Technologische Innovation fürs Bayernwerk: Vorstandsvoristzender Reimund Gotzel und Technikvorstand Egon Westphal stellen den intelligenten Ortsnetztransformator bei der Präsentation Ihres Unternehmenskonzepts vor.

Technologische Innovation fürs Bayernwerk: Vorstandsvoristzender Reimund Gotzel und Technikvorstand Egon Westphal stellen den intelligenten Ortsnetztransformator bei der Präsentation Ihres Unternehmenskonzepts vor.

Bild: © Uwe Moosburger/ Bayernwerk AG

Beim Bayernwerk hat sich einiges verändert. Das zeigt sich gleich beim Betreten der Firmenzentrale. Dort erwartet Besucher und Mitarbeiter eine schmucke Kaffeebar mit eigenem Barista, der jeden Kaffee selbst zubreitet, und vielen Leckereien. Das "Bayesso" lädt zum Netzwerken ein. Auch die Pressekonferenz findet in der Eingangshalle statt.

"Wir haben uns auf eine Reise begeben, die bei uns selbst anfing", eröffnet Bayernwerk-Vorstandsvorsitzender Reimund Gotzel die Konferenz zur regionalen Energiezukunft Bayerns. Dabei habe man jahrzehntelang antrainierte Verhaltensweisen hinterfragt, neue Perspektiven gesucht – vor allem die der Kunden – und gelernt, schneller auf Veränderungen zu reagieren. Denn, so gibt er zu, der Anfang des Ausbaus erneuerbarer Energien "hat uns überrant". Inzwischen sei man vom Getriebenen aber zum Treiber geworden. Motor für Veränderungen sind aber nicht die Technologien, so Gotzel, sondern vielmehr die Menschen, deren neue Lebensweisen neue Technik erfodern.

"In der Fläche ist der größte Wandel"

Die Menschen wünschen sich ihm zufolge Klimaschutz, Vertrauen, regionale Wertschöpfung, aktive Teilhabe und eine sichere Stromversorgung. Der Flächennetzbetreiber hat dazu einige Projekte angekurbelt. Denn: in der Fläche sehe man den größten Wandel im System, dort entstehe die neue Energiewelt, unterstreicht Gotzel.

Welche Projekte das Bayernwerk auf die Beine gestellt hat, präsentierte der Technische Vorstand Egon Westphal: Derzeit steuert und integriert das Bayernwerk nahezu 300 000 dezentrale Einspeiseanlagen. Und der Zubau geht weiter: 700 Megawatt zum Anschluss ans Netz wurden allein 2019 bei der Eon-Netztochter angefragt.

Hohe Dynamik bei Speichersystemen

Einen Boom erleben auch Speichersysteme, inzwischen sind rund 12.000 Stück in das Bayernwerk-Netz eingebunden, davon kamen 4500 vergangenes Jahr hinzu. Beim Smart-Metering habe man bislang 100.000 moderne Messeinrichtungen (Zähler ohne Gateways) verbaut. Bis Ende 2020 sollen es weitere 100.000 werden, bis 2032 rund 1,9 Mio. Geräte.

Intelligente Ortsnetzstationen: Eine Klasse besser

In Kürze wird ein Rollout intelligenter Ortsnetzstationen, sogenannte iONS, starten. Einen davon präsentierte der Verteilnetzbetreiber in seiner Firmenzentrale. In diesem Jahr wolle man noch 500 dieser tonnenschweren Anlagen verbauen, im nächsten Jahr 1000 "und insgesamt bringen wir 6000 Stück ins Bayernwerk-Netz", verdeutlicht Westphal. Mit den Anlagen lasse sich die Spannung selbständig regeln und so könne man gezielter auf Einspeisung und Last reagieren.

Bisher sei das Steuern von Stromfluss und Spannnung nur am Anfang einer Leitung möglich gewesen, an dem meist ein Umspannwerk stehe. Im weiteren Leitungsverlauf sei dies physikalisch unmöglich gewesen, das habe sich jetzt mit der iONS geändert. Die Netzleitstelle könne in kürzester Zeit Störungen auf einzelnen Leitungsabschnitten eingrenzen und beheben. Vom Prinzip sei die intelligente Version vergleichbar mit regelbaren Ortsnetzstationen (Ront), sie könne aber weitaus mehr Daten verarbeiten und wären noch eine Klasse besser, so Bayernwerk-Chef Gotzel.

