Rege Diskussionen rund um das Internet of Things (IoT) gab es beim digitalen Pressegespräch: Deutschland und die Digitalisierung – verschlafen wir nun auch IoT? Wo bleiben die großen Anwendungsbeispiele und Erfolgsgeschichten?. Veranstaltet wurde das Event von BEiL² Die PR-Strategen auf Initiative des Connectivity-Providers Melita.io.
Dessen Executive Chairman Harald Rösch erklärte: "Wir bauen derzeit ein nationales LoRaWAN-netz für IoT in Deutschland auf". Schon heute habe IoT einen riesen Nutzen für die Wirtschaft und die Menschen. "Ein Kunde nutzt unsere Technik für intelligente Mülltonnen. Damit konnte er 36 Prozent Treibstoff einsparen, weil sie nur noch dann geleert wurden, wenn es wirklich notwendig war", erläutert Rösch, der auch CEO von Melita Ltd ist.
Genau darum gehe es im Kern beim Internet oft Things im B2B-Bereich: Um Nachhaltigkeit, besseren Einsatz von Ressourcen und Reduzierung von Kosten.
Flächendeckende Abdeckung als Ziel
"Ich glaube, wir müssen noch viel mehr Großprojekte realisieren, wo IoT und dessen Vorteile für die Menschen wirklich sichtbar werden", bekräftigt Rösch. Und weiter: "Wenn wir eine flächendeckende Abdeckung mit NB-IoT und LoRaWAN hätten – was in anderen europäischen Ländern bereits umgesetzt wurde – dann stellen wir ein energieeffzientes Netzwerk zur Verfügung, um jegliche Sensoren anzubinden."
Den offenen Standard könnten dann mehrere Wettbewerber für sich nutzen.
Internationale Beispiele
Große Chancen für IoT sieht Steffen Braun, Direktor beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, vor allem auch im Public Sector. Gerade auf Quartiers-Ebene, etwa in Städten wie Barcelona, Manchester oder Eindhoven gehe es gut voran, gibt er internationale Einblicke.
So würden etwa in den Niederlanden in einem Gewerbe-Quartier mit den Daten, die exklusiv von den Anwohnern bereitgestellt werden, ein Daten-Ökosystem entstehen. Dieses wiederum lasse sich für neue Produkte und Geschäftsmodelle nutzen. "Da gilt es größer zu denken und den Transfer von diesen Projekten in andere Bereiche zu schaffen", so Brauns Tipp.
Keine eigenen Zähler mehr nötig
Im Energiebereich sieht Braun eine müßige Diskussion über Smart Meter und die Steuerung durch kleine Sensoren auf Ebene einzelner Haushalte. "Es gibt jedoch Konzepte, wo eine gesunde Infrastruktur geschaffen wird und ein gesamtes Quartier also mehrere hundert bis tausend Haushalte gar keinen eigenen Zähler mehr haben, sondern nur noch einen Stromanschluss und der Rest regelt und optimiert sich selbst."
Der Endkunde selbst merke davon nichts, aber dies sei eine Architektur, "die massiv helfen kann", so der Fraunhofer-Experte. Ihm zufolge würde es helfen, von der Diskussion "Wir haben ein Regelwerk und damit müssen wir arbeiten" wegzukommen. Vielmehr müsse es gelten, "wo können wir davon abweichen, um dann geschützt und gesteuert aus der Neuentwicklung heraus Erkenntnisse abzuleiten für die große Skalierung".
Die spannenden Fragen seien somit: Wie können wir IoT jetzt mit den guten Rahmenbedingungen und Fundamenten nutzen, um daraus eine proaktive und starke Missions-Orientierung aufzubauen? Und: Wie setzen wir es richtig ein und wie gestalten wir die Zukunft mit allen relevanten Akteuren?
Haupt-Herausforderungen beim Thema IoT
Über Herausforderungen im Bereich IoT sprach Anna Dietrich, Referentin Mobilität, KI und Smart Cities beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). Der Verband hatte zuletzt eine Studie mit Deloitte veröffentlicht, die ergab, dass Consumer-IoT bei Weitem noch nicht voll entwickelt ist und es noch sehr viel Potenzial – gerade im Bereich Smart Home – gebe.
Zwei-Haupthindernisse seien augenfällig: Zum einen die Anpassung des Nutzerverhaltens, zum anderen die Sorge der Verbraucher um die Privatsphäre und den Verlust von Datenschutz und Kontrolle. "Wir müssen im IT-Bereich Use Cases etablieren, die einen nachhaltigen Mehrwert erlebbar machen. Dann steigt auch die Bereitschaft, Daten zu teilen und IoT im Alltag einzusetzen", so Dietrich.
Ihr zufolge müsse die Gesellschaft besser aufgeklärt werden, inwieweit Daten auch wichtig sind für die wirtschaftliche Entwicklung. Dietrich sprach zudem die fehlende Interoperabilität an: "Gerade im Smart-Building und im Smart-Home-Bereich haben wir die Problematik von unterschiedlichen Schnittstellen." Dies müsse gelöst werden, am besten EU-weit. Aktuell gebe es zu viele Insellösungen, die teilweise nicht miteinander kompatibel sind.
Mangelndes Vertrauen
Das Vertrauen in Datenverarbeitung und die Integrität der Netze sei ganz wichtig, bestätigt auch Manuel Höferlin, Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda und digitalpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Im politischen Feld sehe er hier noch Diskussionsbedarf. "Das was ich bisher von der Bundesregierung sehe, sind die richtigen Fragen, aber leider keine schlüssigen Antworten und Pläne. Deswegen hängen wir in Deutschland auch so hinterher", so sein Fazit.
Höferlin ist auch der Meinung, dass hier der Staat gefragt sei, indem er beispielsweise im verwaltungstechnischen Bereich Transparenz über die Datennutzung schaffe. "Wir haben gefordert, dass man Zugriffe auf persönliche Daten bei Verwaltungen – wie das Estland bereits macht – als Protokoll abrufen kann, sodass ich als Nutzer sehen kann, wie meine Daten verarbeitet werden. Ich glaube, das steigert das Vertrauen."
Ministerium für digitale Transformation könnte für mehr Tempo sorgen
Es gehe auch um die Bereitschaft zur kollektiven Datennutzung. "Was bin ich bereit, von mir – in welcher Form auch immer – preiszugeben, damit es einen gesellschaftlichen Mehrwert gibt", so Höferlin. Mit der DSGVO habe man eine sehr ausgefeilte, sehr umfangreiche, sehr detaillierte Regelung zu den personenbezogenen Daten.
Was fehle, sei eine politische Debatte über das Thema nicht-personenbezogener Daten. "Wie können wir rechtlich und technisch Datensätze so erfassen und weiterverarbeiten, dass die Datenpunkte keinen Personenbezug haben?" Höferlin plädiert zudem für ein Ministerium für digitale Transformation, dass die strukturellen Änderungen oder auch die digitale Transformation von Politik und Verwaltung zusammenbindet und Tempo aufnimmt. (sg)



