um die Frage, wie abhängig ein Kunde vom Anbieter bleibt und welche Wechsel- oder Eingriffsmöglichkeiten er besitzt.

Für Stadtwerke heißt das: Sie müssen klären, welche Abhängigkeiten sie eingehen, welche Anforderungen in Ausschreibungen gehören und welche Prozesse auch dann funktionieren müssen, wenn ein Anbieter ausfällt. Digitale Souveränität verlangt keinen vollständigen Eigenbetrieb. Entscheidend ist die Kontrolle über kritische Daten, Systeme, Prozesse und Dienstleister.

"Es geht zunächst darum, sich der Risiken bewusst zu werden und genau zu definieren, was Souveränität für die eigene Organisation bedeutet", erklärt Stefan Schnitter, Managing Partner bei der Management- und Technologieberatung Detecon und dort weltweit verantwortlich für Infrastruktur und Cloud-Transformation.

Er fasst die Anforderungen in drei Dimensionen zusammen: Daten-, Betriebs- und technische Souveränität. Stadtwerke müssen ihm zufolge wissen, wo ihre Daten liegen und wie sie diese zurückholen können, wer eine Lösung betreibt und darauf zugreifen darf. Ebenso wichtig sei die Frage, ob sich Technologie oder Anbieter wechseln lassen, ohne in einer kaum lösbaren Abhängigkeit festzustecken.

Abhängigkeiten entstehen nicht nur bei Hyperscalern

Viele kleine und mittlere Stadtwerke arbeiten mit spezialisierten Dienstleistern und haben ihre IT entlang konkreter Fachprozesse aufgebaut. Cloud-Dienste nutzen sie laut Schnitter bislang häufig für einfachere Anwendungen. Bei Abrechnung, Marktkommunikation oder Netzsteuerung ist ein Anbieterwechsel dagegen aufwendig, weil Datenmodelle, Schnittstellen und Betriebsprozesse eng miteinander verzahnt sind.

"Wenn man die große Zahl der deutschen Stadtwerke betrachtet, ist die Souveränitätsdiskussion dort deutlich weniger weit fortgeschritten als bei großen Energieunternehmen", ordnet Dennis Schiedat, Principal bei Detecon ein. Er berät Unternehmen der Energiebranche bei der digitalen Transformation. Ihm zufolge entstehen Abhängigkeiten nicht nur durch Hyperscaler, sondern ebenso durch Softwarehäuser, Rechenzentrumsdienstleister und spezialisierte Fachverfahren.

Doch was können Stadtwerke dagegen tun? "Ich würde mit Transparenz anfangen", so Schiedats Tipp. "Welche Dienste nutze ich? Welche davon sind geschäftskritisch? Wo liegen sie? Welche Abhängigkeiten habe ich? Was passiert, wenn etwas ausfällt?"

Wenn das ERP-System nicht mehr läuft

Bei energiewirtschaftlichen Kernsystemen stößt diese Bestandsaufnahme schnell an praktische Grenzen. Ein ERP-System lässt sich nicht kurzfristig durch ein zweites ersetzen. Auch Marktkommunikation, Abrechnung oder Netzprozesse können ohne Vorbereitung nicht manuell fortgeführt werden. Umso wichtiger sind belastbare Notfall- und Wiederanlaufkonzepte.

Schiedat spricht von einem "Horrorszenario", wenn ein zentraler Anbieter für energiewirtschaftliche Kernprozesse ausfällt. "Man muss nicht alles redundant betreiben, aber die kritischen Prozesse – Kommunikation, Abrechnung, Netzmanagement – müssen funktionieren."

Technische Backups allein reichen ihm zufolge nicht aus. Unternehmen müssen auch Ersatzprozesse und die Wiederherstellung ihrer Systeme testen. Bei Stadtwerken ist diese Praxis nicht überall etabliert. "Viele Unternehmen haben zwar eine Exit-Strategie auf dem Papier, könnten sie aber praktisch nicht umsetzen", erläutert Schnitter.

Nach Schiedats Erfahrung verfügen Unternehmen zwar häufig über Datensicherungen, testen die Wiederherstellung aber nicht ausreichend. Er verweist auf ein Stadtwerk, das nach einem Angriff zentrale Prozesse mehrere Wochen manuell ausführen musste, während eine Ersatzlösung vorbereitet wurde.

Souveränität beginnt in der Ausschreibung

Für neue Projekte empfehlen die Berater, Souveränitätsanforderungen von Beginn an festzulegen. Nicht jede Anwendung braucht dasselbe Schutzniveau: Ein Kollaborationstool ist anders zu bewerten als ein System für Messdaten, Marktkommunikation oder Netzsteuerung.

Ausschreibungen sollten deshalb Speicherort, Betriebsverantwortung, Unterauftragnehmer, Zugriffsrechte, Exportmöglichkeiten und ein belastbares Exit-Szenario regeln. "Der erste Schritt ist, Souveränitätsanforderungen in den Kriterienkatalog für neue Projekte aufzunehmen", empfiehlt Schnitter.

Auch Fachbereiche, Einkauf und Geschäftsführung müssen festlegen, welche Systeme geschäftskritisch sind und welche Ausweichmöglichkeiten im Ernstfall bestehen.

Kleinere Stadtwerke brauchen Kooperationen

Für kleinere Stadtwerke wird diese Aufgabe kaum allein zu bewältigen sein. Schiedat hält Kooperationen deshalb für zentral. Stadtwerke müssten gemeinsame Dienste nutzen, Standards entwickeln und sich gegenüber großen Anbietern gemeinsam positionieren.

Gemeinsame technische Blaupausen, Sicherheitsstandards und bewährte Verfahren können Komplexität und Kosten senken. Sie verschaffen kleineren Häusern zudem Zugang zu Lösungen, die sie allein kaum aufbauen könnten.

Die C3A-Kriterien liefern dafür einen Bewertungsrahmen. Mehr Souveränität entsteht jedoch erst in Verträgen, Architekturen, Backups und Notfallprozessen. Entscheidend ist, ob ein Exit-Szenario auch dann trägt, wenn es tatsächlich gebraucht wird.

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