Der Rollout intelligenter Messsysteme läuft an, doch es muss schneller gehen. Zu diesem Ergebnis kommen die Teilnehmer des FNN Fachkongresses ZMP (Zählen Messen Prüfen) 2021 am ersten Veranstaltungstag.
Besonderes Ärgernis nach wie vor: Völlig überraschend wurde der entwickelte Rechtsrahmen zu den steuerbaren Verbrauchseinrichtungen nach zwei Jahren Konsultation Ende 2020 zurückgezogen.
Rollout beschleunigen
"Wir sind auf dem Weg in die All-Electric-Society", sagt PPC-Chef Ingo Schönberg, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender beim VDE FNN ist. Der Strombedarf wird steigen. Doch um die Flexibilitätspotenziale im Bereich Erneuerbare Energien nutzen zu können, sei die Digitalisierung zwingend notwendig. Zu diesem System der Zukunft, gehört auch der Endkunde. "Ohne mitmachenden Energiekunden wird die Energiewende nicht gelingen", so Schönbergs Appell.
Die aktuelle Geschwindigkeit beim Ausbau intelligenter Messsysteme sieht der PPC-Chef skeptisch. So seien die im Eckpunktepapier des Bundeswirtschaftsministeriums prognostizierten 15 Millionen Einbaufälle bis 2030 doppelt so viel wie zuvor. "Wir müssen hier unsere Geschwindigkeit im Vergleich zu heute verzehnfachen", verdeutlicht Schönberg.
Flexible Lasten steuern
Die aktuelle Zurückhaltung beim Einbau der Messsysteme sei ohnehin nicht nachvollziehbar. Zwar sei in den ersten drei Jahren die Installation von nur zehn Prozent der intelligenten Messsysteme zwingend, das heißt aber auch, die weiteren 90 Prozent müssen in den folgenden fünf Jahren umgesetzt sein.
Auf die wichtige Rolle der flexiblen Lasten als Gegenpol zu den fluktierenden erneuerbaren Energien wies Wolfang Zander hin. Der Gründer und Generalbevollmächtigte des BET Büro für Energiewirtschaft und technische Planung verdeutlichte: Die Anreize für die Flexiblität müssten aus dem Markt kommen, "wir müssen dafür sorgen, dass flexible Lasten am Markt teilnehmen können". Voraussetzung dafür sei die Steuerbarkeit. Dann laufen die Geschäftsmodelle von selbst. Wichtig sei aber, dass die Prozesse durchgängig automatisiert und die Technik durchgängig vorhanden sind. "Dann haben die Leute Spaß daran"
Dialog zur Spitzenglättung muss weitergehen
Einig waren sich die Vertreter der Energiebranche, dass die Spitzenglättung nötig sei. "Das Netz kurzfristig auf singuläre, kurzzeitige Spitzenergebnisse auszubauen, ist volkswirtschaftlich Blödsinn", bekräftigte Joachim Kabs, Vorstandsvorsitzender des VDE FNN und Mitglied der Geschäftsführung Bayernwerk Netz.
Wesentlich mehr Sinn ergebe es, Engpässe zu "bewirtschaften" und zu beseitigen. Dass das Spitzenmodell abgeräumt wurde, sei ein Desaster, so Schönberg. "Die Automobilindustrie muss sich fragen, ob das der richtige Weg war." Von den Vetretern der Automobilbranche hingegen gab es durchaus Entgegenkommen.
So erkärte Gunnar Steg, Manager Standards and Regulation bei Elli - Volkwagen Group Charging GmbH, dass es wichtig sei, den Ende 2020 ausgesetzten Dialog wieder weiterzuführen. "Wir können es uns nicht erlauben, das muss weitergehen, unabhängig davon, was Seitens des Wirtschaftsministeriums entschieden wurde."
Spitzenglättung: Wo es noch hakt
Man plädiere keineswegs für die Kupferplatte, aber es müsse auch sichergestellt sein, dass der Kunde mit der Lösung keine Komforteinbußen habe. E-Fahrzeuge seien auch nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance – nicht nur beim Stromnetz. So würden die Stromer eine ansehliche Menge an Speicherkapazität bieten, "wenn dieses System konsequent zur Realität gebracht wird", betont Xaver Pfab, Projektleiter Netzintegration Elektromobilität bei der BMW Group AG. Auch er plädierte für einen zukunftsweisenden regulatorischen Rahmen, nicht nur für Deutschland, sondern in der ganzen EU.
