Herr Schönberg, Glückwunsch zum ersten in Deutschland zertifizierten Smart-Meter-Gateway! Sind Sie erleichtert, dass es jetzt endlich geschafft ist – und vorerst keine Fragen nach der Zertifizierung mehr kommen?
Vielen Dank. Wir freuen uns in der Tat sehr über den Abschluss des Zertifizierungsverfahrens und es ist ein wichtiges Signal an den Markt. Damit wurde nun auch die Frage beantwortet, ob zertifizierte Lösungen für komplexe Aufgaben machbar sind. Allerdings ist es nur der erste Meilenstein auf dem Weg zur Digitalisierung der Energiewende. Besonders freuen wir uns, dass der flächendeckende Rollout intelligenter Messsysteme nun mit den ersten Installationen bereits 2018 begonnen wurde und 2019 skalieren wird.
Fünf Jahre hat der Zertifizierungsprozess gedauert, erwartet wurden die ersten Zertifikate eigentlich schon 2017. Hätten Sie damals gedacht, dass es so lange dauern könnte?
Das Zertifizierungsverfahren für die vorgesehenen Anwendungen war für alle Beteiligten Neuland. Die Komplexität und iterative Lernprozesse mit dem BSI und der Branche führten zu einem deutlich höheren zeitlichen Aufwand. Rückblickend war es ein sehr umfangreicher und komplexer Prozess mit vielen Abstimmungsschleifen, den wir mit unserem Entwicklungspartner Open-Limit erfolgreich gemeistert haben. In der finalen Phase mussten dann unter anderem etwa 4000 Testfälle und umfangreiche Penetrationstests erfolgreich bestanden werden. In den letzten Jahren haben wir uns mit unseren Kunden und Partnern intensiv auf den Rollout vorbereitet. Gemeinsam mit Zählerherstellern, Backend-Systemherstellern, Messstellenbetreibern sowie Partnern aus dem CLS-Bereich haben wir ein sehr hohes Maß an Interoperabilität im iMSys hergestellt. So haben im Rahmen des sogenannten in-vivo-Tests in den letzten Wochen acht Hersteller von GWA-Softwaresystemen umfängliche Prüfungen erfolgreich absolviert und wurden damit als zugelassene Systeme in unsere Baumusterprüfbescheinigung aufgenommen.
Gerade im Bereich Submetering und smarter Dienste rund um die Immobilie erwarten wir jetzt eine rasante Marktentwicklung. Das Henne-Ei-Problem für Anwendungen ist ja nun gelöst. In den vergangenen Monaten hat uns neben dem Verfahrensabschluss vor allem die sichere Auslieferung der Smart Meter Gateways beschäftigt. Hierfür einen effizienten und gleichzeitig den Anforderungen genügenden Prozess auf die Beine zu stellen war gewiss eine Herausforderung.
Zwar braucht man für den offiziellen Rollout intelligenter Messsysteme drei zertifizierte Gateways, freiwillig starten kann man aber auch mit einem zertifiziertem. Gibt es hier schon Pläne der Messstellenbetreiber gleich mit einem Ihrer intelligenten Messsysteme an den Start zu gehen?
Ja. Viele unserer Kunden warten nur darauf, als wettbewerblicher Messstellenbetreiber – MSB – durchstarten zu können oder als grundzuständiger MSB in die Anlaufphase einzusteigen. Die prominentesten Beispiele sind wohl Eon und EnBW, die bereits die ersten zertifizierten Gateways im Feld installiert haben. Darüber hinaus liegen uns von den meisten Messstellenbetreibern bereits Bestellungen für den Start vor.
