Herr Gabriel, in der PwC-Studie "Smart-Meter-Rollout – Standortbestimmung der grundzuständigen Messstellenbetreiber" heißt es, dass 49 Prozent den Rollout bereits gestartet haben und 46 Prozent noch in der Rollout-Vorbereitung sind. Wo steht die Branche hier?
Matthias Gabriel: Manager bei PwC Energy Consulting: Im Vergleich zum letzten Jahr zeigt sich eine deutliche Steigerung in Bezug auf den Rollout-Start. Während bei unserer letztjährigen Studie nur ein Fünftel der Unternehmen mit dem Rollout starten konnten, hat mittlerweile die Hälfte der befragten Unternehmen diesen wichtigen Meilenstein erreicht. Dennoch zeigt sich mit Blick auf die im Februar 2023 anstehende Pflicht, mindestens 10 Prozent der Pflichteinbaufälle mit intelligenten Messsystemen auszustatten, dass die Hälfte der Unternehmen Ihren Rollout-Verpflichtungen hinterher-hinken und einen deutlichen Sprint hinlegen müssen, um dieses Ziel überhaupt erreichen zu können.
Smart Meter Rollout – Standortbestimmung dergrundzuständigen Messstellenbetreiber
Die wichtigsten Zahlen und Fakten
PwC-Studie, März 2022
- 49 Prozent der Unternehmen haben den Rollout bereits erfolgreich gestartet (2021: 19 Prozent).
- 46 Prozent der Unternehmen befinden sich derzeit in der Rollout Vorbereitung – bis zum Rollout-Start kann es in diesen Fällen noch 3–9 Monate dauern (2021: 58 Prozent).
- 6 Prozent haben bereits die Prozesse und Schnittstellen für den CLS-Kanal implementiert und getestet – diese Fähigkeit ist u.a. erforderlich für die Bereitstellung von Mehrwertservices sowie für die Steuerung von EEG- und § 14a EnWG-Anlagen (2021 3 Prozent).
- 84 Prozent bewerten die Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit bei Anwendung der Preisobergrenzen als größte Herausforderung (2021: 81 Prozent) 69 Prozent der Unternehmen, die mit dem Rollout gestartet sind, haben sowohl TAF1, als auch TAF 7 produktiv umgesetzt.
Weitere Kernergebnisse
- Alle 79 teilnehmenden Unternehmen haben die Grundzuständigkeit angezeigt. 100 Prozent der Unternehmen haben die 10 Prozent-Quote von modernen Messeinrichtungen zum Zeitpunkt der Umfrage erreicht. Acht Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass die 10-Prozent-Quote für iMS 2023 nicht erreicht wird.
- Obwohl 51 Prozent der Unternehmen den Rollout noch nicht gestartet haben, verfolgen 87 Prozent das Ziel bis 2023 eine Rollout-Quote von über 10 Prozent zu erreichen. Eine Steigerung um 5 Prozent zum Vorjahr.
- Neben der Wirtschaftlichkeit sind eine leistungsfähige und verfügbare WAN-Kommunikation sowie die Anbindung und Realisierung der Tarifanwendungsfälle im ERP-System die größten Herausforderungen.
- Komplexität und starke Abhängigkeiten der IT- und Prozessschnittstellen, Lieferengpässe und -schwierigkeiten sowie ein stark erhöhter Personalaufwand in der operativen Umsetzung stellt grundzuständige Messstellenbetreiber zusätzlich vor große Herausforderungen.
Herr Spitalny, wie bewerten Sie die unterschiedlichen Fortschritte bei den Messstellenbetreibern?
Die Unternehmen stehen tatsächlich an verschiedenen Stufen des Rollouts. Während die Hälfte noch gar nicht gestartet sind, hat die andere Hälfte begonnen und sich häufig bereits aktiv mit Mehrwertservices (23 Prozent der Unternehmen) auseinandergesetzt. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass größere Unternehmen im Schnitt weiter vorangeschritten sind als kleine.
Für den unterschiedlichen Fortschritt gibt es verschiedene Gründe, angefangen bei einer bewussten strategischen Entscheidung, über die teilweise immer noch vorhandene kritische Distanz zu diesem Thema bis hin zu fehlenden eigenen Fachleuten und zur Verfügbarkeit von Dienstleistern. Kritisch ist der unterschiedliche Fortschritt nur dann, wenn dadurch der Verlust der Grundzuständigkeit droht.