Peter Heuell, Geschäftsführer von EMH Metering, der bei den damaligen Gesprächen zur Spitzenglättung dabei war, erklärte, dass die Diskussion bei der ZMP eine ganz andere sei als im Bundeswirtschaftsministerium. Es sei damals nur um einen einzigen Punkt gegangen. Und zwar: "was mache ich mit der Person, die abends um 16 Uhr nach Hause kommt und laden will?", so Heuell. Das sei der einzige Punkt gewesen. "Warum können wir nicht ein priorisiertes Laden schaffen?", fragt der EMH-Metering-Chef. Bevor das Netz zusammenbricht, muss gesteuert werden. Der einzige Punkt, den ich verstehen kann, wie gehe ich damit um, wenn ich mit dem Auto fahren will und es nicht kann."
Pfab erklärte daraufhin, dass er den großen Graben ebenfalls nicht sehe. Der Dialog, der im Dezember abgerissen sei, diesen wieder aufzunehmen, "das ist Aufgabe des Bundeswirtschaftsministeriums. Wir hätten es befürwortet, wenn es konsequent weitergegangen wäre."
Steuerbares Verbrauchsgesetz auf nächste Legislaturperiode verschoben
Heike Kerber, Geschäftsführerin des VDE, wies in einem Vortrag darauf hin, dass bei dem steuerbare Verbrauchseinrichtungsgesetz wohl gewisse Einheiten nicht verstanden worden seien. Man müsse wohl in Zukunft für diese Zielgruppe die eigenen Argumente besser aufbereiten. Die Spitzenglättung sei für den schnellen Hochlauf der Elektromobiität eminent wichtig. Es gehe hier darum, dass Kunden ihre Ladesäulen installieren und ihren Netzbetreiber informieren, damit dieser die maximale Leistung bei einem Engpass drosseln könne. Bei der Politik sei indes angekommen: "Die werden abgeschaltet und können gar nicht laden".
"Das zeigt uns auch, dass der Gesamtzusammenhang nicht angekommen ist", so Kerber. Das steuerbare Verbrauchsgesetz ist auf die nächste Legislaturperiode verschoben worden, gibt Kerber weitere Einblicke. "Wir werden daran arbeiten, dass es mit den richtigen Prioritäten und dem richtigen Fokus weiterkommt und den Hochlauf der Elektromobilität sicherstellt."
Kunden motivieren
Als zweiten Baustein bei der Digitalisierung der Energiewende nennt Kerber, dass diese zum Kunden gebracht werden müsse. Das Thema Flexibilisierung muss in der Breite ankommen – nur dann sei Erfolg möglich. Kunden müssten motiviert werden, freiwillig an der Digitalisierung teilzunehmen. "Das muss der nächste heiße Scheiß werden", verdeutlichte Kerber.
"Wir müssen Akzeptanz und Begeisterung schaffen. Man hat bisher den Fokus auf die Pflichten gelegt, von Begeisterung habe ich eher nichts gelesen." Und weiter: es sei wichtig, das Big Picture verständlich zu machen, nämlich was der konkrete Kundennutzen sei und die Rolle für den Klimaschutz in den Vordergrund rücken.
BMWi bekräftigt Rolle von Smart-Meter-Gateway
Begeisterung brachte Beatrix Brodkorb mit. Die Leiterin Unterabteilung IIIC-Netze beim Bundeswirtschaftsministerium freute sich, man sei jetzt in der Umsetzungsphase und habe die Findungsphase bei der Digitalisierung der Energiewende verlassen. Wichtige Voraussetzungen wie der Zuschlag der 450 MHz-Funkfrequenz für die Energiewirtschaft wurden in die Wege geleitet.