Partnerschaft mit Audi

Bei der E-Mobilität geht sein Unternehmen von einem bald einsetzenden Boom aus. "Unsere Aufgabe ist dabei nicht nur, bei Ladeinfrastruktur Angebote zu machen. Zuallererst müssen wir das Zusammenspiel zwischen den Ladevorgängen der E-Fahrzeuge und dem Stromnetz managen", sagt Technikvorstand Westphal. Mit Audi sei man daher eine Partnerschaft im Rahmen des Projekts "Merge" eingegangen: Mit 20 E-Trons soll ein intensiver Feldversuch starten. Ziel sei es, die Mobilitätswünsche der Fahrer mit den Anforderungen des Netzes durch intelligentes Lastmanagement zusammenzuführen.

E-Mobilität: Allein für Netze 1,9 Mrd. Euro Investitionen

Der Netzbetreiber will außerdem bis 2045 sein gesamtes Netzgebiet für 100 Prozent E-Mobilität bereit machen. Eine Studie habe bereits die Machbarkeit belegt. So könnten die rund drei Millionen konventionellen Pkw, die im Bayernwerk-Netzgebiet gemeldet sind, allesamt rein elektrisch fahren. Billig wird das nicht: Man rechne für die Mittel- und NIederspannungsnetze mit einem Investitionsbedarf von rund 1,9 Mrd. Euro.

Sich selbst hat man ebenfalls ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2025 soll der gesamte Pkw-Fuhrpark von 1300 Fahrzeugen rein elektrisch fahren. Um den eigenen Betrieb und neue Kundenlösungen zu entwickeln habe man außerdem unter dem Namen "NEXT" eine Digitalisierungsoffensive gestartet.

Digitalisierung im eigenen Unternehmen

Dazu gehört auch eine Partnerschaft mit IBM: Mit sogenannten Wearables, also Sensoren zum Tragen, lassen sich für die Mitarbeiter gefährliche Spannungen erkennen, wenn sie allein im Feld arbeiten. Mit der App SwitchON können bei der Inbetriebnahme von Schaltanlagen per Künstlicher Intelligenz und Augmented Reality mobile Daten ersterfasst werden.

Weitere Partner bei anderen Projekten sind Microsoft und Google. Etwa bei Predictive Maintenance, also der Auswertung von großen Datenmengen, um mögliche Fehler im Stromnetz rechtzeitig vorherzusagen.

Wie es weiter geht – das Konzept für Bayerns Energiezukunft:

Entwicklungen sehe man vor allem in drei Gebieten: im ländlichen Raum, wo sich künftig weitgehend selbständige Energiezellen entwickeln. Noch sei das System lokaler Märkte, wo wie im Hofladen heimische Produkte aus der hiesigen Erzeugung angeboten werden, Zukunftsmusik. Doch erste Weichen seien bereits gestellt: Das Bayernwerk hat hierzu derzeit drei lokale Strommärkte im Betrieb. In Abensberg, dem Landkreis Bamberg, sowie Furth und Altdorf gemeinsam können Haushalte regionalen Strom über einen Ökotarif beziehen. Das Angebot komme gut an, erklärte Gotzel, schon bei weit über 300 Kunden haben man das Interesse geweckt.

Künftig werden sich kleine und mittlere Kommunen dadurch auszeichnen, dass sie ihren Energiebedarf aus regenerativer Erzeugung nahezu selbst decken können. Messen können sie das auch mit dem Energiemonitor, ein Tool, das quellenscharf die aktuelle Erzeugung dem aktuellen Verbrauch gegenüberstellen soll.

Areallösungen in den Städten

In den großen Städten sehe man hingegen die Tendenz zu so genannten Areallösungen, um Arbeit, Wohnen und Leben möglichst effizient zusammenzubringen. Hier würden zwar die Gene lokaler Märkte stecken, allerdings fehlen hier im Vergleich zu ländlicheren Strukturen der Platz für die Ökostromanlagen. Als Beispiel nennt Gotzel das Münchner Werksviertel, wo das Bayernwerk die Versorgung mit Strom, Wärme, Abwärme und Kälte kombiniert.

Und Drittens: Aus diesen lokalen Konstrukten lasse sich der Energiebedarf der bayerischen Industrie nicht decken. "Das kann man nicht vermengen!", betont Gotzel. Leistungsfähige, regionale und überregionale Verteilnetze müssen das Rückgrat der Energieversorgung bleiben. Damit wandere man netztechnisch in zwei Welten: lokale, vernetzte Energiekreisläufe in den Regionen, starke Verteilnetze für industrielle Versorgung und größere Städte.

Ohnehin: Trotz aller technologischen Entwicklungen bleibe Netzbau, Instandhaltung und Erneuerung unverzichtbar: "Rund 600 Millionen Euro wenden wir dafür in diesem Jahr auf", so Technikvorstand Westphal. (sg)

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