Der CLS-Kanal wird von sechs Prozent getestet. Wie wichtig ist es (als gMSB), für diese Schnittstelle vorbereitet zu sein?
Gabriel: Die Bedeutung des CLS-Kanals wird in nächster Zeit steigen, da die Anbindung des Submetering und der Steuerbox zur Fernsteuerung von Anlagen darüber erfolgen soll. Hierfür stellt der CLS-Kanal die sichere Kommunikationslösung zu Verfügung. Insbesondere die Fernsteuerbarkeit von Anlagen ist wichtig, da sie auf das Ziel der Entwicklung eines zukunftsfähigen Smart Grids einzahlt.
Spitalny: Andere Marktteilnehmer aber auch der gMSB selbst können zukünftig somit Mehrwertdienste über den CLS-Kanal anbieten. Durch diese Mehrwertdienste, wie das Angebot der Steuerungsfähigkeit für den Netzbetreiber, und das verfügbar machen des CLS- Kanals selbst, welche keine Standardleistung ist, kann der gMSB zusätzliche Einnahmen generieren.
Die Vorbereitung auf diese Schnittstelle ist deshalb aus unserer Sicht sehr wichtig.
TAF 1 und TAF 7 sind bereits produktiv umgesetzt, woran hapert es bei den anderen TAFs? Wieso sind diese nicht so wichtig/oder können noch nicht umgesetzt werden?
Spitalny: Die Tarifanwendungsfälle 1 und 7 sind essenziell für die Erhebung von abrechnungsrelevanten Daten. Um grundsätzlich mit dem Rollout beginnen zu können, wurden diese priorisiert in den IT-System umgesetzt. Durchaus interessant ist der Umstand, dass „TAF6: Abruf von Messwerten im Bedarfsfall“ nur bei 44 Prozent der Unternehmen, die sich im Rollout befinden, umgesetzt wurden. Insbesondere für einen automatisierten Prozessablauf von Geräteeinbauten und Messproduktwechseln hätten wir eine höhere Umsetzungsquote erwartet. Vor dem Hintergrund von Mehrwertdiensten aber auch der erwarteten Allgemeinverfügung, werden die weiteren Tarifanwendungsfälle vermehrt an Bedeutung gewinnen.
Gabriel: Wie schnell diese dann umgesetzt werden können, bleibt abzuwarten, da die in der Energiewirtschaft gelebte heterogene Systemlandschaft und die individuelle Ausprägung der ERP-Systeme sich hier als ein wesentlicher Hinderungsgrund zur schnellen und effizienten Umsetzung zeigt. Die strategische Neuorientierung der Systemlandschaft hinsichtlich gemeinsamer Metering Plattformen oder Cloud Lösungen bis hin zu Neuordnung der Meter-to-Cash Prozesse könnten erst mittel- bis langfristig Abhilfe schaffen.
Acht Prozent von 79 teilnehmenden Unternehmen gehen davon aus, die 10-Prozent Quote von iMSys nicht zu erreichen. Was sind hier die Gründe, dass die Quote nicht erreicht wird?
Spitalny: Auf Basis der genannten Herausforderungen lassen sich mehrere Gründe dafür ableiten. Die systemische Anbindung und die hohe Auslastung von IT-Dienstleistern sowie ein stark erhöhter Personalaufwand für die operative Umsetzung des Rollouts können wesentliche Faktoren sein. Einige Unternehmen gaben an, dass ihnen schlichtweg zu wenig Zeit für die Erreichung der 10-Prozent Quote bleibt.
Gabriel: Das den Unternehmen jetzt zu wenig Zeit bleibt, hängt auch damit zusammen, dass wegen vieler Unsicherheiten, oft zu spät begonnen wurde. Dabei hat der Entscheid des OVG Münster ebenso zur Verunsicherung in der Branche beigetragen, wie viele Diskussionen rund um das BSI Stufenmodell und die Funktionsfähigkeit der Technik.
Sie schreiben auch 13 Prozent der Unternehmen laufen Gefahr die Grundzuständigkeit zu verlieren. Was raten Sie diesen Unternehmen?