"Das Smart-Meter-Gateway ist die zentrale Plattform für uns. Da ist zwar nicht jeder unserer Meinung, aber die Bundesregierung und das Bundeswirtschaftsministerium stehen fest dahinter", verdeutlichte Brodkorb. Gute Nachrichten konnte Brodkorb auch zum OVG-Eilbeschluss überbringen: Zwar habe dieser die Branche verunsichert, aber nun habe man das Verfahren optimiert und gute Lösungen gefunden.
OVG-Eilbeschluss: Änderungen sollen Sicherheit bringen
Vor allem habe man in Zusamenarbeit mit dem FNN innerhalb kürzester Zeit die notwendigen Schlussfolgerungen und Vorschläge entwickelt, um den Vorgang zu beschleunigen. Am Dienstag haben die Anpassungen laut Brodkorb den Wirtschaftsausschuss durchlaufen ohne Änderungen – nicht einmal ein Komma sei geändert worden, erklärte Brodkorb. "Wir hoffen jetzt, dass es in der zweiten Lesung des Bundestags am Donnerstag durchkommt und damit die Verunsicherungen aus dem OVG-Eilbeschluss nicht mehr weiterbestehen".
Brodkorb erläuterte auch, dass es inzwischen Stufenmodell 2.0 gebe, das sich damit beschäftigt, wie das Smart-Meter-Gateway weiterentwickelt wird. "Wir warten nicht bis die Gateways und die Infrastruktur alles kann, sondern wir gehen immer Schrittweise vor", so Brodkorb. Das Bundeswirtschaftsmistnisterium sei fest vom Stufenmodell überzeugt. Aktuell könnten die Verbände das Dokument kommentieren. "Wir hoffen, dass da noch viel Input kommt."
Innovationen vorantreiben
Wichtig sei es auf jeden Fall, die Bürger bei der Digitalisierung der Energiewende mitzunehmen. "Ich bleibe optimistisch", so Brodkorb, auch den Netzbetreibern bleibe nichts übrig, als eine gute Portion Optimismus mitzubringen. Für die nächste ZMP wünschte sich die BMWi-Frau, dass dann das Motto lautet "Die Digitalisierung brummt".
Zuvor hatte sich schon Kabs mehr Innovationen gewünscht. "Wir haben einen Rollout mit bedeutsamer Technologie, aber die Randbedingungen sind uns nicht immer sehr wohlgesonnen, dafür brauchen wir ein attraktives Umfeld für Hersteller und Netzbetreiber, aber auch für andere Teilnehmer", so Kabs.
Auch Heuell von EMH Metering sprach das Thema Finanzierbarkeit an. Vor allem für den grundzuständigen Messstellenbetreiber müsse Wirtschaftlichkeit gegeben sein. Der Nutzen müsse auf viele Parteien aufgeteilt werden.
Rezertifizierung von Theben nächste Woche
Gute Nachrichten gab es derweil von Theben: Ruwen Konzelmann, Head of Business Unit Smart Energy bei der Theben AG, erklärte, man erwarte die Rezertifizierung des Gateways für die TAF 9,10 und 14 schon nächste Woche. Er schränkt aber auch ein, das die sichere Lieferkette komplex sei. "SiLKE hat uns mehr Kraft gekostet, als wir es ursprünglich geplant haben." Es sei daher nötig, solche Prozesse zu vereinfachen.
Ebenso bleibe Interoperabilität ein Dauerthema. Insgesamt sei zu viel noch "Handarbeit" statt Massenprozess. Aber vieles gehe auch schon. Etwa die Steuerung von Ladesäulen mit einer Steuerbox.
Klar wird am Ende des Veranstaltungs-Tages, der Rollout muss schneller gehen, ebenfalls muss der Nutzen für die Kunden steigen. Nötig sind auch neue Geschäftsmodelle, damit die Margen steigen und auch die Messstellenbetreiber profitieren.
"Die Investitionen in das Netz sollten auf Innovationen und optimierten Netzbetrieb ausgerichtet werden", sagt Kabs, Vorstandsvoristzender VDE FNN. "Wenn Kabel zu vergraben wirtschaftlich honoriert wird und Investitionen in Digitalisierung bestraft werden, ist das nicht zukunftsweisend." (sg)



