Envia M spricht schon von einem Verkaufsschlager: Mehr als 1000 Vorbestellungen für das neue Produkt "Mein Strom digital" seien bislang eingegangen. Dieses besteht aus einer App und einer Empfangsbox, die mit dem Stromzähler verbunden ist. Grundlage dazu ist eine moderne Messeinrichtung, deren Einbau bei allen Privatkunden gesetzlich vorgeschrieben ist. Der Marktstart ist für Anfang März vorgesehen.
Laut einer Umfrage von Envia M (siehe links, zum Vergrößern bitte klicken) freuen sich die Kunden am meisten darauf, dass ihnen die App künftig anzeigt, wie hoch der Stromverbrauch und die Stromkosten für die einzelnen elektrischen Geräte in ihrem Haushalt sind. Damit werde die Energieversorgung in den eigenen vier Wänden für Hauseigentümer und Mieter sehr viel transparenter. Der regionale Energiedienstleister stellt dabei alle Daten in einem monatlichen Energiebericht übersichtlich zusammen. Auch davon seien die Kunden begeistert – mehr als 80 Prozent bezeichnen das Angebot als gut oder sehr gut, so Envia M.
Gemeinsame Entwicklung mit Kunden
Auf großes Interesse stoße auch, dass den Kunden der Stromverbrauch dank der Empfangsbox in Echtzeit übermittelt werde. Neben dem aktuellen Stromverbrauch seien auch tages-, wochen-, monats- oder jahresbezogene Stromverbrauchswerte abrufbar. Die meisten Kunden wollen laut Umfrage ihr Smartphone dazu nutzen. Alternativ können sie die Werte auch auf dem Computer oder Tablet ablesen.
"Bei der Entstehung des Produkts sind wir völlig neue Wege gegangen. Wir haben erstmals Kunden direkt in die Entwicklung miteinbezogen", sagt Vertriebsvorstand Andreas Auerbach. Besonders erfreut ist der Versorger darüber, dass über 15 Prozent der Vorbestellungen auf Neukunden entfallen, die vorher keinerlei Berührungspunkte mit Envia M hatten. "Die Erfolge ermutigen uns, unsere digitalen Energieangebote weiter zügig auszubauen", so Auerbach.
Verbraucherzentrale NRW bewertet Zähler positiv
Bei dem Zähler handelt es sich um das White-Label-Produkt von Innogy, bestätigt Envia M auf Nachfrage. Der Zähler ist dabei explizit keine Konkurrenz zum Smart Meter Gateway, sondern soll den Kunden unter 6000 kWh lediglich den Gang in den Keller und das Hantieren mit der Taschenlampe ersparen. Das Sicherheits- und Verschlüsselungsniveau entspreche dabei vollumfänglich den Vorgaben des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), versicherte Innogy zuletzt der ZfK. Der Kunde entscheide selbst, ob er seine Daten weitergibt, heißt es weiter.
Auch von der Verbraucherzentrale NRW gibt es grünes Licht: "Die Lösung sei eine einfache Option, doch noch einen Mehrwert rund um die moderne Messeinrichtung zu bieten. "Wir begrüßen zudem, dass die Wahlfreiheit, in welchem Umfang das neue Angebot genutzt wird, beim Verbraucher liegt", sagt David Schick, Referent Digitale Energiewende. Allerdings müsse sich noch zeigen, wie Datenschutz und -sicherheit in der Realität gehandhabt werden, und ob die Kosten für Verbraucher tatsächlich trotz zusätzlicher Dienstleistungen nicht steigen.
Keine Konkurrenz zum Gateway
Skeptischer ist das BSI, das die Lösung als Übergangslösung gegenüber der ZfK bezeichnete. "Es ist aus unserer Sicht nicht im Sinne des Gesetzgebers und entzieht sich der Grundlage des Messstellenbetriebsgesetzes, dass solche Lösungen ohne die Einbindung des Gateways nach Feststellung der technischen Möglichkeit durch das BSI weiterhin im Markt verbaut werden dürfen", sagte ein Sprecher der Bonner Behörde. Dies gelte auch für Kundengruppen mit weniger als 6000 kWh.
