"Frequenzen sind die Macht der Zukunft", das ist die Überzeugung des BDBOS-Präsidenten Andreas Gegenfurter. Nachdem zum 1. Januar 2021 die Frequenzen im 450-MHz-Band für die sichere Breitbandkommunikation frei werden, will sich auch die BDBOS erneut darum bewerben. Die BDBOS würde dabei als Bewerberin für die BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) und die Bundeswehr auftreten. Auch die Energiewirtschaft wirbt bei der Bundesnetzagentur um die Zuteilung der Frequenzen. Zum einen die Tochter der deutschen Alliander AG 450 Connect, zum anderen das Netzwerk Versorger Allianz 450.
BDBOS-Präsident Gegenfurter sieht dabei die Energiewirtschaft im Nachteil, schließlich müsste diese ein entsprechendes Netz zunächst mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand erst noch aufbauen lassen, sagte er in einem Interview mit dem "Polizeispiegel". Die Bundesanstalt hingegen habe bereits mit dem BOS-Digitalfunknetz ein sicheres, hochverfügbares, deutschlandweites Netz für die Kommunikation im Einsatz- bzw. Krisenfall, so seine Meinung.
"Eigenes Netz für Energieversorgung nicht notwendig!"
Die BDBOS will nun, gemeinsam mit den Innenministerien von Bund und Ländern die Voraussetzungen prüfen, das Netz auch für die besonders kritschen Bedarfe der Daseinsvorsorge zu öffnen. Etwa bei Blackouts. Ein eigenes Frequenzband will Gegenfurter der Branche hingegen nicht zugestehen: "Der Aufbau neuer Infrastruktur exklusiv für Schwarzfallszenarien in der Energieversorgung ist daher weder notwendig, noch wirtschaftlich. Im Gegenteil, eine völlig unnötige Erhöhung der Strompreise für alle Bürger wäre die Folge", wird Gegenfurter zitiert.
Die Energiewirtschaft sieht dies bekanntlich anders und wundert sich – auch über die kolportierten Ambitionen der BDBOS, sich für alle Frequenzen unterhalb einem GHz zu bewerben. So hört man, dass das BDBOS alle greifbaren Frequenzen zu einem hybriden Netz zusammenfassen will – zu dem auch der bestehende TETRA-Digitalfunk und die der Bundesanstalt bereits zugeteilten 700 MHz gehören – und zentral von dieser betrieben werden.
Noch weitere Funkfrequenzen im Visier der BDBOS
Die zusätzliche Bedarfsmeldung erstaune, heißt es aus Branchenkreisen. Denn die Behörden würden die bisher zugeteilten 700 MHz-Frequenzen aktuell nicht nutzen und hätten schon bei deren Vergabe ihren Bedarf nicht recht darlegen können, weshalb die BOS nur einen Teil des 700 MHz-Spektrums zugesprochen bekommen habe.
Kritisch angemerkt wird auch, dass die BDBOS für den Aufbau des TETRA-Digitalfunknetzes weit über ein Jahrzehnt gebraucht habe. Bei der Fertigstellung sei das System schon nicht mehr up-to-date gewesen. Außerdem seien die Kosten explodiert. Würde der Aufbau des 450-MHz-Netzes ebenso ablaufen, wären Bürger und Industrie die Leidtragenden, argumentieren Vertreter der Energiewirtschaft. Und dies hätte wiederum Auswirkungen auf die Stromrechnung, so das Gegenargument.
Gegenargumente zur BDBOS
Gegenfurter übersehe zudem in seiner Argumentation, dass die vorhandenen Masten zum Teil für die größeren Antennen der 450-MHz-Technik nicht geeignet seien, hört man aus der Branche. Zudem nutze die BDBOS in vielen Fällen Masten, die die Energieversorger bereitstellen würden. Auch habe die BOS noch kein 450-MHz-Netz, da dies mehr als ein paar Masten voraussetze. Dies wiederlege auch den Aspekt der scheinbaren monetären Vorteilhaftigkeit für den Bürger.
Darüber hinaus gibt es die Befürchtung, dass perspektivisch die Kommunikation der Betreiber kritischer Infrastrukturen (KRITIS) unter staatliche Hoheit gestellt wird und ein staatliches Mobilfunkunternehmen etabliert werden soll. Dieser Verstaatlichungsansatz, so die Sorge, könne das gut funktionierende System der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft aushebeln.
Bislang sei die Branche sehr gut damit gefahren, dass jeder Netzbetreiber für sein Gesamtsystem – mitsamt der erforderlichen Kommunikation – die Verantwortung übernehme. Dieses Modell werde jetzt mal eben über den Haufen geworfen, weil BDBOS Allmachtsphantasien habe, kritisierte ein Experte aus der Energiewirtschaft gegenüber der ZfK.
Energiewirtschaft könnte bis 2023 ein flächendeckendes 450-MHz-Netz aufbauen
Schnelles Handeln sei im Hinblick auf die Anforderungen der Energie- und Verkehrswende dringend nötig, auch im Hintergrund des nahenden Smart-Meter-Rollouts. Die Versorger Allianz 450 MHz etwa sieht sich durchaus in der Lage, ein bundsweites flächendeckendes LTE-450-MHz-Funknetz für den Kommunikationsbedarf der Energie- und Wasserbranche aufzubauen. Auch den BOS würde man hier Angebote unterbreiten. Zudem sei die Finanzierung schon gesichert, so dass nach einer Entscheidung umittelbar mit dem Aufbau begonnen werden könne, der 2023 abgeschlossen sein soll.
Unterstützung für die Energiewirtschaft gibt es von den Verbänden VKU und BDEW. Bereits mehrere Studien bescheinigen der Energiewirtschaft, dass sie entsprechenden Kommunikationsbedarf hat und dass die 450-MHz-Technologie ideal zum Anforderungsprofil der Branche passt. Zuletzt hatte sich ein Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) für die Frequenzvergabe an die Energiewirtschaft ausgesprochen (siehe auch BMWi-Gutachten befürwortet 450-MHz-Netz für Energieversorgung).
Getrennte Kommunikationsnetze versprechen mehr Sicherheit
Ein weiterer Punkt, der für die Energiewirtschaft spricht: Fasst man alle Netze zu einem hybriden zusammen, ist die Gefahr bei Hackerangriffen größer, dass die komplette Kommunikation aller KRITIS-Bereiche zusammenbricht, als bei einem Konzept mit getrennten Kommunikationsnetzen – insbesondere im Not- und Krisenfall. (sg)



