Nachdem aktuell die Koalitionsverhandlungen laufen, hat die ZfK bei Bastian Gierull, CEO von Octopus Energy Deutschland, nachgefragt, wie er den Smart-Meter-Rollout in Deutschland einschätzt.
Herr Gierull, derzeit ist viel Bewegung in der Politik und natürlich auch in der Energiewirtschaft. Wie bewerten Sie die Lage?
Ja, aktuell ist es sehr interessant, die Entwicklungen zu beobachten. Ich bin gespannt, was noch kommen wird. Wir müssen die Energiewende jetzt unbedingt voranbringen und sollten schnell zu einer Einigung kommen – besonders beim Smart Metering, aber auch beim Thema Wärmewende. Hier brauchen wir eine Basis, von der wir wegarbeiten können. Für die Wirtschaft ist die Unsicherheit und das ewige Hin und Her Gift. Wir sind natürlich auch alle gebrandmarkt aus der letzten Regierung beim Thema Förderung der Wärmepumpe. Das ist das größte Negativbeispiel, wie man mit einer gut gemeinten Idee umgehen kann. Das wurde von den Medien extrem schwierig aufgegriffen und von der fossilen Lobby befeuert. Natürlich muss man im Nachhinein sagen, dass auch die Umsetzung nicht schlau war. Dieses Vorgehen hat mehr Schaden als Gutes mit sich gebracht.
Bisher ist das Thema Smart Metering immerhin noch ganz gut weggekommen in den Medien.
Ja, wobei man Lobbyismus und Fake News natürlich immer betreiben kann. Das ist auch beim Thema Smart Metering passiert. Zum Beispiel beim Datenschutz, wo behauptet wurde, der Staat weiß dann, welche Fernsehprogramme geschaut werden. Das wurde total aufgebauscht. Es ist viel wichtiger zu verstehen, um was es geht: Die Geräte sind ein Teil der Energieinfrastruktur, ein Stück Hardware, das bisher immer schon in den Häusern der Menschen gehangen hat – wenn auch nun in anderer und intelligenter Form. Wer jetzt die Datenschutz-Diskussion aufmachen will, könnte genauso über Internet-Router sprechen, die auch in jeder Wohnung hängen. Die sind nicht wirklich sicher. Mit einem entsprechenden Empfänger kann ich damit wirklich herausfinden, auf welchen Seiten die Menschen im Moment surfen und welche Daten und Passwörter sie auf den Webseiten eingeben. Trotzdem kaufen die Menschen schlecht gesicherte Geräte oder updaten ihren Router nie.
Genauso kann ich in Mehrfamilienhäusern auch heute schon die Zähler meiner Nachbarn ablesen. Nur was nützt mir dieses Wissen? Worüber wir eher diskutieren sollten: Aktuell haben wir einen Rollout von digitalen Stromzählern – also weg von der Drehscheibe hin zu einem Display, was aber immer noch suboptimal ist und nicht mehr kann, als die uralten Zähler. Wir hätten von Anfang an den Schritt gehen sollen, die Daten auch remote abzufragen oder zu versenden.
Bisher hält sich die Empörung der Bevölkerung in Grenzen beim Einbau der modernen Messeinrichtungen …
Genau, bei dem Wechsel zu den digitalen Zählern gab es gar keine Diskussion darüber, ob die jetzt gehackt werden könnten. Die wurden einfach eingebaut. Jetzt haben wir dasselbe bei den intelligenten Messsystemen. Sprich, wir upgraden die Infrastruktur noch einen Schritt weiter. Das ist ein Teil der Strominfrastruktur, fertig aus. Worüber man nicht diskutiert: Wieso nehmen wir nicht die kostengünstigste und effizienteste Lösung? Gefühlt hat man sich in Deutschland gefragt: "Wie können wir die komplexeste Hardware entwickeln, die uns gerade einfällt?" Wir machen uns Gedanken mehr oder minder vom Reißbrett weg und überlegen uns Steuerungslogiken, aber nie im Zusammenhang mit der Marktwirtschaft. Ich würde mir wünschen, dass man mit den Akteuren am Markt, also den anderen Energieanbietern und den Hardwareherstellern spricht, wie das Konzept in der Praxis funktionieren kann. So wie wir es in der Smart-Meter-Initiative aktuell tun. Es wurde nie berücksichtigt, wie schwierig eine Installation der intelligenten Messsysteme ist. Deutschland hat hier einen unglaublich falschen Weg eingeschlagen und das zeigt sich jetzt im Rollout-Tempo, den rund zwei Prozent, die wir bisher nur geschafft haben. Das hat zum einen mit der Hardware, zum anderen mit der Regulatorik zu tun. Die anderen Länder sind den Weg des geringsten Widerstandes gegangen und haben geschaut, was günstig ist. Die Geräte dort sind einfach zu installieren.