Gabriel: Neben den acht Prozent die selbst angeben die Quote nicht zu erreichen, halten wir auch die Unternehmen (fünf Prozent) für gefährdet, die bisher nicht einmal in der Rollout-Vorbereitung sind. Für diese Unternehmen ist dringend Handeln geboten.
Spitalny: Der Rollout gehört als Top Priorität auf die Agenda der Unternehmensleitung. Alle notwendigen Maßnahmen sind zu priorisieren und auf die Zielstellung der Sicherung der Grundzuständigkeit auszurichten. Elementar wichtig sind eindeutig definierte Verantwortlichkeiten, engmaschige Monitoring Zyklen, kurze Entscheidungswege und natürlich die priorisierte Ausstattung mit internen und externen Ressourcen.
Was sind die größten Herausforderungen für die Studienteilnehmer? Und wie können diese bewältigt werden?
Gabriel: Die drei größten Herausforderungen sind 1. die Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit, 2. die Sicherstellung der WAN-Kommunikation und 3. die Anbindung und Realisierung der Tarifanwendungsfälle.
Spitalny: Der Herausforderung der Wirtschaftlichkeit muss durch ein ausgeprägtes Kosten- und Erlösmanagement (Zusatzleistungen) begegnet werden. Der erste Schritt zum Kostenmanagement ist Transparenz zu schaffen und Erkenntnisse aus dem Vergleich mit anderen zu gewinnen. Hier haben wir die Studienteilnehmer danach gefragt, ob sie an einem Benchmarking teilnehmen möchten. Über 50 Prozent wollen sich daran beteiligen, so dass wir das aktuell – natürlich offen auch für Nicht-Studienteilnehmer - vorbereiten. Für die Beeinflussung der Kosten sehen wir drei wesentliche Hebel. Neben der Ausprägung einer end-to-end Verantwortung und Bündelung der Rolle des gMSB, ist das die Vergrößerung des Anbindungsverhältnisses von mME an das Smart Meter Gateway und die Bewältigung der 2. Großen Herausforderung, die Sicherstellung der WAN Kommunikation.
Gabriel: Diese hat im operativen Rollout eine besonders hohe Bedeutung, insbesondere um eine hohe Erfolgsquote direkt beim ersten Einbauversuch zu erzielen. Durch eine detaillierte Rollout Planung können bereits im Vorfeld Einbausituationen mit offensichtlich geringer Netzabdeckung selektiert und Handlungsoptionen erarbeitet werden. Dabei sind verschiedene Kommunikationsinfrastrukturen zu bewerten und in die Rollout-Planung zu integrieren. Ebenso wichtig sind Schulungen sowie detaillierte Handlungsanweisungen für die Erreichung eines hohen Effizienzgrades in der Gerätemontage.
Spitalny: Die Komplexität und starke Abhängigkeiten der IT- und Prozessschnittstellen führen zu hohem Aufwand für die Anbindung der Tarifanwendungsfälle. Mehr denn je ist im Messstellenbetrieb eine hohe IT-Expertise gefragt. Dementsprechend steigen die Anforderungen an die Mitarbeitenden. Der gemeinsame Betrieb von Systemen und die Zusammenführung personeller Ressourcen, z.B. innerhalb von Kooperationen, erweist sich in der Branche zunehmend als eine zielführende Handlungsoption.
Welche nächsten politischen/rechtlichen Schritte erwarten Sie hinsichtlich des Rollouts?
Gabriel: Es gilt nun zunächst die Rechtssicherheit für den Rollout zu verbessern. Vor dem Hintergrund des OVG-Urteils und der anschließenden gesetzlichen Übergangslösung, erwarten wir eine heilende Allgemeinverfügung des BSI. Ob hierin auch die Erweiterung um die Anbindung von Erzeugungsanlagen erfolgt, ist unsicher. Damit das möglich wird, aber auch für die Anbindung des Submetering, erwarten wir kurzfristig die Richtlinie BSI-TR-03109-5. Hier sollen die Anforderungen an die Submetering- und die Steuer-Einheit beschrieben werden.
Spitalny: Auch die Weiterentwicklung des §14a EnWG ist zu erwarten, insbesondere um die Basis für die Steuerung von Anlagen zu schaffen sowie wichtige Impulse zum Ausbau intelligenter Netze zu setzen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
