Die verstärkte Digitalisierung der Metropolen bringt deutsche Stadtwerke in eine vielversprechende Wettbewerbsposition: Bei zahlreichen Themen und Anwendungen in der sogenannten Smart City haben kommunale Betriebe bessere Angebote als große Energieversorger. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Strategieberatung Oliver Wyman unter 1.000 Endverbraucher aus deutschen Großstädten. Die Agentur wollte wissen, welche Geschäftsfelder auf besonders hohes Nachfragepotenzial der Städter stoßen – und wo sich Investitionen noch nicht lohnen.
Die Experten haben 31 potenzielle Einzellösungen in acht Themenfeldern auf dem deutschen Endkundenmarkt abgefragt. Untersucht wurden das generelle Interesse, die mögliche Nutzungshäufigkeit und nicht zuletzt die Bereitschaft, Geld für neuartige Smart-City-Angebote auszugeben. Von den acht analysierten Lösungsclustern zeigen Endkunden das höchste Interesse an Smart City-Angeboten in den Themenbereichen Infrastruktur (37 Prozent), Gesundheit (36 Prozent), Verwaltung (36 Prozent) und Mobilität (35 Prozent). Insbesondere Menschen unter 38 Jahren sind überdurchschnittlich stark interessiert.
Problem: der Kunde mag nicht zahlen
Als gravierendes Problem sieht der Beratungsfirma jedoch die Zahlungsbereitschaft der Endkunden an – die liegt mit durchschnittlich 72 bis 124 Euro im Jahr auf einem niedrigen Niveau. Doch wegen des Geldes macht sich Thomas Fritz, Partner bei Oliver Wyman, keine allzu großen Sorgen: „Energieversorger haben jetzt eine gute Chance, sich als innovativer Lösungsanbieter in den Städten von morgen zu etablieren.“ Mit entsprechender Strategie könnten sich die kommunalen Versorger zu einem Lösungsanbieter und Orchestrierer im städtischen Ökosystem entwickeln.
„Bei öffentlichen Gütern wie Verwaltung, Gesundheit und Sicherheit erwarten viele Verbraucher ein kostenloses Angebot“, sagt Fritz. Gegen gelernte Strukturen zu arbeiten, könnte sich als Kampf gegen Windmühlen erweisen. Umso mehr stelle sich die Frage, wo sich schon in Kürze Geld verdienen lässt und wo der Kompetenzaufbau als Investition lohnend erscheint. Die Anforderungen seien jedoch hoch: „Die Anbieter können nur dann die Zahlungsbereitschaft erhöhen, wenn sie zugleich mehr Komfort und eine einfache Nutzung bieten oder Wünsche nach Umweltverträglichkeit erfüllen.“
Vorteil für kommunale Unternehmen
Produkte mit klassischem Energiebezug rangieren laut Umfrage im oberen Mittelfeld des Interesses: Lokale und dezentrale Energieversorgungskonzepte, die zudem auf erneuerbare Quellen setzen, sind mit 171 bis 255 Euro von überdurchschnittlich hoher Zahlungsbereitschaft gekennzeichnet. 38 Prozent der Befragten zeigen sich an ihnen interessiert. „Hier können Energieversorger ihren natürlichen Vorteil ausspielen“, sagt Jörg Stäglich, Partner bei Oliver Wyman in München. Er rät: „Zusätzlich sollten sich Energieversorger bei den Topthemen Infrastruktur und Mobilität als Anbieter positionieren.“
Als Beispiel nennt Stäglich die intelligente Abfallentsorgung: „Wenn Mülltonnen mit Sensoren ausgestattet werden, ermöglicht das eine füllstandsabhängige Leerung.“ Weil sich die Routen der Entsorgungsdienste so optimieren lassen und überflüssige Fahrten entfallen, sänken die Kosten. Zwischen 60 und 103 Euro im Jahr würden sich die Befragten laut Studie solcherlei Intelligenz an der Tonne kosten lassen. Als „Stars Of Tomorrow“ charakterisiert die Untersuchung drei Themen: Automatisiertes Fahren, P2P-Fahrradsharing sowie Plattformen für modernes und kollaboratives Wohnen.
Kooperationen mit Spezialanbietern
Generell sieht Fritz die Stadtwerke in sechs von acht Themenclustern im Vorteil gegenüber großen Energieversorgern. „Nur im Themenbereich Nachhaltigkeit erzielen große EVUs eine Bestplatzierung in der Kundenpräferenz. Wie weit vorne ansonsten die Stadtwerke in den Augen der Endkunden sind, ist schon etwas überraschend.“ Fritz hält es für eine lohnende Strategie, gezielte Kooperationen mit Spezialanbietern einzugehen – auch um die Kundenwahrnehmung weiter zu verbessern.
Ein weiteres konkretes Beispiel sind nach Angaben der Oliver-Wyman-Experten intelligente Parklösungen, nach denen im Cluster Mobilität gefragt wurde. Hier arbeiten bereits einige lokale Stadtverwaltungen mit Technologieunternehmen zusammen. „Stadtwerke können hier genauso wie große Energieversorger schlagkräftige Kooperationen etablieren“, sagt Fritz. Stadtwerke werfen eine hohe lokale Verankerung und etablierte Kundenzugänge in die Waagschale. Und das kann vielerorts ein enormer Vorteil sein. (sig)



