Beim Beratungsbüro BET aus Aachen hat sich zum 1. Januar 2025 einen Führungswechsel in der Leitung des Partnerbereichs Digitalisierung vollzogen. Ulrich Rosen übergab an Sören Patzack. Zeit für die ZfK bei Sören Patzack und dem Geschäftsführer Olaf Unruh nachzufragen, welche Herausforderungen für die Branche in diesem Jahr bevorstehen.
Herr Patzack, wo steht die Branche aktuell bei der Digitalisierung?
Sören Patzack: Alle Marktrollen sehen sich aktuell mit neuen Herausforderungen bei der Digitalisierung konfrontiert. Energievertriebe müssen ab 2025 dynamische Tarife anbieten. Netzbetreiber transformieren ihr Netz zu einem Smart Grid, hier gilt es, § 14a EnWG oder den beschleunigten Netzanschlussprozess umzusetzen. Und der Smart Meter Rollout durch die Messstellenbetreiber nimmt endlich an Fahrt auf.
Leider müssen wir konstatieren, dass die Digitalisierung der Branche noch relativ am Anfang steht. Dies auf Versäumnisse der Vergangenheit zu schieben, wäre jedoch zu kurz gesprungen. Im zentralen, karbonisierten System der Vergangenheit waren manuelle Prozesse oder unzureichende Datenqualität noch ausreichend und verzeihbar. Die Energie-, Verkehrs- und Wärmewenden erfordern nun aber schlichtweg, dass wir die digitale Transformation des Energiesystems mit großer Ernsthaftigkeit vorantreiben. Die umfassende und tiefgreifende Digitalisierung ist schlicht Gelingbedingung.
Zur Unterstützung der Branche bei diesen Herausforderungen hat BET sich zum 1. Januar 2025 neu aufgestellt. Was können Ihre Kunden nun erwarten?
Olaf Unruh: Sören Patzack tritt die Nachfolge von Ulrich Rosen als Partner Digitalisierung an. Wir sehen uns mit dieser Personalentscheidung gerade für die neuen Herausforderungen exzellent aufgestellt. Sören hat in den letzten Jahren eine Vielzahl an Energieversorgungsunternehmen bei Digitalisierungsstrategien, Themen wie Flexibilitätsmanagement sowie Smart Meter Rollout begleitet und unterstützt seit seinem Einstieg bei BET auch das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bei der Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen. Er bringt weiterhin den erforderlichen Innovationsgeist mit, denn ohne die Nutzung neuer Technologien wird die Digitalisierung scheitern. Die Energiewelt von Morgen kann nicht mit den Tools von gestern gestaltet werden.
Wir freuen uns auch, dass Ulrich Rosen, der seit fast 30 Jahren die Digitalisierung in der Energiewirtschaft mitgeprägt hat, BET, der Branche und seinen langjährigen Kunden als Senior Partner weiterhin verbunden bleibt, wenn auch in zeitlich reduziertem Umfang.
Welche Schritte sind jetzt unbedingt erforderlich, um die nächsten Meilensteine zu erreichen?
Sören Patzack: Der erste Schritt ist natürlich, bei den regulatorischen Pflichten "on track" zu sein. Die wichtigsten Meilensteine sind sicherlich das Erreichen der Smart Meter Rollout-Quoten sowie die Einhaltung der Fristen für § 14a EnWG und dynamische Tarife. Für all diese Themen ist immer die Erweiterung der IT-Landschaft erforderlich (bspw. ERP-Systeme, CLS-Management oder digitale Zwillinge).
Darüber hinaus ist eine Daten- und KI-Strategie essenziell, um die komplexeren Prozesse handhabbar zu gestalten. Daten sind der Treibstoff in die Zukunft. Und Künstliche Intelligenz wird ein so mächtiger Partner und unverzichtbares Werkzeug sein, dass es fahrlässig wäre, den Nutzen für das Unternehmen nicht strukturiert zu heben. Also genau zu überlegen, welche Quick Wins gehoben werden können und welche mittelfristigen Anwendungsfälle möglich sind.
Olaf Unruh: Dabei sollten die Digitalisierungsaktivitäten konsistent aus einer unternehmensübergreifenden Digitalisierungs- und Unternehmensstrategie abgeleitet sein. Ich betone in diesem Zusammenhang gerne, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern den strategischen Zielen dienen muss, gerade in Zeiten knapper Ressourcen. Wie alle Maßnahmen zur Umsetzung der Strategie müssen auch die Digitalisierungsaktivitäten klar nach Wichtigkeit und Dringlichkeit priorisiert werden.
