Von: Bouke Stoffelsma, Vorstand der Hausheld AG
Jahrelang waren Smart Meter ungeliebt bei deutschen Versorgern: Kompliziert und zu teuer und dabei seien die alten Zähler doch eigentlich ausreichend, lautete das Urteil. Entsprechend zögerlich ist Deutschland beim Smart Meter Rollout. Mit dem sprunghaften Anstieg existenzieller Unternehmensrisiken in der Energiewirtschaft werden die Smart Meter überraschend zur Chefsache. Sie sind der Schlüssel, um kaufmännische Risiken zu erkennen und zu reduzieren.
Ob Gas, Strom oder Wärme, Energie ist die einzige Branche, in der Kunden noch Jahresrechnungen bekommen. Bis zur Rechnung werden Abschläge, also Anzahlungen geleistet. Das deutsche System funktioniert wie ein anachronistisches Sparbuch. Der Kunde spart monatlich an; erst am Jahresende wird wirklich abgerechnet.
Risiken der Jahresendablesung
Das birgt vor dem Hintergrund explodierender Energiekosten unkalkulierbare Risiken:
1. Abschläge gehören wirtschaftlich weiter dem Kunden und (noch) nicht dem Versorger. Werden Kunden insolvent, werden alle bis dato gezahlte Abschläge zurückgefordert. Der Versorger hat den Schaden. Er bleibt auf der Jahresrechnung sitzen.
2. Der tatsächliche Verbrauch ist lange unbekannt. Er kann deutlich höher ausfallen als geschätzt. Elektroautos, Home-Office und Heizlüfter sind für teure Überraschungen gut. Und auch die Bitcoin-Farm, mit der man aus Strom gleich selbst Geld „schürfen“ kann, gibt es Insidern zu Folge häufiger als man meint.
Aber auch wenn der Verbrauch erheblich niedriger als im Vorjahr ausfällt, entstehen Schäden, wenn die Energie teuer gehatcht wurde und dann nicht, nur teilweise oder nicht zum erwarteten Zeitpunkt abgenommen wird. So oder so, mit der Jahresendablesung ist es zu spät. Mögliche Mehrkosten haben sich längst verwirklicht, eine Reaktion ist nicht mehr möglich.
Unterschied Smart Meter
Smart Meter machen einen großen Unterschied. Der Verbrauch wird monatlich ermittelt. Abschlagzahlungen können rechtzeitig angepasst werden. Mit monatlichen Rechnungen können gelieferte Energiemengen zudem bereits gegen die Abschlagzahlungen gebucht werden. Die Zahlungen der Kunden werden so von unsicheren Anzahlungen zu sicherem Umsatz, die Risiken sinken.
Auch Kunden profitieren davon. Sind Smart Meter verbaut, wissen Kunden genauer, wann und wieviel Energie sie verbrauchen. Smart Meter schützen auch die Verbraucher vor finanziellen Überraschungen.
Um die derzeit beliebten „Balkonkraftwerke“ müssen sich die Energielieferanten ebenfalls schnell kümmern. Die noch immer überwiegend im Einsatz befindlichen Ferrariszähler verfügen in der Regel nicht über eine sogenannte Rücklaufsperre. Die kleinen Photovoltaik-Anlagen erzeugen Strom und der alte Zähler dreht rückwärts. Dadurch wird der solarerzeugte Strom – sofern der Kunde ihn nicht vollständig selbst verbraucht – zu dem hohen Preis vergütet, den der Kunde eigentlich für seinen Bezug zahlt. Der Versorger verkauft lediglich das Saldo aus Bezug und Einspeisung und zahlt erheblich drauf.
Was ist zu tun?
Smarte Risikomanager werden Kunden schnellstmöglich monatlich abrechnen. Die dafür benötigten intelligenten Messsysteme gibt es für Strom, Gas und Wärme. Sie lassen sich mit den gesetzlichen Preisobergrenzen wirtschaftlich betreiben, auch bei Kunden mit kleineren Verbräuchen. Smart Meter kosten wenig und senken das Zahlungsausfallsrisiko für Versorger entscheidend. Allein aus der Notwendigkeit des Risikomanagements führt daher kein Weg mehr an einem Voll-Rollout der neuen Technologie vorbei.
Energieunternehmen, die Rettungsschirme für sich fordern, haben Recht. Die Ausfallrisiken steigen schnell. Aber sie müssen auch selbst ihre Zahlungsrisiken senken, wollen sie von der Politik unterstützt werden. Der blinde Fleck im Energieverbrauch wird ohne Smart Meter zu einem Risiko, dass viele Stadtwerke nicht mehr tragen können. Die Digitalisierung der Energiewende mit Smart Metern ist eine große Chance, die Risiken nachhaltig und bei allen Kunden in den Griff zu bekommen. (sg)