Hier ist das Gegenargument, dass wir in Deutschland einen Steuerungs-Rollout verfolgen, da die Geräte mehr Sicherheit bieten. Auch in Zeiten des russischen Angriffs auf die Ukraine ist ein höheres Sicherheitslevel nicht unbedeutend. Und man will natürlich auch den Weg, den man jetzt mühsam erkämpft hat, nicht schon wieder ändern, dann dauert es ja noch länger.
Das ist genau das Problem. Ich höre immer: "Wir haben schon viel Energie und Geld in diesen Weg gesteckt. Also müssten wir jetzt noch mehr aufwenden in der Hoffnung, es wird irgendwann gut." Aber das wird nie gut, das wird immer nur noch teurer und noch länger dauern.
Die alte Bundesregierung ging zuletzt schon einen Schritt zurück. Die Zeitfenster des Rollouts wurden verlängert und es wurde eingegrenzt, wer wirklich unter den Pflicht-Einbau fällt und wer nicht. Jetzt sagt man, wir haben schon sehr viel im Pflicht-Rollout geschafft, und auf der anderen Seite reduzieren wir den Teil, der zum Pflicht-Rollout gehört, weiter. Je niedriger ich die Ziele stecke, desto mehr Prozent habe ich am Ende geschafft und kann mich dann feiern lassen. Ich will nicht sagen, dass bisher nichts passiert ist. Aber es geht uns um die Geschwindigkeit und die Menge der ausgerollten Geräte.
Und was sagen Sie zum Argument: Steuerung und Sicherheit?
Ja, es gibt einen Weg, um mit den Geräten potenziell zu steuern. Aber in der Masse fehlt aktuell noch der Beweis, ob das auch so klappen wird, wie wir uns das erhoffen. Und ob das wirklich den Effekt bringt, den man erwartet. Im ersten Schritt geht es jetzt ums Dimmen. Worüber wir aber nicht sprechen, ist ein wirkliches Steuern. In anderen Ländern sieht man ganz andere Möglichkeiten. Octopus in Großbritannien steuert seine Wärmepumpen, Elektroautos, Speicher und Wechselrichter direkt über die Cloud mit unserer Techplattform Kraken und optimiert sie – für den Markt, aber auch fürs Netz. Dazu braucht man gewisse Daten, die in einer gewissen Struktur vorhanden sind. Diese Struktur haben wir in Deutschland nicht.
Großbritannien ist sehr spät in den Rollout eingestiegen und hat in den vergangenen Jahren erheblich aufgeholt. Unsere Nachbarn in England sind jetzt bei etwa 60 Prozent. Man kann natürlich sagen, keine 100 Prozent, aber besser als zwei Prozent – und wir in Deutschland sind da jetzt schon zehn Jahre dran.
Die deutschen Geräte sind aber vermutlich sicherer.
Das ist auch wieder so eine Theorie, die weder bewiesen noch getestet ist. Wir sind der Meinung, die Steuerung der Assets sollte über eine Cloud passieren und nicht allein über diese Steuerboxen, die im Haus hängen. Da ist jetzt oft das Argument: Cloud ist unsicher, weil Internet. Das Argument hören wir aber ausschließlich in Deutschland. Digitalisierung wird hier oft als Problem oder Gefahr gesehen. Das ist auch ein Grund, warum wir in vielerlei Hinsicht im Vergleich zu anderen Ländern bei der Digitalisierung hinten dran sind. Smart Metering ist nicht der einzige Bereich, in dem wir besonders weit hinten liegen. Diese Verteufelung des Internets und der Cloud ist ein extremer Standort- und Wettbewerbsnachteil für Deutschland. Wir sehen es beim Online-Banking. Kaum jemand geht noch auf die Bank. Weltweit wird Banking täglich jede Minute millionenfach digital abgehandelt. Ja, da kann mal etwas passieren, aber der Vorteil einer zentralisierten Technologie ist, dass man Standards schafft, die alle benutzen und die sind schwieriger zu hacken, weil sie millionenfach ausprobiert wurden. Jedenfalls ist das wesentlich besser als Einzellösungen, die nur in Subbereichen eingesetzt werden. Deswegen denken wir, dass digitale Cloud-Lösungen sicherer sind als eine Box, die man in der Wohnung hängen hat.