Der BNE hat unlängst das Zertifizierungsverfahren kritisiert. Genauer gesagt, dass das BSI den Zählerherstellern entgegenkomme und auf einen von vier Tarifanwendungsfällen verzichte, was dazu führe, dass die digitalen Geräte weniger als ihre analogen Vorgänger können…
…Ich muss an dieser Stelle widersprechen und war sehr überrascht, dass der BNE gerade bei der Sicherheit massive Abstriche zulassen will. Das gemeinsame Ziel von BSI und SMGW-Herstellern ist es, bei der Sicherheit ein einheitlich hohes Niveau zu bieten und darüber hinaus Wettbewerb im Markt zu ermöglichen. Genau diesem Ziel folgen die Geräteprofile, die zunächst die Einhaltung einheitlich hoher Sicherheitsstandards voraussetzen und beim Funktionsumfang zusätzlich einen Mindeststandard vorsehen. Auf dieser Basis können Hersteller im Wettbewerb attraktive Lösungen anbieten und in einem Reifegradprozess den Funktionsumfang weiterentwickeln. Gleichzeitig wird durch die CC-Zertifizierung von Anfang an ein sehr hoher Sicherheitsstandard geboten. Smart Meter Gateways von PPC weisen einen großen Funktionsumfang auf, der über Basisanforderungen hinaus geht. So werden über die Mindestanforderungen von TAF1, 6 und 7 hinaus von uns auch der Tarifanwendungsfall 2 und mehrere CLS-Kommunikationsszenarien abgedeckt. Doch selbst wenn ein Hersteller TAF2 – die Zeitvariablen Tarife – nicht umsetzt, könnte der Kundennutzen beispielsweise über den obligatorischen TAF7, also der Zählerstandgangmessung, abgebildet werden. Dabei wird nach der Zählerstandsgangmessung im Backend-System ein zeitvariabler Tarif gebildet. Die Tarifierung kann dann über die Transparenzfunktion von TRuDI eichrechtlich konform nachgerechnet werden. Der Kunde kann das Ergebnis der Rechenoperation bei Bedarf mit dem Wert auf seiner Rechnung abgleichen. Ein Mindeststandard für die G1-Gateways schränkt den Nutzen des intelligenten Messsystems also nicht ein, sondern wird diesen vielmehr sogar schneller vorantreiben, da sich nach der Markterklärung ja gerade im Wettbewerb der Hersteller zusätzliche Dienstleistungen und Funktionen besonders schnell entwickeln werden.
Die Verbraucherzentrale NRW sieht wie der BNE die Reduzierung der Technischen Richtlinie im Zertifizierungsprozess kritisch. Zudem fordert sie, die abgespeckten Gateways auch preislich anzupassen.
Mit den Verbraucherschützern haben wir sicher Konsens, dass das hohe Datenschutz- und Sicherheitsniveau der SMGWs vorbildlich und notwendig ist. Neben den daraus resultierenden Anforderungen an Hardware und Software wurden bereits sehr viele Interoperabilitätsanforderungen mit GWA-Systemen umgesetzt. Auch bei den Anwendungen ist im Bereich TAF und CLS ist ein Großteil bereits verfügbar. PPCs SMGW zum Beispiel deckt zeitvariable Tarife TAF2 und CLS-Fälle bereits ab. Ich würde mir generell eine etwas differenziertere Diskussion und weniger Polemik wünschen, dafür ist das Thema Digitalisierung und Sicherheit zu wichtig für die Energiewende. Dass etwa „die vorhandene Zählerinfrastruktur mehr bietet“, würde ja bedeuten, alle heutigen Haushaltszähler können einen Lastgang liefern, bieten Datenvisualisierung in Portalen und weisen eine universell nutzbare CLS-Schnittstelle auf. Auch die Aussage, dass mit SMGWs der Generation 1 „Mehrwertdienste auf Jahre nicht umsetzbar“ seien, wurde in diesem Jahr in vielen Pilotprojekten widerlegt und Marktankündigungen sprechen eine andere Sprache. Mit der bald verfügbaren Disaggregation und KI-Nutzung werden die SMGW künftig sogar weit mehr als in der Kosten-Nutzen-Analyse vorhergesagt für Endkunden leisten. Ähnliches gilt für die genannten diversen neuen Dienste und Optionen zur Kostenreduktion im Submetering.
Liebe Verbraucherschützer, geben Sie dem Thema etwas Zeit. Die Praxis zeigt: „erst die Smartphones dann die Apps“. Die kritisierte Mindestanforderung des BSI ist ja nur ein Mindestumfang für Features, bei der Sicherheit dagegen gibt es keine Abstriche. Im Wettbewerb werden sich dann schnell Mehrwerte bilden. Mit den gestaffelten Einbaufällen und der mengenabhängigen Preisobergrenze wurde hierfür doch ein gangbarer Weg gefunden. Die Basiskosten für einen modernen Stromzähler (mME) liegen bei 20 Euro. Für typische Privathaushalte werden die Mehrkosten für das iMSys zwischen drei und 40 Euro liegen, also deutlich unter den kolportieren 100 Euro.