Sören hat gerade schon die Punkte angesprochen, um gesetzlichen Vorgaben zu genügen. Und selbstverständlich kann Digitalisierung eine Antwort auf die Frage nach Erhöhung der operativen Effizienz sein. Noch spannender ist aber zweifelsohne die Innovation auf Ebene von Geschäftsfeldern und der digitalen Produktwelt. Hier braucht es in den nächsten Jahren verstärkte Anstrengungen. Nur so kann die Differenzierung gegenüber dem wachsenden Wettbewerb, der Aufbau neuer Geschäftsfelder und die Steigerung der Produkt- und Prozesseffizienz gelingen. Dies ist aber Grundlage für eine zukunftsfähige Positionierung mit einer robusten Strategie, die gleichzeitig die notwendige Flexibilität schafft.
Wie bewerten Sie die Regelungen zum Steuern nach § 14a EnWG und den Status quo in der Branche?
Olaf Unruh: Wir waren Ende 2023 sehr froh, als nach einem langen Vorprozess – erst über das Bundeswirtschaftsministerium, dann über die Bundesnetzagentur – endlich die finalen Festlegungen auf dem Tisch lagen. Das Instrument ist essenziell für Energie-, Verkehrs- und Wärmewende und treibt die Digitalisierung gerade massiv voran. Im letzten Jahr haben wir etwa 50 Akteure bei der Umsetzung von § 14a EnWG begleiten dürfen oder sind noch dabei.
Sören Patzack: Zum Status quo in der Branche muss sicher unterstrichen werden, dass der Umsetzungsstand sehr heterogen ist. Und damit meine ich nicht, dass die großen Akteure alle sehr weit sind und die kleinen alle am Anfang stehen. Vielmehr ist der Umsetzungsstand stark von historischen Entscheidungen in der IT- und Datenarchitektur geprägt.
Im letzten Monat haben wir das Jahr Revue passieren lassen und den Branchenfortschritt zu § 14a EnWG in 10 Themenfeldern bewertet. Einige Auszüge: Gut läuft es bei der Ertüchtigung von Umsystemen (Abrechnung, Marktkommunikation) oder der Aufbereitung von Netz- oder Kundendaten. Mittelmäßig gut, aber immer besser läuft es beim Rollout von Smart Metern sowie der Einführung vom Digitalen Zwilling. Am Anfang stehen wir bei der Einführung von CLS-Management zur Steuerung oder bei der Erarbeitung einer zukunftsfähigen Datenarchitektur. Gerade bei der Steuertechnik muss aufgrund von harten Deadlines 2025 nun Geschwindigkeit aufgenommen werden.
Welche Herausforderungen gibt es hier zu meistern?
Olaf Unruh: Für die Organisation ist zu beachten, dass die Umsetzung der neuen § 14a EnWG-Regelungen nicht isoliert von anderen unternehmerischen Herausforderungen erfolgen darf. Bei der Umsetzung als solcher sind schon einige Facetten zu berücksichtigen, diese stehen aber natürlich zum Teil in starker Wechselwirkung mit Themen rund um die Produkt- und Prozessgestaltung. Es scheint mir wie so oft, die Kunst darin zu bestehen, die Innovation zu fördern und die Komplexität zu beherrschen.
Sören Patzack: Und um die ganzheitliche Transformation weiter voranzutreiben, haben wir uns bei BET personell verstärkt: Mit Kevin Goldermann, der die Leitung des Kompetenzteams IT & Datenmanagement übernommen hat, konnten wir einen erfahrenen IT-Manager von uns überzeugen. Er denkt die Potenziale von Data Science und Künstlicher Intelligenz für energiewirtschaftliche Unternehmen übergreifend und entwickelt Lösungen, die Prozesse effizienter gestalten, fundierte Entscheidungen ermöglichen und Wettbewerbsvorteile sichern. So schöpfen wir das volle Potenzial dieser Technologien aus.
Denken Sie, dass die Ziele pünktlich erreicht werden?
Sören Patzack: Grundsätzlich sind wir angesichts der aktuellen Fortschritte optimistisch. 2025 wird aber ein Schlüsseljahr: Bis Ende des Jahres müssen 20 Prozent der Smart Meter Pflichteinbaufälle geschafft werden, die Steuerbarkeit über das intelligente Messsystem muss hergestellt werden, variable Netzentgelte werden erstmalig angeboten. Zertifizierte Steuertechnik und CLS-Software ist am Markt verfügbar, essenziell ist es jedoch schlussendlich, die Prozesse rund um das Steuern einzuüben.
Mit der EnWG-/MsbG-Novelle wird der Steuerbarkeit eine noch größere Rolle zukommen. Diese liegt derzeit in abgespeckter Form im Bundestag. Wir gehen davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der alte oder neue Bundestag die Regelungen für die Steuerbarkeit beschließt. Und dann ändern sich sowohl die Einbaufälle und es ist auch mit verschärften Sanktionen zu rechnen – der Druck auf Messstellenbetreiber und Netzbetreiber wird weiter zunehmen.
Das Interview führte Stephanie Gust