Hersteller Innogy betonte, man sei überzeugt, diese Lösung entspreche den Kundenwünschen und sei im Rahmen des Messstellenbetriebsgesetzes zulässig. Schließlich werde das Smart Meter Gateway nicht ersetzt, auch sicherheits- und abrechnungsrelevante Funktionen wie Schalten, Steuern oder Tarifierung bleiben dem Gateway vorbehalten. Die Verbindung zwischen Zähler und Empfangseinheit werde Eins-zu-Eins und ausschließlich in den Wohnungen realisiert. Derzeit befinde man sich zur Klärung dieser Sachverhalte im konstruktiven Dialog mit dem BSI.
Ebenso sehen es Fachleute aus der Branche. Zwar werde das Thema noch mit Skepsis gesehen, das Messstellenbetriebsgesetz sei hier jedoch leicht unscharf formuliert, sagte ein Experte der ZfK. Für Verbraucher unter 6000 kWh sei ein intelligentes Messsystem zudem viel zu teuer. Darüber hinaus sei auch Ziel des Gesetzes, über die Digitalisierung mehr Energieeffizienz zu gewinnen. Über eine solche Lösung sei das möglich.
Kundennutzen im Vordergrund
Auch Envia M ist von der Lösung überzeugt: "Beim Thema Smart Meter Rollout gehen wir davon aus, dass die Kunden nicht nach Messtechnik unterscheiden", sagt Thoralf Ehnert, Leiter Produktentwicklung/-management. Die Erwartungen der Kunden orientieren sich ihm zufolge vielmehr an den Services, die sie in anderen Bereichen ihres Lebens alltäglich erleben. So sei es heutzutage selbstverständlich, dass Kunden ihre Bewegungsdaten teilen und dafür aktuelle Verkehrs- oder Navigationsinformationen erhalten. Auch der Einsatz von Haustechnik aus der Ferne sei mit Smart-Home-Lösungen selbstverständlich geworden. "Alle diese Lösungen haben gemein, dass sie in Echtzeit und mobil verfügbar sind und die Kunden, die die Hoheit über ihre Daten besitzen, allein entscheiden, ob sie eine bestimmte Dienstleistung nutzen wollen oder nicht", bekräftigt Ehnert.
"Diese Erwartungen der Kunden sind auch in unser Produkt eingeflossen. Insbesondere das Thema Echtzeit ist, bezogen auf die Vielzahl der Mehrwerte, Spitzenreiter im Voting der Kunden. Intelligente Messsysteme, so wie sie gemäß den Vorgaben des BSI zum Einsatz kommen sollen, können bei diesem Thema bisher nicht mithalten", erläutert Ehnert. Die Verbrauchsdaten etwa seien beim Tarifanwendungsfall 7 nur in einer viertelstündlichen Auflösung verfügbar oder alternativ über die HAN-Schnittstelle des Gateways. Das Kundenfeedback dürfte dabei aus unserer Sicht jedoch im Hinblick auf Komfort, Einfachheit und Barrierefreiheit hinter den Erwartungen der meisten Kunden zurückbleiben.
Kein Regeln und Steuern vorgesehen
Auch er betont: "Energiewirtschaftlich gesehen ist eine Unterscheidung in kritische und unkritische Infrastrukturfragestellungen notwendig. Beispielsweise wurde das Regeln und Steuern von Erzeugungsanlagen klar als Anwendungsfall dem intelligenten Messsystem mit Steuerbox zugesprochen." Auch Themen rund um die Tarifierung, beispielsweise im Kontext des öffentlichen Ladens bei Elektrofahrzeugen, sollen ihm zufolge unweigerlich mit dem Verbau eines intelligenten Messsystems verbunden werden.
Die komplette Haussteuerung, wie heute gängige Smart-Home-Lösungen, oder die Visualisierung von Verbrauchsdaten sei hingegen für viele Kunden weniger kritisch. Hier komme man den Erwartungen des Kunden, zunächst im Bereich der modernen Messeinrichtung, nach, erklärt Ehnert. "Gleichzeitig können wir im Gegensatz zu verschiedenen Bausatzlösungen garantieren, dass die Daten des Kunden gesichert zwischen dem Zähler und der Empfangseinheit im Haus des Kunden übertragen werden", bekräftigt er.
In dem ersten Pilottest habe man überdies sehr viel Zuspruch für diese Lösung bekommen. "Über unsere Newsletter und Befragungen haben sich Kunden aktiv in die Produktentwicklung eingebracht und 'Mein Strom digital' mitgestaltet", führt Ehnert aus. Auch zusätzliche Services wie der monatliche Energiebericht oder beispielsweise der Happy-Hour-Bonus seien mit den Kunden entstanden. (sg)
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