Sehen Sie das auch so, dass die hohen Sicherheitsanforderungen den Rollout lähmen? Der BNE wirbt damit, dass die Messsysteme seiner Mitglieder mehr Funktionen mitbringen, als die nicht BSI-zertifizierten und diese genauso sicher seien.
Nein, das ist nicht nur falsch, sondern ich sehe die dahinterliegende Forderung auch sehr kritisch. Bei der BSI-Zertifizierung geht es nicht nur um die Funktion der Zählerdatenerfassung/Tarifierung sondern insbesondere auch um den Einsatz zur Steuerung von Energiewendetechnologien und als Plattform für sicherheitsrelevante Anwendungen bei Endkunden. Die Notwendigkeit für eine erfolgreiche Energiewende und Sektorkopplung steuernd einzugreifen und hierfür den bei einer kritischen Infrastruktur gebotenen Sicherheitsstandard einzuhalten steht meiner Meinung nach außer Frage. Nur so können Manipulationsversuche ausgeschlossen werden. Die CC-Zertifizierung des BSI sorgt dafür, dass alle Smart Meter Gateways unterschiedlicher Hersteller denselben hohen Sicherheitsstandard einhalten. Mit der transparenten CLS-Schnittstelle bietet das SMGW zudem eine hochflexible Schnittstelle für Dienste, die von Anfang an genutzt werden kann. Diverse Innovationen in den letzten zwölf Monaten belegen diese Möglichkeiten eindrucksvoll. Auch Angebote wie wie Disaggregation, Submetering und AAL werden bereits getestet. Natürlich wird es immer Unternehmen auch beim BNE geben, die bei Innovationen die Sicherheitsstandards nicht einhalten können und wollen… das nennt man technologischen Wettbewerb.
In der Kritik steht auch, dass die aktuellen Geräte der Generation 1 nur ein sehr begrenztes Spektrum an Anforderungen erfüllen. Die Steuerfunktion von EE-Anlagen etwa entfällt. Lohnt es sich hier die aktuellen Geräte schon zu verbauen?
Das Smart Meter Gateway der ersten Generation hat bereits einen sehr breiten Funktionsumfang und deckt viele Anwendungsfälle ab. Neben diversen Tarifierungsoptionen, kryptografischen Funktionen sowie WAN-, LMN- und HAN-Kommunikationsszenarios, ermöglicht das G1-SMGW auch CLS-Anwendungen (HKS 3-5). So haben wir unser SMGW bereits seit 2017 erfolgreich an Steuerboxen verschiedener Hersteller angebunden und diverse energienahe und energieferne CLS-Anwendungen umgesetzt. Sicher gibt es im Gesamtsystem der Steuerung auch und gerade im Backend noch To-Dos, die 2019 abgearbeitet werden müssen. Weitere TAFs und Features werden zudem sukzessive durch Software-Upgrades folgen. Dabei gibt es keinen Sprung von G1 auf G2, sondern einen iterativen Upgrade-Prozess. So können die heutigen SMGWs schon sternförmig kommunizieren, was für CLS-Anwendungen bereits genutzt wird. Nur bei Messdaten aus dem Tarifierungsbereich wird in der MaKo2020 noch über den MSB an Marktteilnehmer kommuniziert. Auch ist bereits ein hohes Maß an Interoperabilität gegeben, was unter anderem durch die acht GWA-Softwarehersteller in unserer Baumusterprüfbescheinigung dokumentiert ist. Im Bereich Zähler und IKT-Anbindung ist dies ohnehin gegeben. Die jetzt verbauten SMGWs werden sukzessive durch Software-Upgrades in Richtung Zielmodell und G2 weiterentwickelt, das ist ein Reifgradprozess der auch im Bereich Backendsysteme in den nächsten Jahren vollzogen wird. Das schränkt aber die Nutzung der Systeme keineswegs ein und die Entwicklung erfolgt auch ohne den immer wieder kolportierten zwingenden Austausch der SMGW-Hardware. Vielmehr geht es hier um fortschreitende Standardisierung und sukzessive Erweiterungen des Gesamt-Systems zur Umsetzung der Energiewende im Sinne der avisierten BMWi Roadmap.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
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