Für Epilot-CEO Michel Nicolai ist KI ein selbstverständliches Instrument, das gar nicht so abstrakt sein muss.

Für Epilot-CEO Michel Nicolai ist KI ein selbstverständliches Instrument, das gar nicht so abstrakt sein muss.

Bild: © Epilot

Herr Nicolai, warum fallen notwendige Innovationen der Branche (scheinbar) so schwer?

Michel Nicolai (Chef des Softwarespezialisten Epilot): Innovationen werden häufig durch vorhandene Arbeitsbedingungen ausgebremst. Vielerorts fehlt es an Agilität in den meist statischen Systemlandschaften und Arbeitsprozessen der Energiebranche. Innovationen und schnelle Reaktionen auf die Bedürfnisse des Markts sind dann besonders wirksam und effizient, wenn ein gewisses Maß an Digitalisierung und Automatisierung mit einer hohen Schnittstellenoffenheit zusammentrifft. So wird eine nahtlose Zusammenarbeit in Vertriebs-, Netz- und Serviceprozessen ermöglicht und in Kombination mit einer programmierfreien Lösung beispielsweise Markteinführungszeiten radikal verkürzt. Das ist unser Ansatz.

Unser Kunde Bergische Energie- und Wasser-GmbH (BEW) zum Beispiel konnte selbstständig und innerhalb von nur fünf Tagen die Produkte Photovoltaik und Elektromobilität auf ihrer Website live schalten. Gelsenwasser Energienetze wiederum hat vor Kurzem das Epilot-Netzportal und das Installateursportal innerhalb von nur zwei Wochen implementiert. Alle gängigen Netzprozesse wie Hausanschluss, Anmeldung von EEG-Anlagen etc. werden nun über das Netzportal Ende-zu-Ende abgewickelt.

Gleichzeitig stärken solche digitalen Prozesse die Kundenbindung, weil deren Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt werden, aber auch ihre von Netflix, Amazon und Co. gewohnten "On-Demand"-Ansprüche bedient werden. Das Ziel müssen effiziente und transparente Prozesse sowie Kollaborationsmöglichkeiten sein, die das Geschäft von Netzbetreibern, Stadtwerken und Energieversorgern vereinfachen und skalieren – trotz komplexer Produkte und Services. Nur so können Branchenteilnehmer auf Herausforderungen wie Mitarbeiter- und Handwerkermangel oder politisch-rechtliche Veränderungen angemessen reagieren.

Welche Entwicklungen auf dem Energiemarkt erwarten Sie in den nächsten fünf Jahren?

In den nächsten Jahren werden die Themen Smart Meter, dynamische Tarife oder Home-Energy-Managementsysteme in Kombination eine große Rolle spielen. Damit einher geht eine immer wichtiger werdende Verzahnung des klassischen Commodity-Geschäfts mit den Energiewendethemen. Wichtig ist, dass Energieversorger sich jetzt in ihren Strukturen und ihrer technologischen Basis darauf vorbereiten.

Ich bin überzeugt, dass Künstliche Intelligenz kein vorübergehender Trend ist, sondern über den Erfolg smarter und effizienter Prozesse entscheiden wird. Dafür ist als Grundlage ein zentraler Data Lake von hoher Bedeutung.

Bleiben wir kurz beim Thema KI. Hier gibt es viele Meinungen und Herangehensweisen. Als CEO eines Digitalunternehmens haben Sie vermutlich keine Berührungsängste. Was kann KI heute schon?

Zu unserem Kern gehört es, Netzbetreiber, Stadtwerke und Energieversorger zu befähigen, ihre Prozesse zu beschleunigen, mehr Effizienz zu erreichen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Dabei ist KI für uns ein selbstverständliches Instrument, das gar nicht so abstrakt sein muss.

Unser neues Feature für den Vertrieb und Service zum Beispiel funktioniert so: Die KI analysiert den gewünschten E-Mail-Verlauf und fasst ihn in wenigen Stichpunkten zusammen. Dadurch erkennt der Vertriebs- oder Service-Mitarbeitende sofort, ob und welcher Handlungsbedarf besteht. Das ist ein enormer Effizienzgewinn: Wir haben bei einer internen Analyse festgestellt, dass die Dauer des Antwortens auf mehrmalige und komplexe Mailaustausche mit KI um bis zu 75 Prozent reduziert werden kann.

Denn alle kennen das Problem: Je länger eine E-Mail-Konversation durch mehrmaliges Hin-und-her-Schreiben wird, desto mehr Zeit kostet es die Mitarbeitenden, sich immer wieder einzuarbeiten und das nächste To-do zu identifizieren. Diesen Vorgang beschleunigen wir nun mittels KI. Der praktische Nutzen ist direkt ersichtlich und macht aus dem Theoriefeld KI eine sofort einsatzfähige Unterstützung.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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