Aber wenn sich jetzt ein Hacker in das System einhackt, dann kann er ja die ganze Stromversorgung lahm legen.
Kraken hat in Großbritannien extrem hohe Sicherheitsstandards bei seiner Cloud-Lösung. Zudem gibt es auch nicht das eine System, sondern viele Lösungen parallel, von denen keine die gesamte Versorgung lahmlegen könnte. Auch beim Online-Banking kann ein Anbieter gehackt werden, deswegen ist aber nicht das komplette Online-Banking weg. Außerdem gibt es bei uns genau wie im Bankensektor Fallback-Lösungen, um solche Angriffe auszugleichen.
Kommen wir zum Smart Meter light, den sie favorisieren. Könnten Sie das genauer erläutern?
Es geht uns um die Kosten der Hardware. Dazu zählt auch die Installation der Geräte, die volkswirtschaftlich zu zahlen sind. Schon ohne Steuerbox kommt man bei einem intelligenten Messsystem auf Kosten von um die 250 Euro im Einkauf. In Frankreich kostet so ein Gerät 30 Euro. Diese Kosten muss natürlich irgendjemand tragen. Wer ein Elektroauto oder eine PV-Anlage hat, zahlt 50 Euro pro Jahr für das intelligente Messsystem und nochmals 50 Euro für die Steuerbox. Und etwa 130 Euro werden zusätzlich auf die Netzgebühren umgelegt. Das bezahlt dann die Allgemeinheit, die oft gar keinen Smart Meter hat. Je günstiger die Geräte also sind, desto mehr Effizienz habe ich, desto mehr davon kann ich verbauen.
Wir sind daher dafür, dass man mehr Wettbewerb im Smart-Meter-Markt zulässt. Dazu muss man die Komplexität senken und die Sicherheitsstandards weniger hoch halten. Und man braucht natürlich die Steuerung aus der Cloud heraus anstelle einer zusätzlichen Drosselungs-Hardware in den Häusern der Menschen. Meine größte Sorge ist wirklich, wenn wir das aktuelle Tempo beibehalten, dass wieder eine Situation wie in Oranienburg vergangenes Jahr eintritt. Dort war das Netz ausgelastet und ohne Smart Meter gab es weder Transparenz, noch Möglichkeiten zur Flexibilisierung. In der Presse wurden dann fälschlicherweise einfach die E-Autos und Wärmepumpen verantwortlich gemacht. Das sind Szenarien, in die wir hineinlaufen, wenn wir nicht aufpassen.
Und ganz wichtig: Wir wollen gar nicht der größte Smart-Meter-Installateur in Deutschland werden – aber wir sind gezwungen, selbst aktiv zu werden. Meine Kollegen in Spanien und Italien und Frankreich müssen sich mit dem Thema gar nicht erst beschäftigen. Die verkaufen einfach nur innovative Tarife und sind damit am Markt erfolgreich.
Aber aktuell geht es doch schon ein bisschen vorwärts mit dem Rollout?
Das stimmt, es ist auf jeden Fall Bewegung drin. Aber ist es schnell genug und nicht zu teuer? Wir befürchten einfach, dass die neue Regierung Einsparungen sucht und den Rollout dann wieder ganz einbremsen könnte. Man versucht ja aktuell andere Lösungen zu finden, indem man unnötige Gaskraftwerke baut, um Spitzen auszugleichen. So löst man die aktuellen Probleme wieder nicht mit Flexibilität, sondern über die alte und schmutzige Energiewelt. Aber gerade erneuerbare Energien würden von höherer Flexibilität bei den Verbrauchern profitieren. Selbst wenn man das Thema Klimaschutz außen vor lässt, ist das alte System aus Atom- und Gaskraftwerken immer noch viel teurer als der Strom aus Erneuerbaren. Die Frage ist: Können wir ein anderes System entwickeln?
Aktuell wird erneut über Atomkraftwerke diskutiert …
Ich glaube da nicht dran. Im besten Fall steht dann ein neues Atomkraftwerk in 20 Jahren, denn so lange wird mindestens gebaut. Wenn wir nach Frankreich und England schauen, dauert das teilweise auch doppelt so lang. Das sind Zeithorizonte, die wir uns nicht leisten können. Bis dahin schaut die Welt schon wieder ganz anders aus.
Das Interview führte Stephanie Gust



